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September 6, 2012

Glück auf! am Schneeberg – Südtiroler Bergbaumuseum

Reinhard Christanell

Berge gelten nicht selten als heilige, magische oder gar verzauberte Orte, werden daher von vielen Menschen mit Ehrfurcht und Demut erlebt. Götter – aber auch böse Geister – bewohnen sagenumwobene Gipfel, weit in die Vergangenheit reichende Opfer- und Kultstätten zeugen von der schier unzertrennbaren, zumeist schicksalsträchtigen Bindung zwischen Mensch und Berg. Grund dafür dürfte vor allem ihre furchterregende Höhe und Nähe zum Himmel sein, ihre unvorhersehbare, jähzornige und zumal rachsüchtige Mächtigkeit. In manchen Fällen vielleicht auch ihre besondere, von geheimnisvollen Kräften der Natur geprägte Form, grauliche Vor- oder Unfälle, Legenden und Mythen die von Generation zu Generation übertragen und im kollektiven Unterbewusstsein abgelagert wurden.
Wie dem auch sei: Berge bergen nicht nur geistig-religiöse sondern auch materielle Schätze. Die Begierde nach Reichtum und Besitz lässt seit Jahrtausenden jegliche Furcht vor feindseligen und empörten Gottheiten, gestrengen Tabus, himmlischen Höhen oder höllischen Tiefen im Nu versiegen. Mit nackten Händen gräbt der Mensch Löcher und Höhlen, Gänge und Galerien ins Gestein auf der verzagten Suche nach dem irdischen Glück. Ein Rausch kaum zu bremsen, ein Traum, der noch lange nicht ausgeträumt ist.
So besiedelten auch unsere alpinen Vorfahren hochgelegene, unwirtliche Gebiete vor allem wegen ihrer Nähe zu den ansehnlichen Kupfergruben und Stollen, welche es ihnen ermöglichten, wertvolle Utensilien und vor allem Waffen herzustellen.

Am Schneeberg im Wipptal, auf einer Höhe von 2000 bis 2650 m zwischen Ridnaun und Passeier, befindet sich seit Menschengedenken ein Bergwerk, in dem edles Silber, Blei und Zink abgebaut wurden. 1237 erstmals schriftlich erwähnt – argentum bonum de sneberch – erlöscht die ertragreiche Tätigkeit endgültig im Jahr 1985. Seitdem „lebt“ das Bergwerk, mit seinen imposanten, stillgelegten Anlagen, kilometerlangen Stollen und Schächten, eingerosteten und modernen Maschinen als Museum weiter. Wobei Museum wohl das falsche Wort ist, denn in Wirklichkeit beeindruckt den Besucher eben der Umstand, dass hier oben alles noch absolut intakt, funktionsfähig und betriebsbereit ist, so als würde nach einem geruhsamen Wochenende die Arbeit der eifrigen Knappen wieder aufgenommen.
Während wir so dastehen, in der feinen Stille des Tales und die Wärme der morgendlichen Sonnenstrahlen genießen, haben wir den Eindruck, eine Art Pompeji vor Augen zu haben, wo die Zeit und das Leben urplötzlich und unerwartet auf ewige Zeit stehengeblieben sind. Doch der Schein trügt. Das bestätigt uns auch der freundliche Koordinator des Südtiroler Bergbaumuseums, Hermann Schölzhorn, der uns mit vier ehemaligen Knappen empfängt und die Geschichte, Riten und Gepflogenheiten des Bergbaus und der Knappenzunft erzählt: „Es braucht nur die richtigen Investoren, dann kann dieser Berg noch Vieles hergeben“. Alle schauen wir gespannt hinauf, in die geisterhafte Höhe, als würde sogleich das Wunder passieren und der Scheintod des eisigen Riesen plötzlich durch erneutes Leben und Treiben ersetzt…
Wobei er, der Berg, Schneeberg, bereits Vieles hergegeben hat, an Wunderbarem, im letzten Jahrtausend: feinstes Silber, vielleicht Kupfer, begehrenswertes Blei und vor allem Zinkblende. Harte, in den Wintermonaten oft unerträgliche und stets extrem gefährliche Arbeit Tausender von Knappen, die teils im Tal, teils in der Knappensiedlung St. Martin am Schneeberg (2355 m) lebten, hat für Könige und Kaiser, Fürsten, Banken, Staaten, Länder, Kaufleute, Handels- und Transportunternehmen in ganz Europa großen Reichtum geschaffen. Denken wir nur an die immense Bedeutung der Familie Fugger, aber auch an die „Großzügigkeit“ der Tiroler Landesfürsten, die jedermann schürfen ließen aber dafür ein Zehntel des Ertrags für sich beanspruchten.
Nach der Entdeckung Amerikas ging es mit dem Bergwerk am Schneeberg ziemlich rasch bergab. „Günstiges“ Gold und Edelmetalle in Hülle und Fülle wurden aus dem neuen Kontinent eingeführt. Die lokalen Betriebe waren nicht mehr konkurrenzfähig. „Natürlich meldeten nur die Bergwerke Konkurs an, nicht aber die damit verbundenen Banken“ meint Schölzhorn und jeden von uns streift unvermittelt der leidige Gedanke, dass gestern wie heute die Rechnung immer von denselben beglichen werden muss.

Erst nach vielen Jahren und mit langen Unterbrechungen, die vor allem von den sogenannten Freischürflern genutzt wurden, wurde der Betrieb ab 1870 wieder voll aufgenommen. Nun wurde nicht mehr Silber, sondern vor allem die begehrte Zinkblende abgebaut, scheinbar lag sie bereits in riesigen Mengen transportbereit da. In der Zeit des Faschismus wurde das Bergwerk verstaatlicht und „italienisiert“, Knappen vor allem aus den Regionen Norditaliens und Sardinien eingestellt. Es entwickelte sich dabei nach Ansicht der vier ehemaligen Knappen, die mit uns gemütlich am Tisch sitzen und von der „guten, alten“ Zeit reden, ein vorbildhaftes Zusammenleben zwischen den Knappen und deren Familien, die sich im Tal ansiedelten und perfekt integrierten. Heinrich Maurmair war von 1954 bis 1985 im Bergwerk tätig, erzählt von der Welt und den Mühen der Knappen, von den schweren Schichten, vom dreistündigen, steilen Fußweg der zurückgelegt werden musste, um die Arbeitsstelle zu erreichen. Es entstand dabei neben der üblichen Fachsprache eine eigene, eigenartige Schneeberger Knappensprache, die deutsche Fachwörter italienisierte und umgekehrt. So wurde, zum Beispiel, die carrozza zur Kratze.

Johann und Karl Kruselberger, Heinrich Maurmair und Bruno Rossi wissen noch Einiges vom harten aber dennoch packenden Knappenleben im Bergwerk zu erzählen, die alten Sprüche, Anekdoten, Begriffe, Namen der Vorarbeiter und auch vom großen Ansehen, das sie vor allem hierzulande so wie im gesamten deutschen Sprachraum genossen.
Am Ende des Gesprächs, und nach einem kurzen Besuch in den interessanten Ausstellungsräumen, lassen sich die vier Männer vom Koordinator des Museums überreden, noch einmal in die traditionelle Montur der Schneeberger Knappen zu schlüpfen und sich in dieser stolzen Aufmachung vom Fotografen verewigen zu lassen. Keinem scheint dabei sehr wohl zu sein, in seiner “alten“, zwar wohl bekannten, aber doch seit langem abgestreiften Haut, als laste plötzlich das gewaltige Gewicht ihres alten Knappendaseins wieder auf ihren Schultern oder könnten sie, man weiß ja nie, vom verletzten Berg oder einer unversöhnlichen Gottheit wiedererkannt und für die begangenen Freveltaten rückwirkend bestraft werden. Doch alles verläuft ohne überirdische Zwischenfälle, der Fotograf beendet rasch sein Werk, der Berg hinter uns lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und verweilt mitsamt seinen geheimnisvollen Kräften und Mächten weiterhin in einem scheinbar endlosen Dornröschenschlaf.

www.bergbaumuseum.it

Foto: Matteo Vegetti

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