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July 10, 2020

Anleitung zum Waldspaziergang #02: Hochnäsig unterwegs – was schwebt?

Kunigunde Weissenegger
Die Kunstankäufe der Abteilung Deutsche Kultur des Landes Südtirol von 2012 bis 2018 sind im Juni 2020 im Sammelband „Arbeiten – Lavori in corso II“ erschienen. Eine Auswahl davon zeigt bis 23. August 2020 auch die Ausstellung „unlearning categories“, kuratiert von BAU, im Museion. Durch die Vielfalt der 150 Positionen von 100 Künstlerinnen und Künstlern geleiten wir mit dieser Serie anregender Waldspaziergänge.

Willkommen in unserem Wald, in dem einige Dinge gelten, die in keinem anderen üblich sind – außer dass auch dieser hier ein komplexer Lebensraum ist, in dem alles miteinander verbunden ist, durch alle Schichten hindurch, ob Wurzel, Moos, Kraut, Strauch und Baum oder Malerei, Zeichnung, Fotografie, Skulptur, Installation und Performance. 

„Fadenspiele sind wie Geschichten. Sie schlagen Muster vor und vollziehen sie, damit sie von denen, die das Spiel spielen, irgendwie bewohnt werden können. Dieses Spiel findet auf einer verletzlichen und verwundeten Erde statt.“ [1] 

Gleich kann’s losgehen. Vorher noch einige wichtige Hinweise.
Vergiss nicht! Bitte achte auf deine Offenheit und Gedankenfreiheit! Bleib nicht auf den ausgewiesenen Wegen, schweif ab, find Unerwartetes, denn in diesem Forst kannst du dich nicht genug verirren und je weniger du imstande bist, in Kategorien und Schubladen zu denken, desto besser. Unternimm den Spaziergang am besten allein, vor allem, wenn du leicht abzulenken bist. Betritt den Wald bei inneren Gewittern oder Sturm, denn du könntest von Blitzideen oder herabfallenden Gedanken getroffen werden. Auch kurz nach einem Auflauf ist dieser Wald sicher. Sei Feuer und Brand, gefährde dein bisheriges Wissen, verlerne! Schnapp auf, was du findest, denn du könntest dich mit allerlei Neuem, Unsichtbarem infizieren. Betritt auf jeden Fall ungesichertes Gelände, wechsle Perspektiven und nähere dich. 

Spaziergang 02 Museion unlearning categories Provinz Bozen Südtirol Arbeiten Lavori in Corso

Deine Werkzeuge

In deine Taschen stecken wir zum einen die Publikation „Arbeiten – Lavori in Corso II“ und zum anderen eine Eintrittskarte für die von BAU kuratierte Ausstellung „unlearning categories” im Museion sowie weitere sechs nützliche Dinge, mit denen du dies und das erledigen und Allerhandigem begegnen kannst:

1. Robuste und stabile Wanderschuhe – für ein wendiges, sicheres Fortbewegen auf verwickeltem Gelände im Wald und auf der Kunstheide
2. Ein Kompass – zur Orientierung in der Natur, im Museum und in der Publikation
3. Ein Wanderstock – angenehm zum Anlehnen und Verschnaufen und zum vorsichtigen Beiseiteschieben von Laub und Ästen am Boden auf der Suche und Ergründung dessen, was sich darunter verstecken mag
4. Ein Taschenmesser – zum Pilzeputzen und Ideenschneiden
5. Ein Korb – zum Sammeln von Gefundenem
6. Ein Fernglas – zum Anfokussieren und Scharfsehen von Ergründbarem, das in der Ferne weilt

SPAZIERGANG bzw. FLANIERFLUG 02 

Es schwebt, schwirrt, weht, flattert, fliegt, baumelt, pendelt, schaukelt, hängt, schwingt, wippt … Dieser zweite Spaziergang wird viel mehr ein Flanierflug.

Phantastisch?
Real?
Egal! 

Der Boden unter deinen Füßen darf dir entgleiten, du bewegst dich mit deinen Gedanken, mindestens auf Augenhöhe, der Kopf hebt und senkt sich, der Blick steigt und fällt. Hallo du, hast du Flügel? 

Neben dir schweben sie, so frei in der Luft, als ob es sie nicht gäbe, die Kraft, die uns zu Boden zieht, ins Moos drückt. Was nun ist Wahrnehmung, was Erinnerung, was Fiktion? 
[Sissa Micheli, Jumping Sisters, aus der 17-teiligen Serie YESTERDAY’S TOMORROWS, 2012­–2013] bussola Kompass

Hier entlang. Der Kompass zeigt Richtung Osten. Du gleitest vorbei an Rinden, Flechten, Blättern, Ästchen und Ästen. Die Füße baumeln, fest geschnürt, im Schuh. Um den Blick wieder heben zu können, setzen wir auf. Der Schritt ist sicher, doch vorsichtig und bedacht. Auch wenn robust und stabil, die Sohle spürt Moos, Wurzel, Gras, tastet sich gelenkig voran, weicht Pilzen, Sträuchern, Schnecken, Käfern und Würmern aus. Du schwebst nicht, du balancierst durch diesen Wald.

Versuch es, halt dein Gewicht – im Gleichgewicht. Für die Gruppe, für die Gemeinschaft, für das Leben, für diese Lebensgemeinschaft.
[Christian Niccoli, Ohne Titel, aus dem Video Ohne Titel, 2011] scarponi Wanderschuhe

Dein Rücken darf sich strecken. Um deinen Hals baumelt dein Fernglas. Nimm es zur Hand, hebe dein rechtes Bein, stütz den rechten Ellbogen auf dein rechtes Knie. In Balance mit links. 

Begib dich auf Spurensuche, mit deinen Augen. In der Luft, durch die Luft. Kreise. Was meinen deine Gedanken? Können deine Augen folgen? Und/Oder ist es gut, so wie es ist?
[Franz Messner, Ohne Titel, 1999–2000]

„Die Welt ist der Raum der universellen Mischung, wo jedes Ding ein anderes Ding enthält und in jedem anderen Ding enthalten ist.“ [2]

binocolo Fernglas

Erkennst du sie? Vor dir flattern sie, Schmetterlinge, blau, schwarz, gelb, weiß, mit Augen und Ohren, auf Flügeln und Fühlern, so scheint es. Zerstreut – du und das Sonnenlicht.

Atmosphäre hat viele Formen: Kristalle, Bögen, Tropfen, Schatten. Was siehst du? Was erfasst du? Was verstehst du?
[Michele Bernardi, Wolken, 2010]

Atmosphäre hat viele Ebenen: räumlich und zeitlich, komplex und undefinierbar, dann klar und deutlich. Wie vielschichtig dürfen deine Gedanken sein?
[Giancarlo Lamonaca, Horizon #3, Diptychon aus dem Zyklus It Happens Between Horizons, 2009bastone Wanderstock

Auf den Wanderstock gestützt, verschnaufst du. Munter hangeln sie sich von Ast zu Ast, hüpfen, wenden den Kopf, spitzen die Ohren, lauschen. Nichts.

Sie ist gewiss nicht zu hören. Sie schwingt in ihrem eigenen Kosmos. Wenn du dich exakt darauf einlässt, kannst du ihre Poesie hören.
[Franz Pichler, Die weiße Möwe, 2005]

coltellino Taschenmesser

Lass stecken. Wir brauchen es nicht, in diesem Moment cut für anderes. Außer wir stoßen auf eine Haselnussstaude und schnitzen uns eine Moidnpfeife … obwohl der Frühling und der Sommer schon längst da sind. Ob gleich der Herbst kommt? Und der Winter?  

Flucht. In einer dieser Hülsen entschweben. Wenn hier unten gar nix mehr ginge. Bilder der Zukunft in Zwischenebenen gefangen? Stell dir vor, dies wäre dein Spaziergang.
[Karin Welponer, Mohnkapseln, 1984] 

„Wie schon gesagt, könnte von Natur aus fast ganz Mitteleuropa mit Wald bedeckt sein und war es wohl auch, ehe der Mensch eingriff. Er hat im Laufe der Zeit alle dafür geeignet erscheinenden Böden mit landwirtschaftlichen Kulturen besetzt, so daß den Wäldern durchweg die unfruchtbaren Böden zukommen. Zeigt sich als in der Verteilung von Feld und Wald der Einfluß des Menschen außerordentlich stark und sind auch unsere Forste durchaus unter dem Beile des Forstmannes erwachsen, so darf man sie nicht für vollkommen künstliche Pflanzenvereine halten; völlig natürlich sind sie freilich noch weniger.“ [3]

cestino Korb

Unverhoffte Pilze der Erkenntnis. Hast du genug davon gesammelt? Wiegt dein Korb schwer? Jetzt ist der Augenblick gekommen, Gemeinschaft zu fühlen und Gedanken zu teilen. Zu zweit, zu dritt, … diskutieren. Auf dem Rückweg.

Wie du gekommen bist, ziehst du dich zurück, entschreitest, weichst.
Und sie mit uns … 
[Letizia Werth, Archiv Nr. 51, aus der Serie lunatic pictures, 2012] 

Auf bald, beim nächsten Spaziergang.

 

[1] Donna J. Haraway, Unruhig bleiben – Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän, campus, Frankfurt, 2018
[2] Emanuele Coccia, Die Wurzeln der Welt – Eine Philosophie der Pflanzen, Hanser, 2018
[3] Ludwig Jost, Fritz Overbeck, Baum und Wald, Springer, Berlin, Göttingen, Heidelberg, 1952 

 

Graphic design by Claudia Gelati 

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