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November 20, 2020

Den Frauen ihre Gipfel

Eva Rottensteiner

Als die Britin Lucy Walker 1871 den Gipfel des Matterhorns erreichte, muss sie sich frei gefühlt haben. Sie ist die erste Frau, die hier oben war. Oder zumindest die erste, von der wir es wissen. Damals war das Bergsteigen nämlich eine Männerdomäne. Und zumindest in der Sportmode zeigt sich das auch heute noch. Ruth Oberrauch, Mitglied des Verwaltungsrates der Oberalp Group sowie Nachhaltigkeits- und Brandmanagerin, möchte dies mit ihrem Team ändern. „LaMunt“, so heißt ihre neue Modekollektion, ist eigentlich ladinisch und bedeutet „der Berg“ (im Ladinischen weiblich). Das ist ihrer Oma aus Alta Badia eingefallen. Und die Idee zur neuen Modekollektion, wie könnte es anders sein, kam Ruth in den Bergen während einer Skitour.  

Warum braucht es eine weibliche Perspektive auf den Alpinsport? Fehlt sie? 

Wir sind der Auffassung, dass wir Kunden so spezifisch wie möglich ansprechen. Dies machen wir auch mit LaMunt: Wir richten wir uns an die selbstbewusste Frau, die etwas mehr Fitness und feminine Passformen sucht, ohne auf Funktionalität verzichten zu müssen. Sie möchte eine Bergsportkleidung, die ihrem Stilbedürfnis gerecht wird. Darauf geht LaMunt im Speziellen ein, dass sie sich am Berg genauso individuell ausdrücken kann wie sonst auch. Mit LaMunt kann sie sich treu bleiben – funktional und ästhetisch unterwegs zu sein. LaMunt verbindet beides. Wir sprechen Frauen an, die den Berg als einen Ort für ihre persönliche Auszeit erleben wollen und sich von ihm inspirieren lassen, aber eine Alternative zu den bestehenden Produkten suchen. Das heißt aber nicht, dass nicht auch unsere anderen Marken (z. B. Salewa, Dynafit usw.) weiterhin in die Entwicklung von Produkten für „Sie“ investieren. Im Gegenteil.

Welche Materialien verwendet ihr für die Herstellung von Funktionskleidung? Gerade Funktionskleidung ist aufgrund von chemischen Imprägnierungen sowie Daunen gerupft von lebenden Gänsen oft mit Umweltbelastung, Müll und Tierquälerei verbunden.

Als Gruppe legen wir viel Wert auf einer möglichst nachhaltigen Produktentwicklung, auch Bei LaMut spielt das eine wichtige Rolle und wir arbeiten viel mit natürlichen Materialen (vor allem Wolle und Tencel), aber auch mit recycelten Materialien. Für unsere Jacken verwenden wir eine Füllung aus recyceltem Kaschmir. Die Kollektion von LaMunt wird frei von PFCs sein, das sind Chemikalien, die als Beschichtungen verwendet werden, um Funktionsbekleidung wasserabweisend zu machen. LaMunt arbeitet mit PFC-freien Alternativen.Ruth Oberrauch 3Als Head of Sustainability warst du bisher für die Nachhaltigkeitsstrategie von Oberalp verantwortlich. Was muss man denn alles berücksichtigen, um von einem nachhaltigen T-Shirt sprechen zu können?

Hier gibt es keine absolut richtige oder falsche Antwort. Es spielen sehr viele Faktoren zusammen. Für Nachhaltigkeit gibt es kein allgemein gültiges Rezept, sondern es geht vielmehr darum, wie man Entscheidungen Tag täglich trifft. Unserer Auffassung nach sollte Nachhaltigkeit kein weit entferntes Ziel sein, sondern viel mehr Bestandteil unseres täglichen Tuns. Vielfach ist es eine Sache der Einstellung, die sich in unseren täglichen Handlungen und Entscheidungen widerspiegelt.
Bei Produkten selbst geht es zum einen natürlich um die Wahl der Materialein, die z. B. aus natürlichen Fasern entwickelt werden oder aus recyceltem Material bestehen, um nur zwei einfachere Beispiele zu nenne. Es geht aber ebenso um den bewussten und gezielten Einsatz von Ressourcen und eben auch Chemikalien, die im Herstellungsprozess notwendig sind. Als Unternehmen kotrollieren wir diese, dank einen strengen Restricted Substance List und konstanten Tests, um so laufend sicher zu stellen, dass keine bedenklichen Substanzen verwendet werden. Ein wichtiges Thema ist aber auch die Produktion selbst. Nicht nur die Umweltaspekte, sondern vor allem auch die Sicherstellung von fairen Arbeitsbedingungen in den Fabriken, in denen unsere Produkte gefertigt werden, gehört dazu. Seit sieben Jahren sind wir Mitglied von Fair Wear Foundation, einer unabhängigen NGO, welche sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie einsetzt. Wir setzen auf langfristige Partnerschaften mit unseren Lieferanten und lassen Fabriken auditieren. Zum vierten Mal in Folge wurden wir mit dem „FWF Leader Status“ ausgezeichnet, eine Anerkennung für unseren konstanten Einsatz in der Verbesserung von Arbeitsbedingungen.

LaMunt denkt den weiblichen Körper beim Design mit. Wie können wir uns das vorstellen? 

LaMunt geht in der Schnittführung, Materialien, ProdukeEigenschaften und Details auf die Anforderungen unserer Zielgruppe achten. Bei Funktionsbekleidung liegt hier nicht immer so viel Aufmerksamkeit wie in der Mode. Frauen möchten ihren weiblichen Körper durch die Kleidung auch am Berg zum Ausdruck bringen, dabei aber nicht auf Funktionalität verzichten. Funktionalität steht bei Bergsportbekleidung und -ausrüstung ganz oben auf ihrer Liste, ist aber dicht gefolgt vom Wunsch nach Komfort und Passform. Dies versuchen wir bei LaMunt mit Finesse und Ästhetik bestmöglich zu verbinden.

Frauen mit Konfektionsgröße über XL wird in unserer Gesellschaft oft die Sportlichkeit aberkannt. Größen außerhalb der Norm sind für diese Frauen nur schwer zu bekommen, was auch an dem Mehraufwand für Modelabels liegt. Wie geht ihr bei LaMunt damit um?

Wir wollen, dass sich Frauen wohl fühlen und am Berg Spaß haben. Wir stehen dafür, dass jede Frau – so verschieden wir alle sind – diese auf ihre Art und Weise erlebt. Bei LaMunt gibt es Größen bis zu italienischen Größe 48. Wir durchdenken Details und haben dafür eigens „Smart Fit Solutions“ entwickelt, wie. z. B. längere Jacken mit zusätzlichen Reißverschlüssen, an Bereichen, die Frauen oft als zu „eng“ empfinden. Außerdem sorgen sie für extra Bewegungsfreiheit und Komfort. LaMunt_community 2Der Großteil der Modemarken weltweit ist noch immer in Männerhand und somit auch das enorme Kapital, das in der Mode-Branche fließt. Woran liegt das deiner Meinung nach eigentlich? Will LaMunt mit dem Ansatz „von Frauen für Frauen“ hier auch revolutionieren? 

Von Frauen für Frauen heißt für uns einfach, dass wir unsere eigenen Erfahrungen gezielt in die Produktentwicklung einfließen lassen. An LaMunt arbeiten sehr unterschiedlich Typen von Frauen mit, die jedoch die Leidenschaft für Natur und Berge teilen. Sie aber auch in unterschiedlicher Form und Intensität ausleben. Unsere Erfahrungen bringen wir in LaMunt ein. Aber nicht nur: „Von Frauen für Frauen“ bedeutet für uns auch, dass wir potenzielle Kundinnen und Userinnen mit einbeziehen. Von Anfang an haben wir Frauen in die Konzeptionierung und Entwicklung neuer Produktideen mit einbezogen. Bereits vor dem Start der Produktentwicklungsphase haben wir einen zweitägigen Workshop mit 25 inspirierenden und authentischen Frauen organisiert, um zu lernen, was ihnen ganz besonders wichtig ist bei Bergsportkleidung. Jetzt Im Rahmen des Launches startet daher auch die LaMunt Crew. Eine Gruppe von Frauen mit Passion für die Berge und Design, die eingeladen wird die Produktentwicklung kritisch und aktiv mitzugestalten, sich untereinander zu vernetzen und die Liebe zum Bergsport miteinander zu teilen. 

Ab 2022 soll es LaMunt zu kaufen geben – online und in ausgewählten Geschäften. Dürfen wir schon Konkreteres wissen? 

Wir sind davon überzeugt, dass Online eine immer wichtigere Rolle spielen wird und werden diesen Kanal deshalb von Anfang an ausbauen. Online können wir alle Kontaktpunkte perfekt spielen und gestalten und die Geschichte hinter der Marke erzählen. LaMunt brauch aber auch einen „Laufsteg“, einen Ort an dem die Marke gefühlt und physisch erlebt werden kann. Dementsprechend ist es ebenso wichtig, Partner im Handel zu finden, die an unsere Vision glauben und diese gemeinsam mit uns umsetzen wollen. Wer dies sein wird, das wird sich ein den nächsten Monaten zeigen.  

 In der Vergangenheit haben immer wieder menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in der Modebranche für Schlagzeilen gesorgt. Wer produziert eigentlich die Kleider von LaMunt und wo?

Die Produkte von LaMunt werden zum Teil in Europa und zum Teil in Asien produziert werden, bei Partnern, die bereits seit mehreren Jahren mit Oberalp zusammenarbeiten. Die Oberalp Gruppe ist bereits seit vielen Jahren darin bemüht, faire und sichere Arbeitsbedingungen zu fördern. Wir pflegen mit unseren Lieferanten einen engen Austausch. Wir tauschen uns aber nicht nur dazu aus, sondern überprüfen diese auch ganz konkret und gezielt. Oberalp ist mit seinen Marken seit 2013 Mitglied der unabhängigen Non-Profit-Organisation „Fair Wear Foundation“ (FWF), die sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Nähfabriken einsetzt. Über FWF führen wir Audits bei unseren Lieferanten durch und arbeiten gemeinsam mit ihnen an Verbesserungsmaßnahmen, um Arbeitsbedingungen, Sicherheitsstandards und soziale Aspekte weiterzuentwickeln. Zum vierten Mal in Folge wurde unser Unternehmen dieses Jahr mit dem FWF Leader Status ausgezeichnet, einer Anerkennung für unseren Einsatz in diesem Bereich. 

Wo und wie verbringst du eigentlich am liebsten deine Zeit in den Bergen?

Ich liebe lange und ausgedehnte Wanderungen in den Bergen, gemeinsam mit Freunden plane ich auch gerne mehrtägige Hüttentouren. Am Besten abschalten und auftanken kann ich aber auf Skitouren.Ruth Oberrauch 4

 Fotos: LaMunt

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