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October 23, 2019

Der niedergestreckte Wald: Roberta Segata über Zeugnisse des Augenblicks

Maria Oberrauch

Vaia, der Name klingt weich, amorph und träge. Vaia, ein Brausen, das nicht weich war, sondern schnell, unfassbar stark und furios in seiner Bewegung und seinem Wirken. Mit enormer Geschwindigkeit sauste er am 28. Oktober 2018 durch das Veneto, Trentino und Südtirol, riss unzählbar viele Bäume zu Boden. Wo die ganze Aussicht sich verändert, braucht es mehr als einen Moment der Verarbeitung und Neuorientierung. WE ARE HERE, ein künstlerisches Projekt von Roberta Segata, widmet sich nun mit der nötigen Aufmerksamkeit, Zeit und künstlerischen Kraft den Wäldern, Landschaften und Vorstellungen, die vom Sturm getroffen wurden. Das Museo Arte Contemporanea Cavalese zeigt bis 24. November 2019 die fotografischen Auseinandersetzungen der aus dem Fiemme-Tal stammenden Künstlerin, die auf franzmagazine bereits eine Serie veröffentlicht hat, die sich der Beziehung von Mensch und Natur, Traditionen, Handwerk und Kulturpflege widmete. Roberta Segata stammt aus dem Fleimstal und arbeitet hauptsächlich mit den Medien Fotografie und Video.  

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Der Wald, der Schnee, der menschliche Körper. Diese drei Motive ziehen sich durch fast alle deine fotografischen Arbeiten … 

Das ist wahr,  in meiner Arbeit haben die Natur und das Territorium einen großen Wert. Sie sind die Protagonisten und leben in einem ständigen Dialog mit dem Menschen. Sie sind die Fixpunkte, die es mir ermöglichen, über die Beziehung zwischen Mensch und Natur nachzudenken, über die ursprüngliche und aktuelle.

Erinnerst du dich an dein erstes Foto?

Mein Zugang zur Fotografie hat eine ganz besondere Geschichte: Mein Großvater war ein Liebhaber der Fotografie und er war auch ein großartiger Fotograf. Mit elf Jahren bekam ich von ihm meine erste Kamera, ich habe sie noch immer. Großvater hatte sicherlich einen großen Anteil an meiner beruflichen und persönlichen Entwicklung… An mein erstes Foto erinnere ich mich jedoch nicht.

Vor der Fotografie war der Tanz …

Ja, und nachdem ich es aufgegeben hatte, auf professionellem Niveau zu tanzen, war es für mich enorm wichtig, ein Werkzeug zu finden, um mich auszudrücken. Etwas, das es mir erlaubte, dennoch auf der Bühne zu stehen und imaginär zu wirken. Meine doppelte, künstlerische Ausbildung im Bereich des Tanztheaters und der bildenden Kunst erlaubt es mir, die Verschmelzung dessen zu sehen und wahrzunehmen, was innerhalb und außerhalb des Menschen „ist“. Aus diesem Grund begann ich mit sehr persönlichen Projekten, in denen ich in einem naturalistischen Szenario durch den Selbstauslöser physisch präsent war.

Wie hat sich dein fotografischer Anspruch weiterentwickelt?

Ich habe dieses Bedürfnis nach persönlich motivierter Verarbeitung heute nicht mehr. Ich möchte den Menschen und seine Beziehung zur Natur verstehen. Ich interessiere mich für seine Sichtweisen, möchte verstehen, was wir leben und sind, was uns verbindet mit der Umwelt, die uns nährt.

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Wie hast du die Folgen von Vaia erlebt? 

Vaia war für mich destabilisierend. Zuallererst musste ich in den Wald gehen, um seine Stimme zu hören und das, was er mir zu sagen hatte. Die Wirkung war enorm, denn der Wald, der mich normalerweise aufnimmt, hat mich zurückgewiesen. Das Gefühl war ganz klar, ich war nicht erwünscht. Die Stille in den Tagen nach der Katastrophe war unwirklich, aber gleichzeitig spürte ich einen herzzerreißenden Schrei. Die liegenden Bäume waren nicht tot, sondern Beute einer langsamen Qual. Nach der Katastrophe habe ich monatelang fast jeden Tag im Wald verbracht. 

Dein Projekt WE ARE HERE  ist eine Reise durch den verwüsteten Wald, vorbei an betroffenen Menschen und Landschaften.  Wie bist du es angegangen? 

Nach einer Weile spürt ich das Bedürfnis, die Position der Menschen in Bezug zum Geschehenen zu verstehen. Ich suchte nach Persönlichkeiten mit unterschiedlichem Hintergrund, Beruf und Alter, aus diesen Gesprächen entstand die zentrale Videoinstallation der Ausstellung, in der ich ein utopisches Treffen dieser Menschen nachempfand, eine Art Runder Tisch, an dem sie sich in Wahrheit nie treffen würden. Ich spreche auch heute immer wieder mit den Menschen, denn das Geschehene ist nicht überwunden, es ist ein lebendiges Thema, das sich mit der Landschaft verändert, es ist eine Gelegenheit, Stellung zu beziehen, in dem Bewusstsein, dass all dies von etwas viel Größerem abhängt –  dem Klimawandel. Die Reflexionen verzweigen sich zu vielen Aspekten: Was ist natürlich und was nicht?  Was ist das Verhältnis von Mensch und Natur, von Wirtschaft und Bewirtschaftung? Ein horizontaler, niedergestreckte Wald zwingt uns, uns mit unserem eigenen Standort und dem unserer Nachbarn zu konfrontieren, indem wir erkennen, dass Grenzen nicht nur geografisch, sondern auch politisch sind. Die Kraft der Natur verlangt von uns, diesen Dialog zu führen und sich Zeit zu nehmen, um zu verstehen.segata_wearehere_2

Wie ist die Ausstellung konzipiert? 

In Konzept und Struktur der Ausstellung waren Virginia Sommadossi und Elisa di Liberato von unschätzbarem Wert und unverzichtbar; die Ausstellung ist das Ergebnis unserer zusammengeführten Synergien. Sie ist nicht als Dokumentation gedacht, sondern stellt eine Gelegenheit dar. Wir haben einen Weg durch die Wälder der Magnifica Comunità di Fiemme konzipiert. Eine Reise, die sich aus verschiedenen Etappen zusammensetzt, von denen jede das Ergebnis eines bestimmten Blickmotors ist: die Absicht, das Gefühl der Empathie mit den Bäumen zu vertiefen; das Hören auf die menschliche Gemeinschaft und ihre Reflexionen; die Konfrontation mit der Zeit, das Konzept der Transformation und die Stimmen einer sehr jungen Generation, die für sich selbst und für unsere Zukunft aufsteht und durch den Aufbau globaler Netzwerke mobilisiert. Der Wunsch, sich über den Schein hinaus zu fragen, was das Natürliche ist und Versuche, wie man die Erinnerung an das Geschehene bewahren kann. 
Die Arbeiten im Museum für Zeitgenössische Kunst in Cavalese sind nur ein kleiner Teil dessen, was passiert ist. Das gesamte Projekt ist als Zeugnis des Sturms und seiner Folgen auf wearehereproject.net publiziert. – Auch wenn Bilder noch lange nicht imstande sind, alles zu erfassen.

Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet. Gespräche, Workshops … Was ist dein Fazit von dem, was bisher passiert ist? 

Vaia gab uns die Möglichkeit, aus der Trägheit, in der wir leben, aufzuwachen. Wir sind hier im Trentino Südtirol nicht so weit entfernt von der Veränderung der Welt, wie wir glauben mögen. Wir tragen zum Klimawandel bei. Ich habe erkannt, dass die Menschen darüber reden, sich selbst dokumentieren müssen, um zu verstehen, was passiert. Die Ausstellung und die dazu organisierten Veranstaltungen ermöglichen es uns, einige Aspekte zu vertiefen und mehr Bewusstsein zu vermitteln. 

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Was birgt die Zukunft für dich und deine Arbeit? 

Meine Arbeit in den letzten Jahren hat sich stark verändert und fokussiert sich zunehmend auf das Berggebiet und die Gemeinden, die es beleben. Die nächsten Projekte sind mit diesen Themen verbunden. Ich habe schon lange mehrere davon in meiner Schublade und hoffe, dass ich sie bald in die Praxis umsetzen kann. 
Ich hoffe auch, dass WE ARE HERE, nach seiner Schließung Ende November im Museo Arte Contemporanea Cavalese als wichtiges Zeugnis eines Augenblicks von anderen Institutionen oder Museen aufgenommen wird. 

Bist du eine Tochter des Waldes? 

Es ist sehr schön, „Tochter des Waldes“ genannt zu werden. Ich fühle mich absolut wie eine Waldtochter, ich liebe den Wald, ich erlebe ihn jeden Tag und ich brauche ihn. Wenn ich darin eintauche, fühle ich mich wie ein kleines Fragment dieses „großen Ganzen“. Ich atme. Es ist mein Platz, der mich wie ein Sturm, wie Wind, Schatten oder Licht fühlen lässt. Hier bin ich zu Hause.

Roberta Segata

Fotos: Roberta Segata

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