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January 11, 2021

Querbeet durch die Epochen: Judith Waldmann goes Kunst Meran

Eva Rottensteiner

Ein frischer Wind weht durch Kunst Meran Merano Arte. Er, oder besser gesagt sie heißt Judith Waldmann. Die deutsche Kunsthistorikerin mit zeitgenössischem Fokus hat mit Dezember 2020 die kuratorische Leitung übernommen. Zuvor war sie Ausstellungsleitung von Monitoring – Ausstellung für zeitbasierte Medienkunst im Kasseler Kunstverein und am Kulturbahnhof Kassel und freie Kuratorin in Kassel und Turin. Jetzt pendelt sie zwischen Kunst Meran und der Adrian Piper Research Archive Foundation in Berlin, wo sie den Posten der Assistenz-Direktorin inne hat und schreibt zwischendurch auch für Monopol Magazin, Dare und C& América Latina.

Ein bisschen zeitgenössische Kunst gefällig? Hell yes!

Meet the curator…

Warum eigentlich Südtirol?

Südtirol, als autonome Region Italiens, grenzend an Österreich und die Schweiz, ist ein unheimlich spannendes Territorium. Aufgrund seiner besonderen geographischen Lage und Geschichte werden hier seit Generationen Fragen verhandelt, denen auf internationaler Ebene große Relevanz zukommt. Wie organisiert sich das interethnische Zusammenleben? Welche Konflikte und Chancen bringt es mit sich? Was bedeutet es, mehrsprachig zu leben? Wie kann das Verhältnis zwischen einer (ethnischen) Mehrheitsgesellschaft und einer Minderheit kritisch reflektiert werden, so dass kein Dominanzverhältnis entsteht? Südtirol bietet durch seine exponierte Lage weitaus mehr als eine atemberaubend schöne Landschaft (die selbstverständlich maßgeblich zur Faszination Südtirol beiträgt). Ich bin der festen Überzeugung, dass man von der Auseinandersetzung mit den hiesigen regionalen Gegebenheiten viel lernen kann. Ich hoffe auf lebendige und fruchtbare Diskussionen mit Akteur*innen von Innen wie von Außen. Darüber hinaus ist die Stadt Meran, in der auch deutsche und italienische Kultur gelebt wird, für mich privat ideal gelegen. Mein Partner ist Italiener und wir erziehen unseren gemeinsamen Sohn zweisprachig.

Wer wird bei deiner Antrittsausstellung zum Prozess der Übersetzung dabei sein?

Hier kann ich euch noch nicht allzu viel Konkretes verraten, da ich gerade erst damit anfange, die Künstler*innen, Kulturschaffenden, sowie Expert*innen verschiedenster Sparten und Couleur für die Ausstellung anzufragen. Der Kurs steht fest – aktuell befindet sich die Ausstellungsvorbereitung aber noch in einem dynamischen Prozess, der offen ist für Anregungen von Außen – für Ideen, die bei Atelierbesuchen, Gesprächen mit Galerist*innen, Sammler*innen, dem Team oder den Menschen hier vor Ort aufkommen. Ich sauge noch auf wie ein Schwamm. Die gewählte Thematik verstehe ich unter anderem als Chance mich sensibel an die Mehrsprachigkeit Südtirols und an die damit verbundenen Fragen heranzutasten. Hierbei möchte ich erst mal den Expert*innen vor Ort zuhören und sehen, wie sich ihre Stimmen in die Ausstellung integrieren lassen. Zwei Namen kann ich allerdings schon nennen. Zum einen wird der aserbaidschanische Künstler Babi Badalov mit seinen scharfsinnigen, politisch klar Position beziehenden Schriftzügen dabei sein. Zum anderen Carla Accardi, die in den 70er Jahren zusammen mit Carla Lonzi und Elvira Banotti die Gruppe „Rivolta Femminile“ gegründet hat. Die beiden genannten Setzungen sind über eine Kooperation mit der ArtVerona – Level 0 zustande gekommen und wurden von der Kunstmesse bereits öffentlich kommuniziert.

Judith Waldmann (c) Olga Holzschuh

Auf welche Themen möchtest du dich in Kunst Meran Merano Arte besonders konzentrieren?

Einer der Gründe, warum das Kunsthaus Meran und ich zusammengefunden haben, ist sicherlich der, dass sich die thematische Schwerpunktsetzung des Hauses größtenteils mit meiner eigenen Schwerpunktsetzung überschneidet. Das Haus hat von Anfang an interdisziplinären Themen einen festen Platz im Programm eingeräumt. Hieran kann ich ganz wunderbar mit der Auseinandersetzung zu dem Zusammenspiel von Kunst und Musik oder anderen Ausdrucksformen anknüpfen. Es gibt auch einen roten Faden in der Ausstellungsgeschichte von Kunst Meran, der die Präsentation von bedeutenden weiblichen Künstlerinnen verfolgt. Cindy Sherman, Valie Export, Regina José Galindo, Gina Pane und Francesca Woodman sind nur eine Auswahl an Namen die bereits im Kunsthaus gezeigt wurden. Einen ersten Ideenaustausch dazu, wie sich dieser Faden in Zukunft weiterspinnen lässt, gibt es bereits.

Wenn man neu ist, nimmt man Dinge anders wahr. Welchen ersten Eindruck hast du von der Südtiroler Kunstszene?

Ich hatte nun einen Monat Zeit, mich in meine neue Aufgabe einzufinden. Was mich dabei unheimlich gefreut und positiv überrascht hat, waren die zahlreichen Ideen, Anregungen, Erzählungen und Hinweise, die in der kurzen Zeit von verschiedensten Seiten an mich herangetragen wurden. Der Austausch mit Künstler*innen und Kulturschaffenden, wie Maria Stockner aus Brixen, dem Vizepräsidenten von Kunst Meran Marcello Fera oder Aldo Mazza, der in Meran unter anderem den alpha beta Verlag betreibt, ist mit Schwung angelaufen. Gerade habe ich die Tage zwischen den Jahren genutzt, um die Liste an Ideen zu durchforsten, die ich vom Team – von Martina Oberprantacher, Ursula Schnitzer, Anna Zinelli und Hannes Egger – für meine erste Ausstellung zusammengestellt bekommen habe. Eine weitere wichtige Entdeckung, die ich bezüglich der Südtiroler Kunstszene machen durfte, ist das unglaublich beeindruckende Werk von Sven Sachsalber. Als ich in der Presse von seinem unerwarteten, viel zu frühen Tod gelesen habe, stolperte ich über seine Performance am Palais de Tokyo, von der ich bereits 2014 gelesen hatte, ohne dabei zunächst zu verknüpfen, dass Sachsalber aus Südtirol kam. Seine Suche nach einer Nadel im Heuhaufen fand ich genial, habe seine Arbeit aber nicht weiterverfolgt. Ein wirkliches Versäumnis, das ich gerade mit Erstaunen und Faszination nachhole. Ich bin gespannt darauf, welche weiteren Perlen ich in den nächsten Jahren entdecken werde.

Judith Waldmann (c) Ivo Corrà

Kunst Meran hat sich mit „At the point of subversion (constituting the new normal)“ von Barbara Gamper und Fouzia Wamaitha Kinyanjui als eine der ersten italienischen Kunstinstitutionen antirassistisch positioniert. Inwiefern soll das in deine weitere Arbeit einfließen?

Die Arbeit „At the point of subversion (constituting the new normal)“, die Kunst Meran im Rahmen des von AMACI organisierten Tages der zeitgenössischen Kunst gezeigt hat, folgt auf Ausstellungen wie „Wer ist noch österreichisch?“ (2017). Hier hat das Kunsthaus bereits begonnen, sich antirassistisch zu positionieren. Es ist jedoch ganz bestimmt ein Themenfeld, das am Haus noch weiter ausgebaut werden kann. Die neue Direktorin Martina Oberprantacher hat bereits angekündigt, antidiskriminatorische Themen weiter zu stärken und der kritischen Auseinandersetzung – auch mit Rassismus – mehr Gewicht zu geben. Ein Anliegen, das ich teile. Zu diesem Zeitpunkt ist es noch zu früh Künstler*innen zu nennen, mit welchen wir diesem Anspruch gerecht werden wollen. Sicher jedoch ist: Wir denken diesen Aspekt in unserer Programmplanung mit und schauen uns genau an, was andere Institutionen in Italien zu dem Thema auf die Beine stellen, wie beispielsweise das MAXXI in Rom mit dem Hashtag #MAXXIforBlackLivesMatter, oder das GAMeC in Bergamo mit der großartigen Luke Willis Thompson-Ausstellung.

In einem Interview hast du mal gesagt, die Kunst sei eine Projektionsfläche, an der du dich abarbeiten kannst. Was sind das für Themen, an denen du dich am liebsten abarbeitest?

Als Kunsthistorikerin beschäftige ich mich mit verschiedensten Themen und Künstler*innen querbeet durch die Epochen hindurch. Zu meinem Studienbeginn in Freiburg sind meine Kommiliton*innen und ich mit dem Auto die vielen Kirchen und Klöster am Oberrhein abgefahren. Eine Zeit, in der mich vor allem christliche Ikonographie interessiert hat. In meiner Studienzeit in Florenz war dann die Renaissance an der Reihe. Diese einzigartige Stadt überrascht hinter jeder Straßenecke mit Kunst von Weltrang. Erst später dann, an der Uni in Hamburg, als Gastforscherin am Getty Research Institute in LA oder an der Sommerakademie in Salzburg hat sich mein Fokus auf die zeitgenössische Kunst verschoben. Wenn ich unterwegs bin oder durch Berlin schlendere, besuche ich neben Ausstellungen in Museen und Galerien genauso gerne historische oder religiöse Stätten.

Wie schafft man eine Kunstinstitution, die Ort der Zusammenkunft jenseits von Bildungsabschlüssen sein soll?

Was hierbei ganz bestimmt die geringste Herausforderung darstellt, ist die Kunst selbst. Eine Stärke des Visuellen ist es, ganz individuell, unabhängig von Sprache oder Vorwissen, wirken zu können. Wir alle erleben die Welt, die uns umgibt in Bildern. Man könnte sagen Bilder sind ein Code, der grenzübergreifend entschlüsselt werden kann. Das bedeutet natürlich nicht, dass dieser Code auch von jedem gleich gelesen und interpretiert wird. Natürlich spielen hierbei die eigene soziale, kulturelle und politische Verortung sowie der persönliche Erfahrungshorizont eine maßgebliche Rolle. Kunst- und Kulturrezeption genauso wie ihre Produktion verlaufen nie voraussetzungslos. Ein direkter Zugang ist – über das Visuelle – aber gegeben. Wie Musik, Gesang oder Tanz haben auch die visuellen Künste eine sensorische, emotionale Komponente, die sich ganz unabhängig von Bildungsabschlüssen vermittelt. 
Die viel größere Herausforderung ist es, den verschiedensten Gruppen überhaupt erst den Weg zum Museumsbesuch zu ebnen. Das heißt für uns konkret: Mit welchen Angeboten schaffen wir es, nicht nur jene zu erreichen, denen der Zugang zum kulturellen Angebot sowieso schon – durch beispielsweise das familiäre Umfeld – gegeben ist? Welche Einladungen sprechen wir aus und auf welchen Kanälen tun wir das? Und, ganz besonders wichtig: Wie empfangen wir unsere Gäste vor Ort im Kunsthaus Meran? Hierbei spielt die Kunstvermittlung eine maßgebliche Rolle. Wir wollen offen sein für neue, vielleicht sogar ungewöhnliche Formate und Experimente. In der aktuell gezeigten Ausstellung „Studio Other Spaces. The Design of Collaboration“ kuratiert von Christiane Rekade steht beispielsweise ein Grill auf der Terrasse des Kunsthauses. Dieser wurde von Olafur Eliasson zusammen mit dem Architekten Sebastian Behmann entworfen. Hier waren – bis die Pandemie dazwischenkam – Grillabende im Anschluss an den Ausstellungsbesuch geplant. Eine Zusammenkunft, die bei schöner Aussicht mit einem Bier oder Apfelschorle in der Hand, einen ganz ungezwungenen Austausch über das Erlebte zulässt.

 

franzmagazine wünscht einen guten Start an der Kunst Meran!

 

Credits: (1) Judith Waldmann (c) Ivo Corrà; (2) (c) Olga Holzschuh; (3) Judith Waldmann und Martina Oberprantacher (c) Ivo Corrà

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