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February 9, 2024

JEEPS – eine Kapitalismuskritik. Im Gespräch mit Susanne Schmelcher und Michaela Senn

Max Silbernagl

Was wäre, wenn man sich nicht mehr auf das Erben verlassen könnte oder, besser gesagt, eine Lotterie daraus gemacht werden würde, wie viel man bekommt? Weg von der Eierstocklotterie, hin zum puren Glück.

Nora Abdel-Maksoud versteht es, das ehrliche Leben der Menschen in einem Bühnenstück zusammenzufassen, ohne dabei die Ängste und Sehnsüchte der Menschen zu vergessen sowie die verschiedenen Startvoraussetzungen der Figuren miteinzubeziehen. Sie immer wieder vor neue Herausforderungen zu stellen. Ein Marathon der verschiedenen Leben, wie das Leben so spielt.

Um das auszugleichen, setzt die Autorin auf eine Erbrechtsreform, auf das allwissende AMS und eine gute Prise Humor.

Zu sehen gibt es diesen interessanten Cocktail namens „JEEPS“ ab 16. Februar 2024 im BRUX Freien Theater Innsbruck. Inszeniert wurde das Stück von Regisseurin Susanne Schmelcher, Dramaturgin und Produktionsleiterin ist Michaela Senn. Im Interview erzählen sie uns, was das Schreckgespenst Erbe für sie bedeutet und welche Bühnenfigur für sie am Schwierigsten war.Susanne Schmelcher (c) MelHubachWelche Bedeutung hat das Wort „Erbe“ für euch? Warum gehört es neu gedacht?

Michaela Senn: Erbe bedeutet zunächst einmal, dass Vermögen, das eine Person nach ihrem Tod hinterlässt, an eine andere Person weitergegeben wird. Meist betrifft das ja innerfamiliäre oder verwandtschaftliche Weitergaben, das ist zu einem bestimmten Grad gesetzlich bestimmt und kann durch ein rechtsgültiges Testament beeinflusst werden. Wenn wir von Erbe sprechen, meinen wir meistens materielles Erbe. In einem erweiterten Diskurs könnten auch genetisches Erbe und zum Beispiel das Erbe eines gewissen Bildungsgrades in die Betrachtung miteinfließen.

Susanne Schmelcher: Das materielle Erbe, um das es im Stück „JEEPS“ geht, bringt der erbenden Person, je nachdem in welche Familie man geboren wird, Vor- oder Nachteile. Reiche Menschen und auch Menschen des sogenannten Mittelstandes haben den ärmeren Personen immer etwas voraus – sie gehen durchs Leben mit einem nur in seltenen Fällen einholbaren Vorsprung. Schon wer ein Haus vererbt bekommt bzw. weiß, dass seine Eltern ihm ein Haus vererben werden, kann Entscheidungen über seinen Beruf oder die Familiensituation viel unbeschwerter treffen. Produktdesignerin werden – kein Problem, vier Kinder – ja, geht schon – ich habe ja das Haus meiner Eltern. Und da reden wir noch nicht mal von den Multimillionär*innen, von denen es in Österreich ja auch einige gibt. Wer nichts oder Schulden erbt, kann von dem Luxus der Unbeschwertheit nur träumen. Da müssen eine Ausbildung und ein gut bezahlter Job her. Diese soziale Ungerechtigkeit gilt es meiner Auffassung nach anzupacken. Ab einem gewissen Freibetrag – sagen wir 500.000 Euro – sollten Erbschaften versteuert werden. In Österreich gibt es momentan KEINE Erbschaftssteuer, das ist eine Absurdität.

Michaela Senn: Vor allem, wenn man bedenkt wie hoch zum Beispiel Arbeit versteuert ist, ist es wirklich absolut irre, dass Erbschaften völlig steuerfrei angetreten werden können. In Österreich hat man es sich zur Tradition gemacht, den Leistungsbegriff hochleben zu lassen und in (politischen) Reden markant zu positionieren. Dem widerspricht das Fehlen einer Erbschaftssteuer auf ganzer Linie: Eine Person bekommt ein Vermögen, ohne dafür irgendeine Leistung vollbracht zu haben – außer natürlich der „Leistung“ in die „richtige“ Familie hineingeboren worden zu sein – und darf darüber steuerfrei verfügen. Was mich extrem fasziniert hat, war die Emotionalität, die sofort aufkommt, wenn über Erbschaftssteuer bzw. die Ungerechtigkeit des steuerfreien Erbens geredet wird. Die meisten Menschen fühlen sich bedroht, glauben, es würde ihnen etwas weggenommen – selbst wenn sie nicht einmal davon ausgehen können, dass sie ein (großes) Erbe antreten werden. Daher ist es wichtig zu unterscheiden – wie Susanne bereits angedeutet hat –, dass es nicht darum geht, jemandem etwas wegzunehmen, sondern der Gesellschaft einen Beitrag zurückzugeben, der ihr schlichtweg zusteht. Besonders schlagend wird das bei Weitergabe großer Vermögen – die es in Österreich jährlich gibt (man erinnere sich: ca. 15 Milliarden Euro werden jährlich allein in Österreich vererbt) – damit geht nicht nur eine Konzentration von großem Vermögen in den Händen weniger einher, sondern auch eine große Machtkonzentration: Reiche Menschen haben mehr Macht, werden in Entscheidungsprozessen stärker berücksichtigt, haben „mehr“ Stimme, können sich gegebenenfalls Medien und Politik gefügig machen – all diese Dinge beeinflussen unser Zusammenleben und sorgen für das Weiterschreiben extremer Ungerechtigkeiten, die die Einführung einer Erbschaftssteuer und einer besseren Aufklärung darüber mehr als notwendig machen.
Ich freue mich daher außerordentlich, über das Stück „JEEPS“ von Nora Abdel-Maksoud, das im Publikum sicher Denkprozesse und Diskussionen anstoßen wird. Außerdem ist es besonders schön, dass am 17. Februar die Millionenerbin und Mitgründerin von taxmenow, Marlene Engelhorn, sowie der Richteramtsanwärter Simon Jetzinger zum Gespräch im Anschluss an eine Vorstellung ins BRUX kommen.Michaela Senn (c) Dino BossniniMit welcher Bühnenfigur habt ihr euch am Schwersten getan, diese einzubetten?

Susanne Schmelcher: Aus unserer Blase der halbwegs gut situierten Künstler*innen ist es sicher am Schwierigsten sich der Figur der Mindestsicherungsempfängerin im Langzeitbezug Maude anzunähern. Auf der Probe haben wir gemerkt, dass wir über den wirklichen Kampf um Bezüge im AMS bzw. über das Ansuchen von Mindestsicherung nur wenig wissen. Stattdessen stehen wir der Figur Silke aus dem Stück näher, die aus bürgerlichen Verhältnissen kommt, ein Erbe von ihrem Vater zu erwarten hat und trotzdem irgendwie denkt, sie würde nicht zu den privilegierten Menschen gehören. „Wir sind ja nicht reich. Wir haben nur Camping-Urlaube gemacht.“ (Silke in „JEEPS“) Wenn wir ganz ehrlich in uns hineinhören, haben wir mit dieser Figur sicher mehr Gemeinsamkeiten. 

Michaela Senn: Das spannende an „JEEPS“ ist aber sicher auch, dass man beim Zuschauen jede Figur extrem ablehnen und, aus einem anderen Licht betrachtet, wieder extrem gut verstehen kann. Das macht „JEEPS“ zu einem wirklich tollen Stück. 

Fotos: (1) JEEPS BRUX – Nora Abdel-Maksoud – Freies Theater Innsbruck (c) Marco Trenkwalder & Julia Neuhold; (2) Susanne Schmelcher (c) MelHubach; (3) Michaela Senn (c) Dino Bossnini.

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