Music

January 26, 2024

Metamorphosen mit Sternchen*

F. Landra

*dem vielerseits, auch hierzulande gefürchteten …

laufen, posen, liegen, schweigen, laufen, fliegen, schwingen … 

ich bin kein Fan der ersten Stunde, ich war wahrscheinlich, als Nora Pider und Julian Angerer das erste Mal zusammen eine Bühne betreten haben, glaub ich, noch nicht richtig geboren, ich bin weder Cousine noch Ex noch sonst irgendwie verwandt oder bekannt. das soll meine Unbefangenheit belegen, „weil das heutzutage ja so immens w… ist“. wenn ich ins Archiv von franzmagazine tauch, stell ich fest, dass sie gar so allerhand an- und aufgestellt haben und ich gar so einiges versäumt hab. (auch) deshalb konnt ich mir ihre Bühnenpremiere im Bozner Stadttheater nicht entgehen lassen … und weil ich es grundsätzlich liebe, wenn Mythologien zerklaubt, zerstückelt, nicht nur in Frage gestellt, zerteilt, zerhackt, zerbissen, zerschnitten, auseinandergenommen werden. alte Griechisch-Profs würden wahrscheinlich Nierensteine bekommen, und das ist gut so. ja, meine Wut ist groß, so groß. und endlich geschieht das, was sich einige von uns schon lang gedacht haben. seit xxx Jahren werden sie gedankenlos zitiert und sinnlos verehrt, in jeden intelligenten Text geschmiert, um „weniger Gebildete“ zu belehren … immer im selben Reim und Schleim. oh nein, das ist keine Rezension hier, und es ist auch kein Lobgesang auf ein VBB-Stück, es ist schlicht und einfach der Befund, dass es auch in der hiesigen Theaterwelt eine Wende braucht. wir leben in der Zukunft und Bühnen servieren uns größtenteils (nicht nur, aber auch in Südtirol) ewige Vergangenheit. und in einer Welt, wo jedes Klo in Realtime online bewertet wird, sind Besprechungen sowieso hinterfragungswürdig, und wären ja vielleicht einmal eine eigene Sendung wert …zurück auf die Bühne zu den Göttern, zum vorausdenkenden, listigen Prometheus, zum narzisstischen Vergewaltiger Zeus, zum pappigen Disney-Herkules, zu Notting Hill, 10 Things I Hate About You, Pride and Prejudice, Sex and the City, Otto e mezzo, Helen of Troy und ihren verdrehten Liebesbegriffen – love the lip sync battles, by the way, und die Ironie, mit der diese Flashbacks in die idyllischen 90er vonstatten gehen. kurzes Dahinschmelzen, bevor in Köhlmaiermanier Orpheus und Eurydike tranchiert werden. Frontalunterricht mit stroboskopischem Augenzwinkern und also bleiben wir im Prinzip bei der Liebe. die Frage ist nur, welche? und damit zusammenhängend, weil in diesen überlieferten Dichtungen die „Liebe“ zumeist aus der Perspektive von Männern angegangen wird, auch die Frage: wo sind bzw. waren die Frauen? abgesehen von den malegegazten Amazonen … zerstört das Patriarchat, in Mythologie, Philosophie, Architektur und und und wo noch? wo ist das Matriarchat? schreibt neue Geschichten, macht endlich (!) diese Bitte-nicht-öffnen-Kiste auf, schießt auf das Das-darf man-Nicht.

die Anspielungen in „Metamorphosen*“ sind viele und zum Glück mit einmaligem Anschauen nicht erfassbar. ich denk, vor allem für weniger Getriebene, die klassischen (wasauchimmerdasseinmag) Theaterformen frönen. Kerstin Jost, Tamara Semzov, Lukas Spisser, Jasmin Mairhofer, Paolo Tosin und Anger in Person von Nora Pider und Julian Angerer spielen, sich selbst und manchmal auch uns … weil wir live dabei sind, mitten drin in einer Stückerarbeitung. manchmal beschleicht mich sogar das Gefühl, ich könnt aufstehen und melden, sollt ich mit irgend etwas nicht einverstanden sein oder einen Vorschlag für die Weiterfahrt haben … aber wie alle anderen lehn ich mich genüsslich zurück, ich hab ja schließlich bezahlt dafür, haha, aber mit Berieseln ist da nix, die Geschichten ergreifen, die Worte zielen, die Sätze brennen, die Sprache tobt. Wie die fünf Schauspieler*innen. und Anger smoothen von einem Akt in den nächsten, drehen auf, fahren zurück, nie auf Null, ihre Songs brausen, säuseln, perlen in die Menge hinein. gewähren auch einen Einblick ins neue Album, das diesen Herbst erscheinen wird. Ensemble und Band reiten gemeinsam, auf Pegasus, Areion, Black Beauty, Katzen oder Delphinen … über Schwellen, auf einer Welle, Richtung neuem Erzählhorizont.240118_Metamorphosen_c_Nikolaus_Ostermann_014was für eine Show. ich bin definitiv für mehr Pop, für mehrgleisige Kunst, für mehrstimmige Regiearbeit im Theater. Chapeau, auch dem Regisseur Felix Hafner, und definitiv auch Elisabeth Weiß für diese Bühne und Kostüme – eine Erleichterung, es muss nicht immer alles … 

Metamorphosen* läuft im Programm der Vereinigten Bühnen Bozen bis 28. Jänner 2024 auf der Bühne des Stadttheaters Bozen.

Fotos: Metamorphosen*, Vereinigte Bühnen Bozen (c) Nikolaus Ostermann

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