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March 18, 2021

Teil 2: 13_Heiner Oberrauch – Wir müssen in größeren Zusammenhängen denken

Susanne Barta

 Dieses Projekt ist aus einem Gespräch mit meiner sehr geschätzten Künstlerin-Freundin Gabriela Oberkofler entstanden. Es sind Momentaufnahmen aus dem Corona-Alltag von Menschen, die mir in dieser Zeit in den Sinn gekommen sind und die aus unterschiedlichen Perspektiven beschreiben, was sie beobachten. Teil 1 wurde von März bis Mai 2020 aufgezeichnet. Fast ein Jahr später bestimmt Corona unseren Alltag nach wie vor und wird das wohl noch länger tun. Was hat sich verändert? Welche Beobachtungen und Erfahrungen sind dazu gekommen? Eine zweite Momentaufnahme geht diesen Fragen nach. Begleitet werden die Lockdown Aufzeichnungen von Gabrielas Zeichnungen und einem Mut machenden Zitat des Soziologen Harald Welzer.   

Heiner Oberrauch ist Präsident der Oberalp-Salewa Gruppe und designierter Präsident des Südtiroler Unternehmerverbands. Als Unternehmer ist es ihm gelungen, Geschäftssinn mit sozialem und nachhaltigem Engagement zu verbinden. Sein Anspruch diesbezüglich ist hoch. Ein Anspruch, den er nicht nur an Land und Leute, sondern auch an sich selbst richtet.

Am Beginn der Krise hat die Oberalp-Gruppe auf Bitte der Landesregierung dem Südtiroler Sanitätsbetrieb ermöglicht, schnell Masken zu bestellen und ist in finanzielle Vorleistung gegangen. Daraus entwickelte sich eine Polemik, da die Produkte zum Teil nicht der Norm entsprachen. Das Unternehmen war hier nur als Vermittler tätig.Heiner Oberrauch_OBERALP_20190319_02692

Aufgezeichnet am 8. März 2021 

Für mich persönlich war das eine neue Erfahrung. Polizei und Staatsanwalt waren involviert, das ist eine Lebenserfahrung mehr, die mich sehr beschäftigt hat und immer noch beschäftigt. Die gesamte Summe von 28 Millionen Euro ist noch ausständig. Das ist eine große Belastung für das Unternehmen. Politik und Sanitätsbetrieb sagen, sie möchten bezahlen, dürfen aber nicht. Dem Unternehmen geht es Gott sei Dank gut, so dass die Situation in der Zwischenzeit nicht mehr kritisch ist. Wir haben ja damals von einer Finanzierung von 40 Tagen gesprochen, daraus ist eine Finanzierung von über einem Jahr geworden und wir warten immer noch auf das Geld. Mich belastet selten etwas, ich kann relativ gut abschalten, aber das hat meine Kapazitäten des Abschaltens überstiegen. Das Gefühl, man möchte helfen und wird dann aber im Stich gelassen, ist ein ungutes Gefühl. Ebenso, dass man hier fast wie auf der Anklagebank sitzt. Aber ich habe auch viel Solidarität erfahren. Diese Ohnmacht zu ertragen ist nicht einfach, vor allem nicht für einen Unternehmer.

Mit dem Rest der Krise kann ich in der Zwischenzeit gut umgehen, weil ich gelernt habe, dass Covid Teil unseres Lebens ist. Dazu kommt, dass ein Teil unserer Unternehmensgruppe sehr gut arbeitet, weil gerade alle Menschen in die Berge wollen. In einer Krise ist die Sehnsucht nach Natur und Romantik immer stark. Die wirtschaftliche Sorge ist im Hauptunternehmen also nicht da, in unseren Modebetrieben und in der Gastronomie gibt es allerdings große Umsatzeinbußen. Aber wir haben Reserven, man muss ja nicht jedes Jahr Gewinne machen und wenn Reserven da sind, dann braucht man die halt auch einmal auf. Als Unternehmen sind wir nicht existentiell bedroht, aber für die Menschen, die zum Teil arbeiten können, zum Teil nicht, ist die seelische Belastung sehr groß.

Nicht gut geht’s mir in der Pandemie mit dem wachsenden Egoismus, dem „Jeder gegen Jeden“, auch in der Wirtschaft. Mich ärgert, dass nur mehr kritisiert wird, vieles ist ja auch gut gegangen. Am Anfang war viel Solidarität zu spüren, jetzt zerbröckelt sie. Wer mehr schreit, bekommt Aufmerksamkeit, das ist auch ein Problem der Presse. Es werden keine Lösungen aufgezeigt, sondern nur Probleme. Tiers_Heiner_Oberrauch.Thilo_BrunnerIch denke, dass es nach der Krise zunächst hektischer wird, wir werden aber auch resilienter sein, weil wir gelernt haben, langfristiger zu denken. Etwas auf der hohen Kante zu haben, wird wichtiger, auch mit mehr Augenmaß und gesünder zu planen. Die Krise ist in vielen Dingen ein Beschleuniger. Die Einsicht, dass „Overtourism“ ein Problem ist, hätten wir zum Beispiel ohne Krise nicht geschafft. Auch das Bedürfnis nach Sicherheit wird höher. Ich merke zum Beispiel bei Menschen, die Arbeit suchen, dass andere Fragen gestellt werden als vorher. Das Bedürfnis nach Beständigkeit wächst, das exzessive Wachstumsstreben wird sich etwas abschwächen. Es ändert sich gerade Vieles, vor allem in technischer Hinsicht, wir reisen weniger, vieles geht auch digital, diese Einsicht wird auch nachher bestehen bleiben. Wer hätte gedacht, dass eine ganze Landesverwaltung digital funktioniert? Auch im eigenen Betrieb merke ich das. Letztes Jahr sind nur 25 % der üblichen Reisekosten angefallen und der Betrieb wächst trotzdem. Wir haben gesehen, wie schnell sich Gesellschaft verändern kann, das macht Mut.

Die großen Themen unserer Zeit sind in meinen Augen Erderwärmung und Immigration beziehungsweise Gerechtigkeit, da wir ja in einer globalen Welt leben. Diesen Themen müssen wir uns stellen, und dazu braucht es ein anderes Denken, zum Teil ein radikal anderes Denken. Das wird zwar etwas an Wohlstand kosten, dafür aber Wohlstand in anderen Bereichen bringen. Wir müssen in größeren Zusammenhängen denken, technische Innovationen und Verhaltensänderungen braucht es dabei gleichermaßen. Nur auf Weniger zu setzen, ist sozial und gesellschaftlich nicht durchsetzbar, wir müssen darauf achten, die Menschen mitzunehmen, bevor es zu Konflikten kommt.

 

Zeichnung: Gabriela Oberkofler 
Fotos: (1) © Oberalp; (2) © Thilo Brunner

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