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October 27, 2016

Übergangsorte: eine Ausstellung zu Innsbrucker Handwerksbetrieben, keine Verfallsgeschichte

Kunigunde Weissenegger

Es gibt sie auch in Innsbruck: Handwerksbetriebe mit einigen Jahren, Geschichten und Erlebnissen auf den Handrücken und Werkzeugstielen. Und sie stehen, gewollt oder unfreiwillig, im Schussfeld von Veränderung und Wandel. Was wird weiter geführt? Was wird abgeschafft? Zugesperrt? Wie erfolgt die Übergabe? Von der Mutter an die Tochter, vom Vater an den Sohn? Neubeginn?  

Übergangsorte – welch bedeutungsvoller Begriff. Robert Gander und Günter Richard Wett haben Blicke in Orte gewagt und sind den Fragen oben nachgegangen. Entstanden ist „Übergangsorte“, eine Ausstellung mit Foto-, Audio- und Videoinstallationen, die von 4. bis 19. November 2016 im WEIS SRAUM. Designforum Tirol im Stöcklgebäude in der Andreas-Hofer-Straße 27 in Innsbruck zu sehen ist. Eröffnet wird am 4. November um 20 H während der Premierentage, die zum 18. Mal stattfinden: Von 3. bis 5. November zeigen Innsbrucker Galerien, Ateliers, Museen, Kunsthäuser und -pavillons Wege zur Kunst, bei kostenlosem Eintritt. 

Am Samstag, 5. November wird im WEI SRAUM  übrigens um 11.00 H geneunerlnt und mit den Ausstellungsprotagonisten über Handwerk zwischen Morgen und Heute gesprochen. Wir haben vorab mit den Ausstellungsmachern Robert Gander und Günter Richard Wett über Recherche, Ergebnisse und Schlüsse gesprochen.

Wie deutet ihr den Titel eurer Ausstellung „Übergangsorte“? 

Wir zeigen in unserer Ausstellung Handwerksbetriebe, die sich in einem Übergangsstadium befinden. Das kann der Übergang der Werkstatt vom Vater auf den Sohn sein, der gewisse Traditionen übernimmt und versucht, sie mit neuen Methoden und Ansichten in Verbindung zu bringen. Das kann der Übergang bezogen auf den Ort, also die Werkstatt sein, wenn ein Betrieb den Standort auflässt und ein neuer einzieht. Sowohl bezogen auf den physischen Raum als auch auf die Kundschaft und den Ort in seiner sozialen Funktion bleiben „Überbleibsel“, die in neue Kontexte gesetzt werden. Und das kann natürlich auch die Schließung eines alteingesessenen Betriebes sein. Gleichzeitig an anderer Stelle die Neugründung und Neuinterpretation des selben Handwerks.Hutmanufaktur HELD 01 Günter Richard WettZur Recherche: Was war euch wichtig? Worauf habt ihr geachtet? Was habt ihr vermieden? 

Uns war wichtig, keine „Verfallsgeschichte“ zu erzählen. Die Gefahr besteht bei diesem Thema natürlich. Wir waren auch nicht auf der Suche nach dem „guten alten Handwerk“ sondern sind der Ansicht, dass sich diese Betriebe, deren Betreiber und ihr Wissen in Veränderung befinden. Das ist stetig, vielleicht tritt es heute nur stärker in Erscheinung. Einerseits, weil wir uns in einer Zeit befinden, in der das Verschwinden oder Veränderungen generell (wieder) stärker wahrgenommen werden, ausgelöst oder verstärkt durch eine generelle Unsicherheit und Überforderung. Andererseits – und die beiden Seiten hängen zusammen – ist auch ein erstarktes Interesse und vielleicht sogar eine neue Wertschätzung für handwerkliches Tun zu beobachten, wenn es innovativ ist und die Qualität als entscheidendes Kriterium ins Zentrum stellt.

Ist euer Projekt reine Recherche oder wollt ihr damit auch zur Rettung der Handwerksbetriebe beitragen?  

Ersteres. Für die Weltrettung sind andere berufen. In erster Linie sind wir es, die bei solchen Projekten dazu lernen. Wenn etwas davon in der Ausstellung auf die BesucherInnen übergeht, ist unser Ziel erreicht. Es ist wiederum ein Projekt, bei dem wir intensiven Einblick in Arbeits- und Lebenswelten bekommen haben, die nicht unsere sind und denen wir dadurch mit einer gewissen Naivität und Fremdheit im Blick begegnen können. Ohne allzu strenge Erwartungshaltung im Vorfeld, wenn auch mit einem methodischen Konzept, ohne das Videos, Fotografien und Audios natürlich nicht machbar wären. Also: Wir „halten nicht einfach drauf”, sondern formen ein interpretiertes Bild.

Nennt uns ein paar Zahlen: Wie viele Betriebe habt ihr gefunden? Wie lange wird’s sie noch geben? 

Wir haben uns mit 11 Betrieben auseinander gesetzt und sie mehrfach besucht: vom Messerschmied über den Schuster, Tischler, Nudelfabrikanten, Bürstenmacher und Taschner bis hin zum Schlosser und Hutmacher, dem letzten seiner Art in Tirol, der Werkstatt und Geschäft vor kurzem an seinen Sohn übergeben hat. Einen Wirtschaftswissenschaftler übrigens. Zwei der Betriebe gibt es mittlerweile nicht mehr, wir haben sie ja auch bewusst an dieser Schwelle aufgesucht. Zwei sind gerade erst entstanden.Hutmanufaktur HELD 02 Guenter Richard WettZu welchem Schluss seid ihr im Zuge eurer Recherche gekommen? 

Wie oben schon angedeutet: Bei allen Schwierigkeiten wie industrieller Konkurrenz, hohen Lohnnebenkosten, hohen Mietpreisen in Innsbruck habe ich doch den Eindruck, dass wir bei diesem Thema treffender von Wandel oder eben Übergängen sprechen als vom Sterben des Handwerks. Alle Handwerker, die wir besuchten, sind von einer Passion zu dem getragen, was sie tun. Es ist das Tun, die Handfertigkeit, der Wille zur Qualität, das implizite Wissen, von dem ihr Arbeit und ihre Produkte getragen werden. Das geschieht eigentlich selten auf einem bewusst gesetzten theoretischen und damit sprachlichen Fundament. Deshalb ist unser visueller Zugang an das Thema in Kombination mit den Gesprächen in den Werkstätten wahrscheinlich auch ein adäquater.

Wie geht’s mit den Ergebnissen weiter? 

Ab 4. November werden die Ergebnisse in Form einer Ausstellung im WEI SRAUM. Designforum in Innsbruck zu sehen sein. Es gibt Fotografien der Orte, Videoaufnahmen der manuellen Tätigkeiten, umrahmt – quasi als Soundtrack – von einer Audioinstallation, die aus Fragmenten der Gespräche mit den Handwerkern zusammengestellt ist. Ah ja, und wir haben Objekte aus den Werkstätten als Leihgaben bekommen. Survivals sozusagen, „Überbleibsel“, wie zu Beginn erwähnt.

Die untersuchten Handwerksbetriebe sind:  

Hutmanufaktur HELD
gegründet 1898, bis 2012 geführt von Albert Held, seitdem von seinem Sohn Lorenz, Burggraben 25–27

Taschnerei SCHMARDA
gegründet 1911, Inhaber Helmut Schmarda, Maria Theresien Straße 7–9 

Schlosserei PECHETZ
gegründet 1980, Inhaber Gregor Peschetz, Ing. Etzel Straße 157+161 

SASCH Schoefactory
Reparatur von Schuhen und Lederwaren, gegründet 2016, Inhaberin Sabine Schöffauer, Kiebachgasse 7

Adolfo CERANA Nudelproduktion
gegründet 2016, Inhaber Adolfo Cerana, Pradler Straße 34 

Metzgerei Hans STADL
gegründet 1926, bis 2016 geführt von Hans Stadl, Pradler Straße 34 

STASTNY Bürsten
gegründet 1886, Inhaberin Sabine Stastny, Herzog Friedrich Straße 15 (Geschäft), Schidlachstraße 8 (ehemalige Werkstatt) 

Alpinschmiede HABELER
Reparaturen und technische Textilanfertigung, gegründet 2012, Inhaber Alexander Habeler, Innstraße 25 

Tischlerei
Inhaber Günter Töpfer (gegründet 2015), Inhaber Sebastian Saurwein (gegründet 2013), gemeinsam am Standort seit 2016, Ing. Etzel Straße 159–160 

VALENTINI Schuhreparaturen
Schuster (gegründet 1941), Inhaber Ivo Valentini, Franz Fischer Straße 33 

Feinschleiferei BOHNER
Messerschmied und Scherenschleifer (gegründet 1925), bis 2016 geführt von Manfred Bohner, Maximilianstraße 2a

Günter Richard Wett: 1991–99 Architekturstudium an der Universität Innsbruck; seit 1996 als selbständiger Architekturfotograf tätig; seit 2014 Lehrauftrag Architekturfotografie an der Universität Innsbruck; zahlreiche Ausstellungen und Publikationen zu Architekturen im In- und Ausland

Robert Gander: Kurator und Museumsberater; Studium Kunstgeschichte in Innsbruck und Granada und Mediengestaltung in Dornbirn; Gesellschafter des Ausstellungs- und Museumsberatungsbüros  Rath & Winkler in Innsbruck; Projekte für Museen und Ausstellungsveranstalter sowie Publikationen zu kunsttheoretischen und museologischen Themen 

Fotos: (1) Schlosserei PESCHETZ, (2) + (3) Hutmanufaktur HELD (c) Günter Richard Wett

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