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October 29, 2020

Racconti AlpiMagici 02_Wenn die Spadonari die Schwerter tanzen lassen

Kunigunde Weissenegger
Stefania Santoni

Eins, zwei, drei, vier. Alle da. Die Lou Tsapèl mit den bunten Blumen und den im Wind wehenden langen Livrèieus bzw. Stoffbändern auf dem Kopf sitzt auch. Vielleicht sollte ich die Masche am Kinn noch etwas fester binden …? Das Wetter ist schön und strahlt mit meinem weißen Hemd um die Wette, könnte man fast sagen … Auf die kurzärmelige Weste darüber bin ich besonders stolz: Stickereien, Pailletten, Perlen, Borten, Bordüren, Zierschnüre und Fransen schmücken die Lou Courpeut, wie wir dieses kostbar gestaltete Kleidungsstück in unserer piemontesischen Dialektsprache (il giaglionese) nennen. Auch die Schürze­ – Lou Foudaleut – ist aufwändig verziert. Was noch? Rote Krawatte, weiße Handschuhe, dunkle Hose mit gelben oder roten Seitenstreifen und schwarze Schuhe runden die Ehrentracht eines Spadonaro ab. Das allerwichtigste jedoch ist eindeutig das Schwert – Li Sabro, das wir bald zu viert im Takt der Kapellenmusik tanzen lassen werden. Unsere Schwerter sind lang und haben einen schön gestalteten Holzgriff mit metallenen Einsätzen, der gut in der Hand liegt. Beides, Tracht und Schwert, habe ich von meinem Vater vererbt bekommen und ich freue mich, diese ehrenvolle Aufgabe als Spadonaro zu übernehmen.

Grad eben hat’s Neujahr geschlagen, so scheint es, der Frühling traut sich noch nicht ganz vor, standhaft hält sich noch der Winter. Es ist die Zeit des Übergangs – von den kalten, zurückhaltenden in die warmen, sprießenden Monate. Natur und Mensch lösen sich aus der Starre, erleben eine Art Wiedergeburt. Und unser Tanz der Schwerter ist eines von vielen Frühlingsritualen, die diese Zeit begleiten. Wir sind vier Männer und tanzen in der Regel zu Patroziniumsfesten, anderen religiösen oder auch Volksfeiertagen im Umkreis von den Tälern Val di Susa und Val Chisone in der Nähe von Turin, beispielsweise in einigen Dörfern am 22. Jänner zum Festtag des Schutzpatrons San Vincenzo (Sein Viseun), am 3. Februar von San Biagio, am 23. April von San Giorio oder am 7. Oktober zum Fest der allerseligsten Jungfrau Maria vom Rosenkranz (notra Dona dou Rousare).

Bei der Prozession durch das Dorf zum Einzug in die Kirche begleitet uns die Musikkapelle. Unser Gang ist federnd, einer hinter dem anderen, unsere Schritte sind beschwingt, unsere Schwerter schwenken wir, die Luft vibriert. Nach der Messe in der Kirche stellen wir uns auf dem Kirchplatz auf. Unsere Tänze haben eine genaue Abfolge und Choreographie, die mündlich von Spadonaro zu Spadonaro weitergegeben wird. Jede Bewegung hat eine alte Herkunft. Die Schwertkämpfer fechten, marschieren und drehen sich immer in einem ganz bestimmten Rhythmus. Wir schreiten nicht, sondern springen und tanzen. Begleitet werden wir auch hier von einer Musikkapelle. Manchmal bewegen wir uns synchron, schwingen die Schwerter in der Luft, werfen sie uns zu und nehmen sie gekonnt mit einer Hand auf. Manchmal lassen wir die Klingen klirren, kämpfen, lassen Spitze und Griff den Boden streifen, immer anmutig und würdevoll. Wir stellen uns im Kreis auf, streben auseinander und wieder zusammen, drehen uns gelenkig und grazil nach links und rechts, berühren mit der Schwertspitze die nach hinten angehobenen Schuhsohlen. 

Die Herkunft des Danza delle Spade und der Figur des Spadonaro ist unbekannt. Einige behaupten, der Ursprung des Tanzes gehe auf die Kämpfe der Kelten zurück, die Schwertkämpfer erinnerten an Soldaten von Hannibal, römische Gladiatoren, Märtyrer, Ritterspiele … Der Phantasie scheinen keine Grenzen gesetzt … Historiker und Forscher, die sich intensiver mit Region und Traditionen befasst haben, sehen dieses Ritual im Kontext anderer religiöser Bräuche im Alpenraum. Die Blumenkrone mit den bunten Bändern steht für die Fruchtbarkeit der Natur, die im Frühjahr wieder zu Leben erwacht. Die Schwertbewegungen der Spadonari lassen an das Aussäen von Samen im Ackerbau denken, manche werden so ausgeführt, als ob das Land gepflügt werden sollte … Doch wehe, wenn ein Schwert während des Tanzes zu Boden fällt! Dann wird es ein schlechtes Jahr. 

***

Das Foto, das den Ausschlag für diese Erzählung gibt, stammt von Stefano Torrione und ist eines von 78 großformatigen Bildern, das in seiner Ausstellung „AlpiMagia: Riten, Mythen und Geheimnisse der Alpenvölker“ bis 24. April 2021 im Stadtmuseum Bozen zu sehen ist. Organisiert wird die Ausstellung von der Bozner Sektion des italienischen Alpenvereins CAI und zeigt Traditionen, Rituale und Bräuche der Vergangenheit und der Gegenwart, von Ligurien bis Friaul, die der Fotograf aus dem Aostatal im Laufe von fünf Jahren dokumentiert hat. In der nächsten Folge von Racconti Alpimagici erzählen wir euch von einem weiteren Brauch … die erste Folge findet ihr hier.

Foto: Stefano Torrione 

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