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March 24, 2020

Die Notwendigkeit verjagen: Matthias Lintner und „Träume von Räumen“ aka „PROPERTY“

Kunigunde Weissenegger

„Das ist, das ist …“ und er hebt den rechten Arm, streckt ihn locker nach oben, Oberarm in rechtem Winkel zu Unterarm, die Hand Luftlinie einen Spann über dem Kopf, und die Finger spielen in der Luft wie bei einem Klavierspiel, nur etwas wilder … Matthias Lintner ist einer der Hauptdarsteller in „Träume von Räumen“ aka „PROPERTY“ an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin – und dort ist er auch ambientiert: in einem riesigen, zu einem Viereck gestalteten Gebäudeensemble aus rotem Backstein mit großem Innenhof mit Lindenbäumen, Bank und Tisch, Klavier und etlichen interessanten Bewohnern und Bewohnerinnen. Obwohl wir die Protagonistinnen und Protagonisten gerade mal eineinhalb Stunden hören, sehen und erleben, scheint es, als ob wir sie am Ende des Films kennen würden. Matthias Lintner, Jahrgang 1987, aufgewachsen auf dem Ritten, ist auch der Regisseur, Autor und Produzent (gemeinsam mit Ewelina Rosinska) und einer der fünf Kameraleute des zwischen 2013 und 2017 gedrehten Dokumentarfilms – so es denn einer ist … 

Matthias Lintner Film Still Träumen von Räumen PROPERTY Herr Pieper

Matthias Lintner wohnt hier. In der Begegnung mit Freunden und ihren Geschichten, Punks und Hobos, sympathischen Figuren und Nachbarn zeichnet der Regisseur und Filmemacher – bewußt oder unbewußt – auch ein Bild von sich selbst. Im Film finden Dinge Platz – Themen, Menschen, Leben und Schicksale (?) –, die ihm wichtig sind und mit denen er in Dialog und Gedankenaustausch treten will und tritt. … manche Fragen könnten wir uns eventuell selbst (mindestens) einmal im Leben stellen … Es geht um Aneignung – und auch um Verlust.  

Der Film über die „Kleine Bremer Höhe“ an der Torstraße ist auch ein Nachdenken über Stadtentwicklung und Raumplanung … und eventuell kann er auch als Intention interpretiert werden, auf diverse Art Film zu machen, die üblichen Erzählstrukturen auflösend: „Ich meine, es ist doch pure Eitelkeit, zu denken, dass man nicht interessant genug ist, dass man irgendwie ein Skript braucht.“ […] 

Und: I like the music. 
Welches Ende es hat? Lasst euch auf die Geschichte ein. Screenings sind in Planung – in Südtirol wird es voraussichtlich im Sommer eine Premiere geben (wird hier angekündigt). 
Und nun noch sechs Fragen an den Filmemacher zu ihm und seinem essayistisches Zeitdokument im Geiste des Autorenkinos:

Matthias, warum sind Räume für dich so wichtig? 

„Ein Raum ohne Funktion. Nicht etwa ‚ohne genaue Funktion‘, sondern genau ohne Funktion; nicht plurifunktional, sondern afunktional. […]  Wie soll man an das Nichts denken, ohne dass man automatisch an etwas um dieses Nichts herum denkt, das aus ihm ein Loch macht, in das man eiligst etwas hineintun will, eine Fertigkeit, eine Funktion, ein Schicksal, einen Blick, ein Bedürfnis, einen Mangel, einen Überschuss …? […] Ich bin vielen unbrauchbaren Räumen begegnet und vielen ungenutzten Räumen. Aber ich wollte weder Unbrauchbares noch Ungenutztes, sondern Nutzloses, Überflüssiges. Wie soll man die Funktionen verjagen, die Rhythmen verjagen, die Gewohnheiten, wie soll man die Notwendigkeit verjagen?“ 

Das ist ein Zitat aus den Buch „Träume von Räumen“ (im franz. Original „Espèces d’espaces“) von George Perec. Als Hommage habe ich ihn auch zum deutschen Titel meines Films gemacht. Mich hat darin sein spielerischer Umgang mit dem Konzept Raum inspiriert und ermutigt, in meiner Arbeit ähnlich frei damit umzugehen – obwohl Perecs Medium ganz klar der Sprache anhaftet und ich Bilder brauche, um zu sprechen, also um zu zeigen. 
In „PROPERTY“, so der internationale Titel der Doku (der harte Kontrast ist Intention), sind Räume wie Bühnen und jede Ecke des Hauses ist wie eine der vielseitigen Lebensperspektiven ihrer Bewohner. Ich habe jedem von ihnen viel Freiraum gelassen, um die jeweilige Bühne auf ihre eigene Weise zu gestalten, trotzdem wusste ich, bereits bevor ich eine Kamera aufgestellt habe, wie diese Leute ticken. Ich kannte sie schon viele Monate, eigentlich Jahre.
Räume sind für mich gleich bedeutsam wie das Konzept der Zeit. Sie lösen bei mir nicht zuletzt auf sehr direktem Wege Erinnerungen aus. Ich sehe ein Bild vom Wohnzimmer meiner ersten Berliner Wohngemeinschaft – und bin sofort wieder dort. Das erste Rucksackabenteuer alleine in Asien, ein Foto der Hängematte vor der Bambushütte – und noch im selben Moment ich liege dort. Solche „Erinnerungsbilder“ wollte ich erstmals bewusst gesteuert als Teil des Gestaltungsprozesses erzeugen – und es selbstreflexiv zum Thema werden lassen.

Matthias Lintner Film Still Träumen von Räumen PROPERTY Rafael 01

Matthias Lintner Film Still Träumen von Räumen PROPERTY Rafael 02

Warum hast du es für notwendig befunden, in diesem Film präsent zu sein? 

Das war anfangs nicht so geplant. Während der Dreharbeiten habe ich gemerkt, dass meine Nachbarn und Freunde mein Interesse an ihrer Person und ihren Ansichten nicht nachvollziehen konnten. Sie verstanden nicht, warum ich meine Kamera ausgerechnet auf sie richte. „Das lass mal meine Sorge sein“, habe ich darauf meistens geantwortet und mich instinktiv neben sie gesetzt. Somit waren wir auf Augenhöhe, damit habe ich gezeigt, dass ich mich genauso der Kamera exponiere. Und es hat tatsächlich funktioniert, mit einem Mal war zwischen uns nicht mehr das kalte Auge der Kamera, wie ein Gegner vor dem man Schutz sucht, sondern ein menschlicher Gesprächspartner, in all seiner eigenen Verletzlichkeit.
Mit der Zeit wurde das zum Konzept. Zudem hatte ich auch oft Lust, alleine zu drehen, aber keiner war zugegen, weder jemand von meinen Protagonisten, noch jemand vom Filmteam. Also habe ich mich des öfteren einfach selbst vor die Kamera gestellt. Warum auch nicht? Ich bin genauso Bewohner wie die anderen. Warum leugnen, dass ich noch dazu der Autor des Filmes bin. Naja, dagegen spricht, dass es mittlerweile viel Vorurteil gegenüber der Metaebene „Film im Film“ gibt. Aber hätte ich einen möglichst kommerziell erfolgreichen Film machen wollen, würde ich kaum mit meiner eigenen Stimme das Voiceover sprechen. Ich bezweifle sogar, ob mir das gelungen wäre, auch wenn ich mehr Budget zur Verfügung gehabt hätte. Ich wollte frei sein und experimentieren. Ich glaube, das sieht man dem Film an und das ist eine seiner Stärken.
Ginés Olivares, der Cutter, mit dem ich am Ende intensiv am Schnitt gearbeitet habe, meinte zu mir, nachdem er das Material gesehen hatte, es gäbe zu viele Leute, die kommen und gehen und dann nie wieder auftauchen. Das erzeugt natürlich Verwirrung. Der einzige, der immer dort ist, wenn eine Kamera läuft, sei ich. Und er hatte Recht. So wurde ich, der Autor, quasi zum roten Faden. Das half den Film zu bauen und zusammen zu halten. Gleichzeitig gibt es dieser essayistischen Form diese persönliche Note, die ihr eigen ist und sie besonders macht. Deshalb ist es auch gut so, wenn mein zittriges Stimmchen das Voiceover spricht. 

Matthias Lintner Film Still Träumen von Räumen PROPERTY Bewohner

Matthias Lintner Film Still Träumen von Räumen PROPERTY Koben 

Was stellt deiner Meinung nach beim Filmemachen die größte Herausforderung dar? Immer wieder … auch bei „Träume von Räumen“? 

Die größte Herausforderung ist ohne Zweifel dran zu bleiben, trotz aller widrigen Umstände weiter zu machen. Die Widerstände sind vielfältig: finanzieller Art, physisch, psychologisch, saisonal, menschliche Schwäche, manchmal reine Idiotie, die Liste ist endlos … Es ist eine Gratwanderung zwischen kritischem Hinterfragen und niemals alles komplett in Frage zu stellen und womöglich hinzuschmeißen. Niemand braucht diesen Film, die Welt braucht ihn nicht – jedenfalls nicht, bis es ihn gibt. Zudem bewahrt man sich im besten Falle etwas Neugier, versucht bis zum Schluss, etwas herausfinden zu wollen. Das hilft mir, dran zu bleiben. Alles in allem begleitete mich dieses Projekt fünf Jahre meines Lebens. Diese Jahre waren so viel mehr als dieses Produkt, das immer nur ein Kompromiss sein kann. Dafür hält es sich jetzt für immer und kann über die Zeiten hinweg verschiedene Denkanstöße antreiben.

Warum lebst du in Berlin? Immer noch? 

Was ich an Berlin so schätze, ist die Freiheit der zu sein, der man gerade ist, und nicht der sein zu müssen, den andere gerne haben wollen. Hier habe ich gelernt, wie man die unterschiedlichsten Leute akzeptieren kann, um ein Zusammenleben möglichst angenehm zu gestalten (nein, ich liebe nicht alle Menschen gleich viel). Hier jammert man nicht ständig, wie es eigentlich sein müsste, damit es angeblich besser wäre. In Berlin habe ich erkannt, dass Stigmata eine dumme Sache sind, die sich in den Köpfen festsetzen und dort anwachsen, wenn man sich nicht zumindest geistig etwas bewegt. Zum Glück ist das Reisen heute ein Statussymbol und nicht immer noch das Auto wie zu Zeiten unserer Eltern. Ich wünsche mir für alle neuen Südtiroler Generationen von heute, dass wir diese Chance der Weltoffenheit nutzen, um dieses schöne Fleckchen Erde in der norditalienischen Provinz noch viel schöner zu machen. Bis dahin gibt es nämlich noch einiges zu tun. 
Südtirols Essen ist gut, seine Natur ist schön, aber es gibt wenig Nährboden für kulturelle Experimente, die neue Wege gehen. Auch das Publikum ist oft homogen. Kunst und Kultur in Südtirol ist zu oft entweder sehr traditionell oder etwas elitär, aber das sollte es nicht sein. Es sollten viel öfters unbequeme Dinge zur Sprache kommen. Wer bekommt welche Bühne, wer bekommt welchen Raum? „Träume von Räumen“ lief auf einem der größten und mutigsten Dokumentarfilmfestivals der Welt (CPH:DOX), aber nicht auf dem Bolzano Film Festival Bozen, das „aktuelles deutsch- und italienischsprachiges Autor*innenkino […] abseits von Konventionen und Mainstream“ nach Südtirol holt. Man bekommt nach einer Einreichung nicht einmal unbedingt eine Absage – auch keine vorgefertigte. Zum Glück lebe ich auch immer noch in Berlin. So kann es mir nämlich einfach nur egal sein. 

Matthias Lintner Film Still Träumen von Räumen PROPERTY Konzept

Matthias Lintner Film Still Träumen von Räumen PROPERTY Schreiben

Wovon träumst du jetzt? 

Von einer Berliner Wohnung mit Hauptmietvertrag, meinem nächsten Film und davon, ein ausgeglichener, glücklicher Mensch zu werden, an den sich die Menschen, die mich umgeben, gerne erinnern. 

Und davon, niemals Geldsorgen haben zu müssen.

Letzte Frage: Wo ist das Klavier jetzt?

Das mit dem Klavier reißt eine Wunde in meiner Erinnerung auf. Zwei Wochen nach Drehschluss wollte ich, wie immer, wenn ich mich aufheitern will, durch die Hofseite in meine Wohnung und es stand dann einfach nicht mehr da. Es hatte mittlerweile eine zentrale Rolle im Film eingenommen und nach fünf Jahren im Hof wurde es einfach geklaut. Ich verdächtige die schlecht bezahlten Renovierungsarbeiter aus dem Osten, die sich natürlich alles unter den Nagel gerissen haben, das sich mit Werkzeug entfernen ließ. Und ich meine wirklich alles. Wer es am Ende auch war, die Aktion war auf jeden Fall geplant, man kann das Instrument da nicht einfach so hinausrollen. Unmittelbar nach dieser schrecklichen Entdeckung habe ich ein Foto gemacht, das meine aufrichtige Trauer illustrieren soll: 

Matthias Lintner Klaviertrauer

Ich habe alles gleich darauf meinem Nachbarn Rafael erzählt. Ich wusste nicht, wie sehr auch er an diesem Instrument hing, und als er dieses Foto zu Gesicht bekam, begann er mich plötzlich derbe und fies zu beschuldigen: Ich hätte das alles inszeniert, um dramatischen Stoff für den Film zu generieren. Er war außer sich und hat mir kurzzeitig sogar die Freundschaft gekündigt. Irgendwann hat er sich wieder beruhigt und einsehen müssen, dass das Blödsinn ist. – Spätestes als wir zusammen Anzeige bei der Polizei gemacht haben, was aber natürlich nichts gebracht hat. – In Berlin hat man andere Sorgen als ein verschwundenes Klavier oder die kiffende Jugend. Die ganze Geschichte landete auch nicht im Film, ich musste irgendwann aufhören, sonst würde ich wahrscheinlich heute noch drehen. Aber es gibt eine schöne Stelle gegen Ende: Perec spricht mit meinem Stimmchen über die Vergänglichkeit der Räume. Und ohne es explizit zu erwähnen, spricht er dabei auch von diesem Klavier, von dem mir nur mehr ein „blasses Foto mit vergilbten Rändern“ als Erinnerung bleibt. Heute ist das Foto selbstverständlich digital. 
Ach ja, und wer das Klavier irgendwo gesehen hat, melde sich bitte umgehend bei der franz-Redaktion. Danke.
Mit besten Grüßen aus der Quarantäne,
Matthias

Matthias Lintner Film Still Träumen von Räumen PROPERTY Klavierbauer

Matthias Lintner Otto Hoppe Pianos Klavierspiel

 

Fotos: Matthias Lintner, Film Stills aus „Träume von Räumen“ 

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