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April 23, 2020

12_Heinz Bude – Möglicherweise stehen wir an einem Wendepunkt

Susanne Barta

Dieses Projekt ist aus einem Gespräch mit meiner sehr geschätzten Künstlerin-Freundin Gabriela Oberkofler entstanden. Es sind Momentaufnahmen aus dem Corona-Alltag von Menschen, die mir in dieser Zeit in den Sinn gekommen sind und die aus unterschiedlichen Perspektiven beschreiben, was sie beobachten. In einem zweiten Moment einige Monate später, werden sie ausführen, wie sich „Nach-Corona“ anfühlt und was sie nun beobachten. Begleitet werden die Aufzeichnungen von Gabrielas Zeichnungen und dem für mich sehr passenden Zitat von Karl Valentin. 

 

Der deutsche Soziologe Heinz Bude ist gefragter denn je. In Zeiten wie diesen braucht es kluge Köpfe, die mit Herz, aber vor allem Vernunft auf die Dinge schauen, die wir gerade erleben. Und sie formulieren können. Heinz Bude lebt in Berlin. Er ist derzeit Mitglied einer Kommission des Bundesinnenministeriums in Deutschland, das den Apparat mit Daten und Deutungen über die Eindämmung von Covid-19 versorgt. Zuletzt erschien im Hanser Verlag sein Buch „Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee.“ Ich lese es gerade und es könnte nicht passender sein.

 

Aufgezeichnet am 5. April 2020 

Auch wenn es sich etwas merkwürdig anhört, diese Zeit ist für mich ein Abenteuer. Weil ich das Gefühl habe, dass ich mich als Soziologe auf eine Art und Weise einbringen kann, wie ich das bisher noch nicht getan habe. Das Grundproblem ist, dass die Leute, die an staatlichen Stellen sitzen, jetzt auf uns alle zugreifen wollen und müssen, auf die Gesellschaft der lebendigen Menschen. Und das ist ein ungeheurer Vorgang, den es sonst nur im Krieg gibt. Nicht nur, dass man an bestimmten Stellschrauben dreht, wie 2008/2009 als man die Banken mit Liquidität ausstattete, wo Adressaten und institutionelle Bedingungen völlig klar sind. Das ist es jetzt nicht, denn man weiß nicht so genau, wie man auf uns, die Leute, zugreifen und sie zu einer Veränderung ihres alltäglichen Verhaltens bringen kann. Denn die Leute, wir, wissen selbst nicht, wie sie sich verhalten und was sie von der Ansteckung durch das Virus halten sollen. Das ist für mich eine interessante Situation. Man, der Staat, muss jedoch einen Weg finden, die Selbstdisziplinierung der Leute anzusprechen. Das geht jedenfalls nicht „chinesisch“, sage ich jetzt mal überspitzt. Das ist gut so, aber deshalb ist es auch komplexer.

Heinz Bude 1 + 2

Ich selber merke plötzlich, dass ich nicht nur Beobachter bin, sondern auch Teilnehmer, auch persönlich, denn ich gehöre zur Risikogruppe. Irgendwie muss ich mich also schützen und mit der Situation umgehen und schwanke gewissermaßen zwischen beiden Positionen hin und her.
Zuerst war ich geradezu überwältigt von der Bereitschaft solidarisch zu sein. Diese Form von scheuer Solidarität empfand ich als sehr angenehm. Im Sinne von „Wie mache ich das denn, anderen zu helfen?“, „Wie mache ich das, Älteren beizustehen, ohne ihnen zu nahe zu kommen?“. Dann kam der Ärger, weil ich merkte, viele nehmen das nicht ernst genug, was hier gerade passiert. Das hing auch mit dem Wissen zusammen, das ich mir aneignete, und mir klar wurde, dass es sich doch um eine sehr brenzlige Situation handelt. Es gab diese Idee, Shutdown ist doch ganz schön, man entschleunigt, man kommt auf andere Gedanken und ich dachte, nein, nein, nein, so einfach ist die Sache nun wiederum nicht. Und schließlich kam der Punkt, wo ich erkannte, dass wir möglicherweise an einem Turning-Point stehen. Dass man aus einer überhitzten Gesellschaft in eine Ruheposition kommt und merkt, vielleicht stehen wir an einem Wendepunkt einer Geschichte, die fast ein halbes Jahrhundert gedauert hat. Und man sich fragen muss: Machen wir jetzt etwas anders, wenn wir hier wieder rauskommen, oder sind wir alle total froh, dass es vorbei ist, und machen so weiter wie bisher? Beides kann passieren. Das beschäftigt mich sehr. Und was bedeutet es für unsere Zukunft, wenn wir gemeinsam diese Erfahrung machen? Für mich war es ein unglaubliches Bild, dass die beiden Gesellschaften, die beiden Länder, die uns den Neoliberalismus gebracht haben, die USA und Großbritannien, möglicherweise jetzt vor dem Ruin stehen. Das ist auch so eine merkwürdige Situation. Die können überhaupt nicht mit den Problemen umgehen, dass Menschen auf dem Flur im Krankenhaus sterben, weil es keine Betten für Intensivmedizin gibt und die Kühlräume der Leichenbestatter nicht mehr ausreichen ­– oder nur auf eine Weise, die einen schaudern lässt. Die beiden Länder, die am Anfang einer Entwicklung standen, stehen jetzt plötzlich am Ende dieser Entwicklung. Und man tritt einen Schritt zurück und denkt, so ein Glück, dass ich jetzt nicht in den USA oder in Großbritannien bin.

Heinz Bude 3 + 4

Man kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass es kein Zurück gibt. Jedenfalls nicht mittelfristig. Sondern nur eine Veränderung. Wir werden wohl wieder ein gutes Leben machen können, aber unter veränderten Bedingungen. Es wird nicht so sein, dass wir nach einem Monat sagen, „Ach, was war das für ein Spuk, ein Glück, dass das wieder vorbei ist“. So wird es nicht funktionieren. Das heißt, wir müssen uns eher auf eine Transformation einstellen, von der wir noch nicht so ganz genau wissen, welcher Art diese ist. Mit Gewissheit aber kann man sagen, dass es eine neue Anerkennung für bestimmte Berufsgruppen geben wird. Wir haben jetzt gesehen, wie wichtig die Leute sind, die in den Krankenhäusern arbeiten, die Regale auffüllen in den Lebensmittelgeschäften, die die Busse und Straßenbahnen lenken. Man spricht mit einem Mal von der Systemrelevanz dieser Berufe. Denen wird man nicht im nächsten Jahr sagen können, April, April, das war eine schöne Zeit und jetzt müsst ihr wieder mit 1.000 Euro netto zurecht kommen. So wird es nicht gehen können und das hat Konsequenzen. Möglicherweise werden wir es, jedenfalls in Deutschland, mit 20 bis 25 Prozent der Beschäftigten zu tun haben in Zukunft, von denen man nicht mehr sagen kann, die kosten nur. Diese Leute sind konstitutiv für unsere Möglichkeit zu leben. Das heißt, diesen Sektor unserer Ökonomie muss man ausstatten, denn er ist extrem relevant. Man spricht hier vom politischen Preis für Dienstleistungen. Das könnte auch heißen, dass der Staat in Zukunft eine größere Bedeutung für unsere Gesellschaft haben wird, als er in den letzten 30, 40 Jahren hatte. Ich glaube, es gibt sogar so etwas wie eine Entdeckung der Staatsbedürftigkeit unserer Gesellschaft. Viele Leute haben gerne gesagt, Gesellschaft ist vor allem Zivilgesellschaft, ist Eigeninitiative, ist direkte Solidarität, zu der man sich entscheidet, und man sollte es den Leuten selber überlassen, wie sie sich organisieren. Ich glaube, dieses Gefühl ist verschwunden. Das Pathos der Zivilgesellschaft, dass das am Ende die wahrere Politik gegenüber der staatlichen Politik wäre, ist wohl vorbei. Die Frage ist nur, was das bedeutet. Kommt jetzt der autoritäre Staat? Der digitale Staat? Was wird das jetzt und wie wollen wir uns dazu verhalten? Das sind brennende Fragen. Wobei ich Partei bin in dieser Frage und sage, ja, wir brauchen Staat.

Ich bin auch fest davon überzeugt, dass jeder jetzt gesehen hat, dass Solidarität etwas anderes ist als Empathie. Empathie meint, man muss den Leuten nahe kommen, sie verstehen, mit ihnen fühlen, nein, Solidarität verlangt jetzt, Abstand zu halten, diszipliniert zu sein und sich gegenseitig zu helfen. Nicht nur mit dem Herz, sondern auch mit dem Kopf. Und das ist etwas Großartiges.

 

Zeichnung: Gabriela Oberkofler 
Fotos © Heinz Bude

 

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