Ein Blick auf Südtirols Kreativszene bei Sciscioré

© Luca Meneghel
Wer derzeit die Räume des ADI Design Museum in Mailand betritt, begegnet einem alpinen Designverständnis, das mit Hirschgeweihen, Kuckucksuhren, geschnitzten Herzchen und Edelweiß-Romantik wenig gemein hat. Sciscioré – Das Spiel als alpiner Gestus, das von Anna Quinz unter der Schirmherrschaft von franzLAB kuratierte Ausstellungsprojekt, das dort bis 28. Juni 2026 zu sehen ist, zeichnet stattdessen das Bild einer lebendigen, vielschichtigen, humorvollen, farbenfrohen und überraschend spielerischen alpinen Gestaltungskultur. „Mich interessiert die Frage, wie wir den Alpenraum heute neu erzählen können – jenseits stereotyper Vorstellungen und in seiner kreativen, innovativen und kulturellen Komplexität“, erklärt Anna Quinz ihren Ansatz hinter Sciscioré. Die Kuratorin, franzLAB-Mitbegründerin und Creative Director, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der kulturellen Neuerzählung alpiner Räume. Mit Sciscioré verfolgt sie das Ziel, die Vielfalt und Komplexität des Designs in Südtirol und dem Trentino sichtbar zu machen und zugleich festgefahrene Vorstellungen vom Alpenraum aufzubrechen. Der Ausgangspunkt ist dabei ebenso einfach wie überraschend: das Spiel. Nicht als Freizeitbeschäftigung, sondern als Denkweise, als Methode und als kreativer Motor, der Innovation, Handwerk und Gestaltung seit jeher begleitet. Der Titel verweist auf das ladinische Wort Sciscioré, das im Gadertal das Murmelspiel bezeichnet.
Nach den ersten Stationen bei der Designmesse EDIT Napoli 2025 und im SKB Lab in Bozen hat das Projekt im ADI Design Museum seine bislang größte Bühne gefunden. Bereits die Eröffnung am 21. Mai hat gezeigt, wie groß das Interesse an dieser neuen Perspektive auf den Alpenraum ist. „Bei der Vernissage durften wir zahlreiche Designer:innen, Unternehmer:innen, Journalist:innen und Designinteressierte begrüßen. Die Mailänder Ausgabe startete mit einem wirklich gelungenen Auftakt“, erzählt Anna Quinz. Sciscioré versteht sich als vielstimmige Erzählung über Design im Alpenraum. Die Ausstellung versammelt mehr als 100 Objekte von rund 70 Designer:innen aus Südtirol und dem Trentino.

In diesem Text richtet sich der Blick nun bewusst auf die Südtiroler Beiträge innerhalb der Schau. Denn im Scisciore-Kosmos präsentiert sich Südtirol als produktives Ökosystem, in dem Industrie und Handwerk auf einer gemeinsamen kreativen Grundlage aufbauen. „Südtirol ist weit mehr als apples, cows and tourists – nämlich ein zeitgenössischer Raum, in dem Design, Qualität, Nachhaltigkeit und Forschung zu einem integralen Bestandteil der Produktionskultur geworden sind. Man denke nur an den Meraner Artur Eisenkeil, der in den 1960er-Jahren mit seinem innovativen Cocoon-Verfahren die Fantasie von Achille und Pier Giacomo Castiglioni sowie Tobia Scarpa anregte und damit indirekt zur Entstehung von Flos beitrug“, erklärt die Kuratorin. Made in Südtirol ist also nicht bloß eine Herkunftsbezeichnung, sondern eine Entwurfsmethode, die technisches Know-how, Experimentierfreude und eine starke territoriale Verwurzelung miteinander verbindet. „Die alpine Landschaft prägt Materialien, Prozesse und Denkweisen und formt so einen Ansatz, in dem Tradition und Innovation auf natürliche Weise koexistieren“, so Anna Quinz.

Quer durch die zehn Ausstellungskapitel – Naturalia (natürliche Formen), Animali Fantastici (fantastische Tiere), Figure (Figuren), Radicamenti (Verwurzelungen), Altaquota (Hochgebirge), Girotondo (Reigen), A Incastro (Verzahnung), Cameretta (Kinderzimmer), A Palla (Kugelspiele) und Equilibrismi (Balanceakte) – ziehen sich etablierte ebenso wie Namen jüngerer Designer:innen, Handwerker:innen, Studios und Unternehmen aus Südtirol oder in Verbindung mit Südtirol. Sie zeigen auf, wie vielfältig, experimentierfreudig und international die Designszene Südtirols damals wie heute aufgestellt ist.
Doch richten wir unseren Blick zuerst auf die Ausstellungsgestaltung selbst, ein durchaus prägender Aspekt von Sciscioré. Schon hier begegnen wir den ersten Südtiroler Kreativen. Entwickelt wurde die Szenografie von Matthias Pötz und Ada Keller vom Designkollektiv insalata-mista studio, umgesetzt vom Brixner Unternehmen Barth, das auf maßgeschneiderte Innenarchitektur spezialisiert ist. Der Parcours wird als offener Spielplatz inszeniert, in dem die Objekte über Assoziationen miteinander in Dialog treten. Die Gestaltung greift natürliche und kindlich verspielte Bildwelten auf und übersetzt zugleich traditionelle alpine Ornamente in eine zeitgenössische Formensprache. Weiß dient dabei als Grundfarbe und wird durch farbige Akzente ergänzt, die das Publikum durch die Ausstellung führen und den spielerischen Charakter des Konzepts unterstreichen. Das offizielle Grafik- und Bildkonzept von Sciscioré wurde vom Brixner Designer Lucas Zanotto entworfen, bekannt für seine unverkennbaren, geometrischen und oft minimalistisch-verspielten Formen.


Kapitel 2 – Animali Fantastici: Die Tierwelt als Inspirationsquelle für Objekte, Möbel und Figuren. Reale und imaginäre Wesen bevölkern die Ausstellung und verleihen ihr eine spielerische, manchmal humorvolle, manchmal poetische Dimension. Zu den Südtiroler Protagonist:innen dieses Kapitels zählen die Arbeiten von Vetroricerca Studios aus Bozen, des Bozner Architekten, Grafiker und Designer Anton Hofer sowie der Meraner Künstlerin und Illustratorin Silke De Vivo. Sie alle interpretieren die Tierwelt auf unterschiedliche Weise und zeigen, wie aus Beobachtung Fantasie werden kann. Ergänzt wird das Kapitel durch Entwürfe von Matteo Thun, einem der prägenden Persönlichkeiten des italienischen Designs.


Kapitel 3 – Figure: Hier rückt der Mensch selbst in den Mittelpunkt. Körper, Gesten, Proportionen und emotionale Ausdrucksformen werden zu gestalterischen Ausgangspunkten, die sich in Objekten, Möbeln und grafischen Arbeiten niederschlagen. Das Kapitel untersucht, wie Design mit menschlicher Präsenz, Identität und Wahrnehmung in Beziehung tritt. Zu den in Südtirol verankerten Beiträgen zählen unter anderem die Stühle Arnold Circus Stool und Pressed Chair der international renommierten Designer Martino Gamper und Harry Thaler sowie die Eva Bag der Taschendesignerin Zilla. Ergänzt wird dieses Spektrum durch Arbeiten des Design-Duos Dissegna und der ikonischen Pozellanfigur Pinocchio, die der Meraner Designer, Fotograf, Autor und Comiczeichner Marcello Jori für Alessi entworfen hat.
Kapitel 4 – Radicamenti: Nach der Auseinandersetzung mit Figur und Körper richtet sich der Blick auf das, was darunter liegt. Wie können kulturelle Wurzeln, überlieferte Handwerkstraditionen und kollektive Erinnerungen in die Gegenwart übersetzt werden? Auch hier sind Südtiroler Bezüge präsent, vor allem in Form von Objekten, die zwischen Kunsthandwerk, Brauchtum und zeitgenössischer Interpretation oszillieren. Besonders sichtbar wird dies an den traditionellen Grödner Holzspielzeugen von Sevi, ebenso wie an den handgefertigten Puppen von Judith Sotriffer. Daneben begegnen die Besucher:innen Objekten, die sich mit alpinem Brauchtum auseinandersetzen. Die Arbeiten des römischen Produktdesigners und Forschers Andrea De Chirico, der von 2016 bis 2019 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Design und Künste der Freien Universität Bozen arbeitete, oder die hangeschnitzte Krampusmaske des Salurner Künstlers und Holzbildhauers Luca Pojer machen deutlich, dass Tradition hier nicht als museales Relikt verstanden wird, sondern als lebendiges Archiv von Symbolen, Geschichten und Identitäten. Ähnliches gilt für die Arbeiten von Neue Serie Handdruck, deren grafische Sprache bewusst an Volkskunst, Handwerk und kollektive Erinnerung anknüpft, ohne dabei nostalgisch zu werden. Nicht fehlen darf ein klassischer Engel des Bozner Unternehmens Thun, anlässlich des 100. Geburtstags von Gräfin Lene Thun.


Kapitel 5 – Girotondo: Bewegung, Rhythmus und Wiederholung strukturieren das Kapitel, das sich spielerischen Formen, dynamischen Objekten und offenen Systemen widmet. Der Reigen wird zur Metapher für Gestaltung als Prozess – nicht linear, sondern kreisend, sich ständig erneuernd. Der Kreis selbst wird zum Prinzip. Zu den Südtiroler Beiträgen zählen unter anderem jene der Möbeldesigner Christian Mittendorfer und Ruralurban, der Designer Karl Emilio Pircher und Patrick Rampelotto und des Kreativ- und Designstudios Sagaría. Alle diese Arbeiten bewegen sich zwischen Objekt, Experiment und Prozess und zeigen unterschiedliche Zugänge zu Material, Konstruktion und Spiel. Gemeinsam ist ihnen eine Haltung, die Design nicht als fertiges Produkt versteht, sondern als offenes System, das sich durch Nutzung, Wiederholung und Veränderung ständig weiterentwickelt.



Kapitel 6 – Altaquota: Keine romantische Kulisse, sondern ein konkreter Entwurfsraum in dem Material, Körper und Technik aufeinandertreffen. Höhe, Kälte, Geschwindigkeit und Belastung werden hier zu gestalterischen Parametern, aus denen Produkte entstehen, die sich im alpinen Alltag bewähren müssen. Exemplarisch dafür stehen Südtiroler Unternehmen wie Salewa und Bachmann. Während Salewa seit Jahrzehnten die Entwicklung technischer Bergsportausrüstung prägt, zeigt Bachmann mit der von Studio Oberhauser entworfenen innovativen Tourenrodel LuxTouren, wie sich traditionelle alpine Fortbewegungsmittel durch innovative Gestaltung und technische Weiterentwicklung neu interpretieren lassen. Auch die traditionsreiche Südtiroler Marke Sarner Ski ist in diesem Kapitel vertreten und zeigt, wie eng handwerkliche Kompetenz und materialtechnisches Wissen in Südtirol miteinander verflochten sind. Ergänzt wird dieses Spektrum durch den mit dem Compasso d’Oro ausgezeichneten Skitourenschuh Masterlite, den die renommierte Bozner Agentur für strategisches Industriedesign und Produktgestaltung MM Design für Garmont entwickelt hat. Ein weiteres Beispiel für die Innovationskraft Südtirols sind die legendären FiveFingers-Schuhe von Vibram, die auf eine Idee des Designers Robert Fliri zurückgehen. Mit ihrem radikal reduzierten Ansatz stellten sie herkömmliche Vorstellungen von Schuhdesign infrage und entwickelten sich zu einem international beachteten Erfolgsmodell.


Kapitel 7 – A Incastro: Hier steht das Prinzip des Fügens, Verbindens und Ineinanderschiebens im Zentrum. Konstruktion wird nicht als unsichtbarer technischer Hintergrund verstanden, sondern als sichtbarer Teil der Gestaltung selbst. Verbindungen, Stecksysteme und modulare Strukturen werden zu ästhetischen und konzeptuellen Elementen, die das Objekt erst definieren. Zu sehen sind Arbeiten der international bekannten Architekten, Designer und Künstler wie etwa des aus Bozen stammenden Anarchitekt Gianni Pettena, Benno Simma und Danilo Silvestrin sowie der Schmuck- und Metalldesignerin Barbara Schweizer.
Kapitel 8 – Cameretta: Dieses Kinderzimmer ist kein Raum im klassischen Sinn, sondern ein Zustand: zwischen Rückzug und Überfluss, zwischen Miniatur und Weltentwurf. Hier wird die Kinderwelt nicht als Illustration verstanden, sondern als ernstzunehmendes Labor: für Maßstäbe, für Fantasie, für das erste Verhandeln von Dingen. Was hier entsteht, ist kein Abbild der Erwachsenenwelt, sondern ihre Umkehrung. Zu sehen sind unter anderem der legendäre Sella Stuhl des Brixner Architekten Othmar Barth, Möbel aus der Brunecker Faktur Das ganze Leben sowie eine Arbeit von diyr.dev/unibz, der Plattform des DIYR-Forschungsprojekts (Do-It-Yourself-Revolution) des Design Friction Lab an der Freien Universität Bozen mit Fokus auf nachhaltige, reparierbare Elektronik.

Kapitel 9 – A Palla: Hier kreist das Design um das Einfache, das zugleich universell ist: die Kugel, die Bewegung, den Impuls. Formen rollen, drehen sich, springen zurück in den Raum. Nichts bleibt statisch, alles ist in Umlauf. Das Spiel wird hier zur Grundform des Denkens – spontan, direkt, ohne Anfang und ohne endgültiges Ende. Es finden sich unter anderem Objekte des Architekten und Designers Othmar Prenner und der Keramikkünstlerin Veronika Thurin, die unterschiedliche Zugänge zu Material, Rhythmus und Wiederholung verfolgen.
Kapitel 10 – Equilibrismi: Der Moment, in dem alles kippen könnte und genau deshalb hält: Balance wird hier nicht als stabile Lösung verstanden, sondern als permanenter Zustand der Aushandlung. Zwischen Spannung und Leichtigkeit, Kontrolle und Zufall entstehen Objekte, die sich scheinbar gegen die Schwerkraft stellen – oder sie bewusst herausfordern. Im Zentrum stehen Arbeiten, die das Gleichgewicht nicht fixieren, sondern sichtbar machen. Die Designer:innen Patrizia Bertolini, Marco Dessì oder auch das Designstudio Debiasi Sandri loten präzise jene Übergänge aus, in denen Material, Konstruktion und Idee in Bewegung geraten. Das Design- und Architekturstudio Draw Studio mit Sitz in Bozen und der Toskana sowie der spanische Industrie- und Produktdesigner, Forscher und Dozent an der Uni Bozen, Ignacio Merino, mit seinem Stuhl Mezza Chair, arbeiten an Systemen, die Stabilität nur durch ständige Verschiebung erzeugen. Mit dem Freischwinger Myto von Konstantin Grcic bringt der Möbelhersteller Plank mit Sitz in Auer hingegen eine industrielle Perspektive ein, in der technische Klarheit und strukturelle Präzision zur Grundlage von Balance werden.

