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March 29, 2020

3_Martin Langer – Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden

Susanne Barta
Dieses Projekt ist aus einem Gespräch mit meiner sehr geschätzten Künstlerin-Freundin Gabriela Oberkofler entstanden. Es sind Momentaufnahmen aus dem Corona-Alltag von Menschen, die mir in dieser Zeit in den Sinn gekommen sind und die aus unterschiedlichen Perspektiven beschreiben, was sie beobachten. In einem zweiten Moment einige Monate später, werden sie ausführen, wie sich „Nach-Corona“ anfühlt und was sie nun beobachten. Begleitet werden die Aufzeichnungen von Gabrielas Zeichnungen und dem für mich sehr passenden Zitat von Karl Valentin.

 

Martin Langer war bis 2017 Primar für Anästhesie und Intensivtherapie in Mailand. Ebenso ordentlicher Universitätsprofessor an der Universität Mailand. Martin Langer ist in Bozen zur Schule gegangen und hat in Innsbruck Medizin studiert. Er lebt seit langem in Mailand. Und er ist der Bruder von Alexander Langer, Südtirols großem politischen Vordenker.  

 

Aufgezeichnet am 16. März 2020 

Ich bin nicht ganz, aber doch irgendwie mittendrin. Ich arbeite in einigen Kommissionen, die sich mit der Corona-Situation beschäftigen, unterstütze meinen Sohn, der auch Arzt ist, und eine Gruppe von Intensivstationsärzten. Es geht vor allem darum, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Neue Krankenhäuser zu bauen wie in China ist für uns hier zum Beispiel keine Option, da wir keine zusätzlichen Ärzte haben. Ein umgebauter Hangar im Messegelände nützt nichts, wenn es zu wenig Ärzte und Pflegepersonal gibt. Wir arbeiten gerade an einem Projekt, Medizinstudierende so auszubilden, dass sie als Hilfspfleger eingesetzt werden können. 2015 war ich für einige Wochen in einem Ebola-Camp in Sierra Leone und habe da Erfahrungen gesammelt, die mir jetzt sehr nützlich sind: über Maßnahmen zur Eindämmung und Bekämpfung der Epidemie; aber eben auch, zum Wesentlichen zu kommen.

Martin Langer Foto_1

Es wird lange dauern, bis sich Italien wieder erholt. Für viele ist es jetzt schon finanziell sehr schwierig. Ich habe eine Pension, mich trifft es weniger. Aber viele haben große Sorgen. Was die Menschen von dieser Zeit mitnehmen werden, ist schwer zu sagen. Vielleicht wird weniger gereist? Es gibt ja Leute, die mehrfach im Jahr Urlaub auf irgendwelchen Südseeinseln machen. Vielleicht wird das weniger? Vielleicht kommt auch der Spruch meines Bruders Alexander zu mehr Geltung: „Lentius, Profundius, Suavius“. In Umkehrung des Olympischen Mottos „schneller, höher, stärker“ plädierte er für „langsamer, tiefer, sanfter“. Es ist auch möglich, dass wir uns wieder mehr auf das Naheliegende, das Kleine beziehen werden. Globalisierung ist an sich eine gute Sache, aber nicht in ihrer frenetischen Ausführung. Auch das zeigt uns das Virus.

Vielleicht steckt in dieser Zeit auch politisch eine Chance. Wenn Leute wie Johnson und Trump in dieser Krise aufs Dach kriegen, könnte das eine Möglichkeit für eine vernünftigere Welt sein. Noch ist ja nicht klar, wie es sich in diesen Ländern entwickelt. Und wie es die Wähler aufnehmen werden, wenn vielleicht Hunderttausende sterben. Natürlich ist es einfach zu sagen, lassen wir das Virus sich austoben. Aber wer Verwandte, Bekannte hat, die sterben, wird nicht so einfach hinnehmen, dass im 21. Jahrhundert keine konsequente Verteidigung gegen ein Virus stattfindet.

Martin Langer Foto_2 Potschn

Ich habe die Erfahrung gemacht, solange die Vorschriften nicht klar sind, halten sich die Menschen wenig daran. In der Zwischenzeit läuft bei uns alles doch sehr zivil und rücksichtsvoll ab. Kein Hamstern, soweit ich das übersehen kann. Ich beobachte eine betroffene, besorgte und auch bewusste Haltung. Einige Politiker verzichten jedoch immer noch nicht auf ihre Wahlkampfeinstellung und das stört viele Leute.

Ich fürchte, dass nach Corona das wirtschaftliche Nachholbedürfnis so groß sein wird, dass alles, was vielleicht gewonnen wurde, wieder wegfällt. Und ich fürchte, dass das auf das Klima einen eher negativen Einfluss haben wird. Man hört bei uns nichts mehr über Themen wie den Klimawandel oder die Flüchtlingskrise, es geht nur um Corona. Ich denke, alles wird sich auf die Wiederherstellung der Wirtschaft konzentrieren, nicht auf ihre Veränderung. Vielleicht ist es ja auch das Dringendste. Aber eine Systemveränderung, fürchte ich, ist vor allem ein intellektueller Wunsch.

Martin Langer hat sich den Text am 25.03.2020 angeschaut und hinzugefügt: Wie schnell sich die Dinge ändern. In der Zwischenzeit sind mehrere Feldkrankenhäuser aufgestellt worden (Cremona, Bergamo, Brescia) und das in Mailand soll nächste Woche fertig sein. In Cremona arbeiten Ärzte und Pfleger aus Kuba, in Brescia Amerikaner und in Bergamo Russen und eine bunte Mannschaft von Emergency. Wer in Mailand arbeiten soll, ist mir noch nicht bekannt, aber es gibt viele Freiwillige; auch eine chinesische Mannschaft ist in Mailand. Dafür ist das Medizinstudierendenprojekt stecken geblieben – so irrt man sich!

 

Zeichnung: Gabriela Oberkofler 
Fotos: Martin Langer 

 

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