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November 7, 2020

Aufzeichnungehen 04_Gehen: im Museum

Allegra Baggio Corradi
Kunigunde Weissenegger
Zehn mal zwei Stunden gehen, jeweils vier mal dreißig Minuten in Aktion, zehntausend Schritte pro Abschnitt, insgesamt hunderttausend in zwanzig Stunden. Die Aktivität des Gehens steht im Mittelpunkt dieser Wanderung in Etappen von Erling Kagge. Bei der Durchquerung von Natur, Städten, sich selbst, Kunst, Büchern und der Erde, mit und ohne Ziel, von Oslo nach Bozen, ist der norwegische Weltwanderer bewegt, verändert sich, dankt und reagiert.

Ich weiß nicht, was sich der Komponist Beethoven (1770–1827) gedacht hat, als er seine Hörfähigkeit verlor, oder wie der Maler Goya (1746–1828) reagierte, als er langsam taub wurde. Auch nicht, wie Rembrandt (1606–1669) damit umging, als seine erste Frau starb und er Insolvenz anmelden musste, weil seine Kunden sich von ihm abwandten. Ich bewundere alle drei. Und ich weiss, dass ich die Neunte Symphonie, die Beethoven komponierte, nachdem er taub geworden war, mehr schätze als die meisten seiner übrigen Kompositionen. Ähnlich verhält es sich mit den Bildern, die Rembrandt nach seiner Insolvenz 1656 malte, sie sind besser als seine früheren Werke – die Pinselstriche sind gröber, das Kolorit glühender, es hat den Anschein, als hätte er mehr gewagt. Hätte Goya aufgehört zu malen, als seine Hörfähigkeit in den 1790er Jahren allmählich nachließ, hätten wir nie die Gemälde gesehen, durch die er so berühmt wurde. Allmähliche Taubheit und Isolation waren offensichtlich eine Voraussetzung, um seine inneren Visionen, Gedanken und Vorstellungen so stark auf der Leinwand zu vermitteln. Es mag manchmal den Anschein haben, als bräuchte es für die künstlerische Entwicklung ein paar Niederlagen. Bekommt ein Autor gleich für sein erstes Buch wichtige Preise, ist das nächste Buch häufig eine Enttäuschung. Ein Freund, der Galerist in Berlin ist, erzählte mir, tief in seinem Inneren hoffe er, dass bei Ausstellungen von Debütanten nicht alles verkauft wird, obwohl er natürlich alles dafür tut. Etwas soll verkauft werden, aber nicht zu viel. „Einem künstlerischen Werk bekommt ein solch unmittelbarer Erfolg einfach nicht“, sagt er. Selbstverständlich gönnt er dem Künstler als Person allen Erfolg, den sie oder er haben kann, aber er weiß auch, dass deren Kunst darunter leiden kann, wenn die Anerkennung sich zu früh oder zu mühelos einstellt. [zit. aus „Philosophie für Abenteurer“, S. 122–123, Erling Kagge]

Erling ist weder Galerist noch Künstler. Er ist aber Sammler und aus der Sicht seines Berliner Freundes ein potenzieller Käufer jener Gemälde, von denen er hofft, dass sie unverkauft bleiben. Erling ist nur relativ am Erfolg interessiert, deshalb erwirbt er oft Werke von Künstlern, die zum Teil noch unbekannt sind. Er glaubt an ihre Arbeit, nicht an sie. Um in Erlings Sammlung aufgenommen zu werden, muss eine Arbeit eine Gedankenmaschine sein und imstande sein, die Ideen der Künstler, ihre Hoffnungen, ihre Sehnsüchte, ihr Scheitern, ihre Intuitionen, ihre Gefühle, ihre Gemütszustände, ihre Verdammnis zu reflektieren, ohne sie wörtlich zu erzählen, ohne Erklärungen zum Sinn geben zu müssen. 

Beim Anblick einer Arbeit möchte Erling nicht Worte finden, sondern sich distanziert fühlen, getrennt von ihr, er will sie wie unantastbar wahrnehmen. Vieles nimmt Erling jeden Tag als unzugänglich wahr, vieles im Leben erscheint ihm in gewisser Distanz, besonders was Menschen betrifft. Exakt aus diesem Grund mag Erling die Kunst, denn sie erinnert ihn an seine Unfähigkeit, bestimmte Dinge auf der Welt zu verstehen, an seine Zweifel und Fragen nach dem Sinn von Dingen und Menschen. Die Kunst macht ihn zu einem ehrlicheren Menschen und gestattet es ihm, wenn auch nur für einige Augenblicke die Welt auszusperren und sich nur auf den Zweifel selbst zu konzentrieren. Genau dann kann sich Erling nicht mehr von seinem Tun trennen, von diesem Staunen, wenn er ein Kunstwerk erlebt. Für Erling ist es schwierig, das zu lieben, was er versteht. Es fällt ihm jedoch leicht, bewegt zu sein.

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Bewegt sein: „Norwegisch røre sig und bevege sig bedeuten „sich bewegen“ und „sich rühren“ und bli rørt und bli beveget „bewegt sein“ und „gerührt sein“.

Die Ergriffenheit, die Erling sucht, ist genau jene, die er zum ersten Mal bei der Vertiefung in die Arbeit von Olafur Eliasson verspürt hatte. Bei „The Weather Project“ handelt es sich nicht um eine Installation, sondern vielmehr um eine Subtraktion. „The Weather Project“ entfernt alle Schichten zwischen Mensch und Wirklichkeit und zielt darauf ab, dass man beim Eintauchen weder auf Zeit noch auf Wetter achtet, und davon absieht, worauf das Klima inzwischen reduziert worden ist, nämlich ein simples Messinstrument, welches die Wetterlage anzeigt. Seiner konstanten Veränderlichkeit beraubt, ist das Klima ein Ereignis, ein Zustand, ein physikalisches Phänomen, das sich unabhängig von uns, von unserem Verhalten und unseren Wünschen entwickelt. Unsere Präsenz ist für Wetterveränderungen eher ein Hindernis, jedenfalls keine Hilfe. Reduziert man das Wetter auf einen bloßen Zustand ohne zeitlichen Verlauf, verbleiben die Folgen bzw. Nacht, Tag, Regen, Sonne, Wolken. Nichts mehr. Dennoch drehen sich 73 % der Gespräche zwischen Taxifahrern und Fahrgästen um das Wetter. Wenn ihr wie Erling in England gelebt hättet, würdet auch ihr über das Reden über das Wetter reden? Wenn ihr wie Erling an der Eröffnung einer Ausstellung teilgenommen hättet, wüsstet ihr, dass das Wetter zu 27 % das Verhalten des Publikums bzw. den Besuch oder Nicht-Besuch einer Veranstaltung beeinflusst? Wenn ihr wie Erling allein in der Antarktis gewandert wärt, wüsstet ihr dann, dass die Toleranz uns selbst und anderen gegenüber direkt proportional zu den Wetterbedingungen steht?

Die Arbeit von Eliasson, so denkt Erling, ist im Museion am richtigen Ort, weil die Sonne in den Bergen zuhause ist. Das Glühen des Rosengartens tritt in direkten Dialog mit dem kleinen Raum im dritten Stock des Museums für zeitgenössische Kunst in Bozen: Eine Sonne aus Mono-Frequenz-Lampen strahlt eine lebendige Lichtatmosphäre aus, die alle anderen Farben als Gelb und Schwarz unsichtbar macht. Während des Ausstellungsaufbaus entfloh Erling in diesen Raum. Da er nicht mehr stundenlang laufen konnte wie als junger Mann und diese Zeit ferner denn je schien, beschloss Erling mit Eliassons Zeitmaschine zu reisen. Indem er mehr und mehr in die Farben eintauchte, drang er in eine Dimension vor, in der es keinen Unterschied zwischen Körper und Raum gibt, in der die Grenzen zwischen innen und außen vollends verschwimmen.

Je länger ich gehe, desto weniger trenne ich zwischen Körper, Geist und Umgebung. Die äußere und die innere Welt gehen ineinander über. Dann bin ich kein Beobachter mehr, der sich die Natur ansieht, sondern mein ganzer Körper ist involviert. Die Natur und der Körper bestehen aus den gleichen Substanzen – Sauerstoff, Kohlenstoff und Wasserstoff. Es gehört also nicht allzu viel dazu, dass der Körper im Verhältnis zur Natur dynamisch und interaktiv wird. Maurice Merleau-Ponty hat dieses Erlebnis als „ausdrückliche Wahrnehmung“ bezeichnet. Die Natur und der Körper bekommen eine gemeinsame Sprache und verschmelzen zu einer höheren Einheit. Es gibt viele Möglichkeiten, ein derartiges Gefühl zu erreichen. Man kann fasten, meditieren, eine Pille nehmen oder beten, bei mir aber ist es das Gehen. [zit. aus „Gehen. Weiter gehen“, S.119–120, Erling Kagge]

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Sich verändern: „Damit alles, was uns umgibt, nicht nur schön ist, sondern auch erhaben, muss sich in unseren Köpfen ein Wandel vollziehen.“

Seitdem Erling die Antarktis allein durchquert hat, ist für Erling jeder Spaziergang in einem unbekannten Gebiet, sei es eine Stadt, ein Park, eine Kunstmesse, ein Museum, eine unerschöpfliche Quelle des Staunens – ein Staunen, das er nicht zähmen will, das er nicht mit Wissen entfärben will und das er in seiner Kindheit mit Engagement und Hingabe kultiviert hatte. Er tut dies allein, denn um das Gefühl des Staunens aufrecht zu erhalten, sollte man es nicht teilen. Dabei geht es nicht um Selbstliebe, sondern um den Respekt der eigenen Identität gegenüber. Sollte sich ihm eine der möglichen Bedeutungen eines Kunstwerkes offenbaren, nimmt er sie gerne auf, führt sie sanft von den Sinnen zum Sinn. Geschieht dies nicht, wird er weiterforschen, mit der Kunst und wie ein Künstler weitergehen. Erling fällt es schwer, das zu lieben, was er versteht. Gerührt zu sein ist leichter als zu verstehen, aber schwieriger als erregt zu werden. Erling gefällt es, sein Leben schwieriger als nötig zu machen. Warum sich erregen, wenn man gerührt sein kann? Warum Kunst betrachten, wenn man sie besitzen kann? Warum gehen, wenn man entdecken kann?

Die Kunst verändert Erling jedes Mal, wenn er es möchte, verwandelt einen Gefühlszustand in einen anderen, indem er meditierend durch die Werke geht. Die Bedeutung spielt dabei keine Rolle, sie hat keine Wichtigkeit. Es gibt nur Erling, die Arbeit und die Distanz zwischen ihnen. Schritt für Schritt reduziert sich diese, verflüchtigt sich und, was bleibt, ist Schweigen.danken chronicles in ten thousand steps from the great north 02

Danken: „Zwei ungeschriebene Regeln sollte man stets versuchen einzuhalten: Erstens: Sei freundlich. Zweitens: Hinterlasse eine Hütte, wie du sie vorgefunden hast. Das Einzige, was du hinterlassen musst, ist Dankbarkeit.“

Das Sammeln ist für Erling die Art, um sich bei sich selbst zu bedanken, dieses Gefühl der Distanz zwischen sich und der Welt zu respektieren, das er sehr stark empfindet und das er als Fan der Künstler, mit denen er sich umgibt, so weit wie möglich wach halten möchte, indem er auch seiner Familie erlaubt, sich damit zu umgeben. Seine Töchter beispielsweise kleben Post-it-Zettelchen um den Pettibon im Wohnzimmer. Erling gefällt der Gedanke, dass dies ihre Art ist, sich bei ihm zu bedanken, dass er das Haus mit Einstiegsmöglichkeiten in ferne, unverständliche, aber faszinierende und einladende Universen gefüllt hat, die im wachen Geist eines Kindes und im kindlichen Geist eines Erwachsenen alles bedeuten können. Die Dankbarkeit von Kunst ist der Zugang zu anderen Welten.reagieren chronicles in ten thousand steps from the great north 02

Reagieren: „Gehen kann ein Leben lang dauern. … manchmal geht man in eine Richtung und kehrt dann wieder zum Ausgangspunkt zurück.“

Anders als in seiner Jugend erforscht Erling nun das Leben durch die Kunst. Er geht nicht mehr bis ans Ende der Welt, sondern folgt seinen Werke in die verschiedenen Städte der Welt, je nach dem, wo sie ausgestellt werden, in Museen und Institutionen, die seine Sammlungen aufnehmen. Zurzeit in Bozen, danach in Madrid, dann in Arles, alle drei sind auf Zeit sein Zuhause. Erling bedankt sich bei den Orten mit seinen Werken, beim Leben mit seiner Sammlung. Ins Museum zu gehen ist für ihn wie durch die Antarktis zu wandern. Auch wenn Tausende von Menschen neugierig durch die Museumsräume in allen Himmelsrichtungen gehen, ist es so, als ob er immer mit ihnen allein wäre, als ob er durch Umgebungen voller Zweifel und Unsicherheiten ginge. Das Museum, Haus der Musen und Wunder. Es fällt schwer, das zu lieben, was man versteht.

Graphic design by Paula Boldrin 

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