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September 12, 2022

La rentrée

Elisa Barison

Man kann vieles gegen die Franzosen sagen, aber ab und zu haben sie gute Ideen.
Seit einigen Tagen höre ich immer wieder Menschen (gewollt und nicht), die sich über das Ende des Sommers und noch spezifischer über die (für sie) schlimme Rückkehr aus dem Sommerurlaub beklagen. Ganze Radioshows werden darauf aufgebaut und bestimmt gibt es einen TikTok-Trend dazu, der mich nicht erreicht, weil ich nicht mehr 20 und cool bin.
Haben diese Leute denn nicht verstanden, dass im September das Jahr beginnt??
Was nützt ein toller Sommerurlaub, wenn man nicht mit der gebräunten Haut im Büro angeben kann? Wann soll denn der überteuerte Trenchcoat zum Einsatz kommen, wenn nicht in den einzigen vier Tagen des Jahres zwischen Spätsommer und Frühherbst, an denen die Temperatur gerade richtig dafür ist? Neue Schulsachen kaufen ist sowieso das Beste überhaupt und für alle Teens ist es ein neues Schuljahr und somit eine neue Chance um die LiEbE iHrEs LeBeNs zu finden.

Daher spricht in Frankreich Anfang September jeder von la rentrée: Vordergründlich und spießbürgerlich betrachtet ist dabei natürlich die rentrée (Rückkehr) der Schulklassen für ein neues Schuljahr gemeint, aber ihr könnt mir glauben, rentrée ist ein Gefühl (vibe), das alle betrifft. Was in den Sommerferien passiert, bleibt in den Sommerferien. Sie sind ein Raum-Zeit-Kontinuum für sich und daher der Traum aller Tagträumer:innen und Romantiker:innen. Doch das wahre Leben spielt sich im September ab bzw. beginnt dort (wieder). Es ist kein Zufall, dass der Existentialismus eine durchaus französische Strömung ist. Sartre und Co. entflohen jeden Sommer allen Pflichten und Sorgen und fanden sich Anfang September in Paris, inmitten von einem Berg an existenziellen Fragen, wieder (diese Annahme ist frei erfunden, aber bestimmt richtig). Ob sie gerade danach gesucht haben? Ich denke schon. Was ist denn das Leben ohne ein bisschen Reibung? Ein ewiger Sommerurlaub ist für mich zumindest nicht denkbar. Zu viele Jacken da mezza stagione und eigentlich auch Lust zu zeigen und zu sehen, was an dem Ort, wo man sich sein Nest gemacht hat, so passiert.

Rentrée ist demnach die Chance, mal ganz was anderes zu machen oder ein Alter Ego zu präsentieren. Vergesst Neujahrsvorsätze und gönnt euch lieber zwei Monate utopisches Denken im Sommer, um im Herbst mit vollem Elan in eine neue Saison zu starten. So ein bisschen, wie wenn eine Serie am Ende der season total unerwartet endet, ein paar Monate Charakterentwicklung im off passiert und die neue Staffel dann super spannend beginnt.
Rentrée bedeutet Frieden schließen mit dem, was man hat, und daraus das Bestmögliche zu machen, jeden Tag, bis wieder Sommer ist. Und das ist doch viel cooler als Flucht?
Wie ein Kartenpack, der neu durchgemischt wird, stehen euch wieder alle Möglichkeiten offen und, egal ob Pokerface oder gute Verlierer:innen, ihr entscheidet über den Gang der Dinge. Ein bisschen Glück oder eine Pechsträhne könnt ihr nicht wirklich vorausplanen, aber die Reaktion darauf liegt nur in euren Händen. Außerdem ist dann bald Weihnachten, was wie eine Art Mini-Sommer für die Realitätsflucht darstellt. Das neue Jahr (Beginn: September) ist also mit diesen Strategien gut überlebbar.

Sollte einmal das nötige Selbstbewusstsein für die richtige rentrée-energy fehlen, kann man sehr gut alleine zu Hause oder in einem Park in Sommer-Erinnerungen schwelgen. Diese sollten dann normalerweise zu gutem Gemüt verhelfen und das Sich-Einlassen auf das, was das neue Jahr so mit sich bringt, fällt wieder leichter. 

Last but not least: Es kann auch sein, dass man einen Scheiß-Sommer hatte, weshalb rentrée dann ohnehin die bessere Wahl ist und alles Negative einfach archiviert wird. Und für all jene, die wahrhaftige Probleme haben und für die Jammern über das Ende des Sommers ein Luxus wäre, stellt der September hoffentlich auch eine neue Chance dar, um ihr Blatt zu wenden. Gesellschaftlich kollektives Im-Leben-Stehen und nicht Davonrennen kann vielleicht Wunder wirken. 

Foto: Elisa Barison

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There are 2 comments for this article.
  • Susanne Maria Barta · 

    Wie schön, dass die Stadt wieder von jungen Menschen und Kindern zurückerobert wurde. Und die touristische Invasion ein wenig an den Rand schiebt. Bozen lebt wieder . La rentrée ist heuer die Rettung!

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