Music

May 27, 2023

… beherbergen …

F. Landra

mmr 10* 

zerschneidet eure Holzfällerhemden, scheidet Wut aus, klaut Mut, die Bühnen vibrieren. tut mir leid, ich weiß dieses Wochenende, wieder, nicht wohin mit mir. Heart of Noise und Hospiz zerreißen mich. gebt mir das Mikro. meine Knie zittern, ich brauch Ventil, wenn das Metronom tickt, kickt.

so hört sich Zukunft an. leider, glücklicherweise, bedauerlich gut. langweilig Luxus, langweiliges Leben, lieber Line-ups ohne Ende und Timetables, die Schweiß treiben, als Voltaren passend zur Tagescreme.

aber weil alles vernetzt und verwoben ist, bin ich hier, wenn ich dort bin, und auch dort, wenn ich hier bin.

eins mit mir bin ich hier. Achtung. und mit mir für *mein musik rubrik: Francesca Cantele im Interview.

welche Stimmung herrscht in deinem Studio oder whatever …, wenn du das Line-up für Hospiz-Veranstaltungen oder das Festival selbst komponierst, denkst und kuratierst? Was ist deine Leidenschaft?

Meine große Leidenschaft ist es, Menschen ungewohnte Erfahrungen zu bieten – sowohl musikalisch als auch visuell. Bei der Musik, die ich höre und recherchiere, orientiere ich mich immer an den außergewöhnlichen, extrem verstörenden oder traumhaften Experimenten … Ich persönlich brauche ständige Anreize, die mein unbändiges Verlangen nähren, etwas Neues in dieser verzauberten Welt der Musik und Kunst zu entdecken und, warum nicht, auch über mich selbst und meinen Geschmack.  Leider habe ich kein richtiges Studio/Atelier, mein Zimmer ist sicherlich einer der Hauptorte… aber die Inspiration kommt mir oft beim Tanzen oder beim Erleben dessen, was mich täglich umgibt… das „alltägliche Banale“ ist viel interessanter, als wir denken. In meinem Zimmer hingegen gibt es wirklich alles: Schallplatten, Instrumente, Pflanzen, meine vielen Halsketten, Ringe, Klamotten überall, eine Menge Papiere mit Ideen, Gedichten, Zeichnungen, kleine Objekte, die ich gerne sammle… alles verstreut an den Wänden und auf dem Tisch. Wenn ich das sehe, habe ich das Gefühl, dass ich leidenschaftlich lebe und dass ich voller Projekte bin, die ich entwickeln und vollenden möchte. Eine Methode, die ich mag, wenn ich versuche, meinen Kopf zu organisieren, ist definitiv, große Papierbögen an die Wand zu hängen, auf denen ich meine Gedanken, Inspirationen, Notizen in allen Formen und Farben frei lasse. Das hilft mir, mit mir selbst und mit kleinen Zielen klarer zu werden. Ich mag es, groß zu denken und kleine Blätter sind mir nicht genug!

ich schreib ja für franzmagazine, deren Motto – Achtung Hashtag – #morethanapplesandcows ist. Was ist bei dir so more than apples and cows? 

Ich bin Veneta … ein gutes Glas Wein (oder mehrere), Lachen und gute Gesellschaft … mehr brauch ich nicht …

was hörst du gerade jetzt in diesem Moment für Musik? Warum? Inspiriert’s? 

In letzter Zeit höre ich viel Alva Noto, einen zeitgenössischen Künstler der elektronischen Musik, den ich eigentlich seit Jahren kenne, aber im letzten Jahr so richtig wiederentdeckt habe. Er ist Musikwissenschaftler – alles, was er komponiert, erhellt mich. Ich kann seine Musik nicht hören, wenn ich etwas anderes mache. Ich hab das Gefühl, seine Stücke analysieren zu müssen. Besonders für mein neues Musikprojekt ist er mir eine große Inspiration. Hört euch unbedingt sein Album „HYbr:ID I“ (2021) und den Track „Operate at your Optimum“ an, produziert von Diamond Version, eines seiner vielen musikalischen Projekte mit Byetone (Olaf Bender).Francesca Cantele sit down Hospizwenn du eine Band/Perfomerin/Künstlerin wärst, wie würdest du heißen? Warum?

Band oder Künstlerin … ich habe sehr oft darüber nachgedacht, welchen Namen ich mir geben könnte … aber keiner der Namen, die mir eingefallen sind, hat mich bisher zufrieden gestellt. Ehrlich gesagt, finde ich besonders Anonymität sehr interessant – sie kann geheime Dimensionen schaffen … Ich ziehe es vor, Einflüsse jeglicher Art auf diejenigen, die mir zuhören, zu vermeiden. (Sorry, das scheint vielleicht etwas arrogant, aber ich mein’s wirklich ernst – ich schwör! [lacht])

ist es schwierig, sich heutzutage in der Musikbranche zu behaupten? Was ist deine Strategie?

Es gibt wirklich sehr viele gute Künstler*innen. Es ist ein wirkliches Chaos! … Für mich bedeutet es letztendlich, mit Leidenschaft dabei zu sein, sich zu engagieren, nicht darauf verzichten zu können, zu spielen, Kunst zu machen, zu schreiben oder was auch immer. Es befriedigt, das Herz damit erfüllt zu haben … von dem, was du produzierst, inspiriert zu sein. Meiner Meinung nach besteht das Geheimnis vor allem darin, das zu tun, was du willst, ohne darüber nachzudenken, was sich die anderen von dir erwarten. Das klingt nun vielleicht etwas abgedroschen, aber genau das ist wichtig, um nicht sich selbst und seine Identität zu verraten. Die eigene echte Individualität ist der wahre Wert. Die Leute spüren, wenn du mit Leidenschaft bei der Sache bist, merken es an der Art, wie du spielst, beobachtest, tanzt, an deiner Lebensenergie.

welchen Song widmest du uns – bitte zitier doch 1-2-3-4 Zeilen?

Delicatoni, „Giorno Libero“ … eine vielversprechende, aufstrebende Gruppe lieber Freunde – Dichter und unglaubliche Musiker … perfekt eine junge Liebe:
„Non lasciare più i tuoi affari che poi trovi il vuoto e non sai cosa fare per riempire cinema tramonto incontro amici amore fumo libro alba
Libera
Non smetterò di imparare più
Non sarò più solo
No no no
Sarò con voi
Sai
Ti chiederemo di essere nudo
Lasciamo i tuoi abiti fuori di qua
Stupidi timidi fragili sulla pelle
Tu ridi con le mie mani tu parli non dici parole sincere non dici bugie
Tu vivi e ascolti il pianeta piuttosto che il male che non vuoi più fare
La storia non vuole che la prendi in giro
Occhio
Che poi non sai più chi sei“

jetzt haben wir null über das Hospiz 2023 gesprochen. Wie kriegen wir das doch noch hin? Was erwartet uns?

Das Festival gibt es nun bereits seit fünf Jahren – ein ziemlich großer Erfolg also für das Kollektiv. Die diesjährige Ausgabe spiegelt die Befriedigung, aber auch die harte Arbeit wider, welche die Jungs bisher geleistet haben. Ich bin erst seit einem Jahr Teil des Kollektivs, daher kann ich nicht wirklich viel mehr dazu sagen. Die Atmosphäre ist auf alle Fälle sehr besonderes, kaum betritt mensch das Kloster, während der Vorbereitungen, mit dem Sound, den Bühnen … ich spüre einfach, dass hier etwas sehr Tiefgreifendes passieren wird – eine Art Transformation. Das hoffen wir zumindest: Wir möchten den Menschen eine tiefsinnige Erfahrung ermöglichen, eine kleine, innere Katharsis, die sich auf die Gesellschaft und deren Zusammenwirken auswirken kann …

gibt es ein Motto, einen roten Faden?

Das Motto ist die Evolution, die Metamorphose, ständiges Erforschen und Ergründen, das Anregen der Sinne, das elektrisierende Gefühl von Neugierde und Entdecken und ganz besonders das gemeinsame Erleben. 

hast du einen Lieblingsact?

Beim Hospiz 23 treten hochkarätige Künstler*innen und unglaubliche Menschen auf. Sehr Gespannt bin ich auf das neue Live-Projekt von OatMan mit treibenden Rhythmen im Dialog mit tiefen Synths, komplizierten Loops und tanzbaren Melodien. Auch auf Natura Morta und Kenji Araki x Anthea bin ich sehr neugierig, ebenso wie auf das Duo A-Lumiere aka Tomson Fauster und Utopixel – live zu erleben am Freitag in unserem geheimnisvollen kleinen, dunklen Raum, auch mit interaktiver Installation. Natura Morta ist ein Künstler kolumbianischer Herkunft, der uns in seine traumhafte, unendlich reiche Klangwelt eintauchen lässt, die erfüllt ist mit Echos, düsteren, sich geisterhaft harmonisch überlagernden Stimmen, flamencoähnlichen Orgeln und akustischen Gitarren, Field Recordings aus dem Amazonas-Regenwald, die er auf seinen Kolumbien-Reisen gesammelt hat – ein Traum. Die Pop-Uto-Dystopie von Anthea und Kenji Araki hingegen spiegelt ihre in die Zukunft gerichtete Sensibilität für radikale Genreverbiegung und euphorische Klanglandschaften wider, die sie in Sound – geprägt von der inneren Zerrissenheit und Bewegung der Gesellschaft – übersetzen, indem sie Elemente des Mainstream-Pop, der Rave-Musik sowie des experimentellen Noise mit extrem feinfühliger musikalischer Empathie verschmelzen. Eine tödliche Mischung. Can’t wait!Francesca Cantele Hospiz (c) Matilde BaldassariFantasie oder Garantie?

Aah, definitiv Fantasie. Ich bin manchmal echt total eine Träumerin, haha.

Leben oder Illusion?

Das Leben ist ja eine Illusion, oder? Besser genießen, ohne groß darüber nachzudenken ; )

Schüchternheit oder Mut?

Schüchternheit kann auch ihre Vorteile haben, zum Beispiel imstande zu sein, zuzuhören und dann im richtigen Moment zu sprechen, nachdem mensch die Situation beobachtet hat. Ich aber bin für den Mut – mich etwas zu trauen, wenn ich Angst hatte, hat mein Leben schon sehr oft verändert. 

Vinyl oder Spotify?

Ich sammle schon seit einiger Zeit Vinyl und führe so die Leidenschaft meines Großvaters fort. Vinyl hat einen besonderen Reiz und erfordert eine tiefergehende Musikkultur, große Leidenschaft und Recherche. Natürlich ist Spotify einfacher und schneller, wenn ich in der Stadt unterwegs bin … 

Sommer oder Herbst?

Heiß, heiß, heiß, ich bin sehr wetterfühlig und funktioniere am besten mit Sonne! 

weiß oder schwarz?

Schwarz, immer schwarz! Das ist eine meiner Lieblingsfarben und die zurückhaltendste und geheimnisvollste. 

Fotos: Francesca Cantele; Zeichnung: Matilde Baldassari.

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