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March 27, 2020

1_Gabriela Oberkofler – Ich bin Künstlerin, keine Dienstleisterin

Susanne Barta
Dieses Projekt ist aus einem Gespräch mit meiner sehr geschätzten Künstlerin-Freundin Gabriela Oberkofler entstanden. Es sind Momentaufnahmen aus dem Corona-Alltag von Menschen, die mir in dieser Zeit in den Sinn gekommen sind und die aus unterschiedlichen Perspektiven beschreiben, was sie beobachten. In einem zweiten Moment einige Monate später, werden sie ausführen, wie sich „Nach-Corona“ anfühlt und was sie nun beobachten. Begleitet werden die Aufzeichnungen von Gabrielas Zeichnungen und dem für mich sehr passenden Zitat von Karl Valentin.

 

Die Südtiroler Künstlerin Gabriela Oberkofler ist in Jenesien in einem Gastbetrieb aufgewachsen. Sie lebt und arbeitet in Stuttgart, das letzte halbe Jahr hat sie in Berlin verbracht. Herkunft, Tradition und eine große Naturverbundenheit spielen eine große Rolle in ihren Arbeiten, die in einen zeitgenössischen Kontext gesetzt, ganz neue Perspektiven auf vermeintlich Vertrautes eröffnen. Ihre Kunst hat etwas Spielerisches an sich, wer sich darauf einlässt, entdeckt eine vielschichtige, tiefgründige und manchmal auch abgründige Welt. Gabrielas künstlerische Medien sind vielfältig, aber es ist vor allem die Zeichnung, der ihre große Aufmerksamkeit und Hingabe gilt.

 

Aufgezeichnet am 20. März 2020 

Ich bin nichtsahnend mit meiner Nichte von Berlin nach Jenesien gekommen. Das war einen Tag, bevor die ersten strengen Ausgangsregelungen in ganz Italien verhängt wurden. Gemeinsam mit meinen Schwestern wollte ich einen Kurzurlaub in Gröden machen. In Deutschland war das Thema noch nicht richtig angekommen und ich war sehr überrascht, als uns das Hotel mitteilte, dass wir nicht kommen konnten. Da ich erkältet war, zudem sehr erschöpft, wollte ich vorerst in Jenesien bleiben. Nur sehr langsam habe ich begriffen, wie ernst die Situation ist. Gleichzeitig steckte ich mitten in einer sehr intensiven Zeit mit Ausstellungsprojekten, Messebeteiligungen, Reisen nach Japan und Indien. Schon in Berlin war mir klar, dass mein Frühjahrsprogramm viel zu dicht ist. Ich bin in der Nacht mit Panikgefühlen aufgewacht und habe darum gebeten, dass ich das alles irgendwie schaffe. Wie viele Künstler habe auch ich alle Projekte angenommen, die auf mich zukamen. Schritt für Schritt werden jetzt fast alle abgesagt oder verschoben und ich bin einfach nur froh. Ich bleibe nun hier, lasse mir Zeichenpapier schicken, arbeite in Ruhe und versuche das Beste daraus zu machen.

Gabriela Oberkofler Jenesien Südtirol

Der Kunst- und Kulturbetrieb ist in meinen Augen heiß gelaufen. Ich dachte immer, dass ich etwas außerhalb stehe, habe aber gemerkt, dass ich doch mittendrin bin. Mein Galerist hat mich zuletzt sehr unter Druck gesetzt wegen einer anstehenden Messe. Alte Zeichnungen, die ich ihm angeboten habe, wollte er nicht und ich wollte nicht auf Knopfdruck neue produzieren. Ich habe gemerkt, dass ich in einem System drin bin, wo viele Menschen sehr viel von mir verlangen, mich unter Druck setzen und ein Nein nicht akzeptieren. Das mag damit zusammenhängen, dass ich in letzter Zeit sehr erfolgreich war und sich immer mehr Leute wie bei einem Kuchen ein Stück abschneiden wollen. 

Die meisten Künstler, auch ich, machen alles selber. Von Rechnungen und Anträgen schreiben bis zum künstlerischen Arbeiten. Das ist einfach nicht zu schaffen. Man kommt in ein Hamsterrad und läuft und läuft und läuft. Irgendwann fällt das Rad aus der Schiene und man fliegt durch die Luft, kommt irgendwo unsanft auf und realisiert erst, in welcher Situation man ist. Ich lebe in Stuttgart, war aber gerade mit einem Stipendium ein halbes Jahr in Berlin. Berlin ist noch krasser. Es gibt so viele Künstler, so viele Aktivitäten, was man auch macht, es reicht nie, es ist nie genug. Der Stress und der Konkurrenzkampf sind heftiger als in Stuttgart. Ich beobachte auch viel Arroganz und das unbedingte Bedürfnis cool zu sein. Mich hat das so nervös gemacht. Ich mag Berlin als Stadt, aber dort als Künstler zu leben hat seinen Preis. Vermutlich bin ich da auch zu empfindlich.

Gabriela Oberkofler 02

Ich möchte etwas aus dieser Krise lernen. Mehr bei mir bleiben als bisher, meine Sachen konsequent weitermachen, aber mich nicht mehr verrückt machen lassen. Innehalten und darüber nachdenken, was mache ich da eigentlich? Natürlich bewegt man sich als Künstlerin in einem Beziehungsgeflecht von Galeristen, Museumsdirektoren, Auftraggebern und Kuratoren. Aber es braucht eine Balance zwischen Geben und Nehmen. Ich bin Künstlerin und keine Dienstleisterin. Niemand passt auf einen auf, das muss man selber machen. Und es ist wichtig, dass man auf sich aufpasst, früh genug wahrnimmt, wenn es in die falsche Richtung läuft, es kritisch hinterfragt und auch anspricht.

Ich frage mich, welchen Beitrag zur gesellschaftlichen Reflexion Kunst heute leisten kann, wenn sie kaum mehr inhaltlich orientiert, sondern vor allem auf Konsum ausgerichtet ist? Wenn kaum jemand mehr zu sich kommt? Ich wünsche mir, dass diese Zeit auch eine Chance für das Kunstsystem ist, sich wieder mehr mit Inhalten zu beschäftigen. Natürlich ist es für viele Künstler eine sehr schwierige Zeit, da fast alles abgesagt wurde und weiterhin wird. Auch meine Verkäufe werden zurückgehen. Ich habe mir aber einen Arbeitsrhythmus erarbeitet, der vom Markt nicht so abhängig ist. Für Künstler, die nur mit dem Kunstmarkt arbeiten, wird das ein großer Einbruch. Ich hoffe, dass es Überbrückungshonorare auch von staatlicher Seite geben wird. 

So schlimm sich das anhören mag, aber für mich ist dieses Corona-Virus wie eine Reißleine ziehen. Ich nutze diese Zeit, mich ganz bewusst auf meine Zeichnung zu konzentrieren. Das gibt mir Halt. Was mich also durch diese Krise tragen wird, ist meine künstlerische Arbeit. Ich freue mich auf diese intensive Zeit mit meiner Zeichnung.

Gabriela Oberkofler 03

 

Zeichnung: Gabriela Oberkofler
Fotos: Gabriela Oberkofler

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