7 Fragen an Rosalyn D’Mello, Autorin von „Gestillte Zeit. Mutter- und doch Selbstsein“

Schriftstellerin, Kunstkritikerin, feministische Essayistin und Mutter Rosalyn D’Mello, © ArminHuber
Rosalyn D’Mello stammt aus Indien, ist Schriftstellerin, Kunstkritikerin, feministische Essayistin und Mutter. Sie wuchs als Angehörige der Goa-Minderheit in Mumbai auf, lebte lange in Neu-Delhi und zog vor sechs Jahren nach Südtirol. Heute unterrichtet sie an der Fakultät für Design und Künste der Freien Universität Bozen und arbeitet unter anderem mit der Sharjah Art Foundation für zeitgenössische Kunst in den Vereinigten Arabischen Emiraten zusammen. Zuvor war sie Fellow am Künstler*innenhaus Büchsenhausen in Innsbruck. Daraus entstanden ist 2024 das Kunstbuch Traminer Marmeladen Almanach, als Teil des spekulativen, künstlerischen und intersektional-feministischen Forschungsprojekts In the Name of the Mother . In ihren Texten verbindet Rosalyn D’Mello persönliche Erfahrungen mit feministischer Theorie, Fragen gesellschaftlicher Machtverhältnisse und zeitgenössischer Kunstkritik. Ihr erstes Buch, A Handbook for My Lover, erschien 2015 bei HarperCollins India und 2016 bei Hardie Grant Australia. Ihre freien journalistischen und essayistischen Texte wurden international veröffentlicht und in Anthologien aufgenommen.
Wer Rosalyn D’Mello persönlich erleben möchte: Am Freitag, 6. November 2026, stellt sie „Gestillte Zeit“ gemeinsam mit Barbara Walcher im Rahmen der ZeLT Veranstaltung Aus der Zeit fallen – und ganz in ihr sein um 20:00 in der Dekadenz in Brixen vor. Eine weitere Buchpräsentation findet am Freitag, 13. November 2026, um 19:00 in der Bibliothek Tramin statt. Dort spricht sie mit der Journalistin Alexandra Kienzl.
Im Gespräch erzählt Rosalyn D’Mello, wie Mutterschaft ihr Verhältnis zur Zeit verändert hat, warum sie das Persönliche als politische Erzählung versteht und was es bedeutet, sich zwischen verschiedenen Lebenswelten ein eigenes Zuhause zu schaffen.
Liebe Rosalyn, in deinem Buch beschreibst du Mutterschaft als eine Erfahrung, die das eigene Zeitempfinden grundlegend verändert. Der Alltag wird von Stillen, Schlafrhythmen und Fürsorge bestimmt. Was hat diese neue Zeitordnung mit dir gemacht?
Wer sich um andere Menschen kümmert, kennt das Gefühl, dass sich Zeit in manchen Momenten endlos auszudehnen scheint, stillzustehen, als wäre die Uhr kaputt. In anderen Momenten rast sie dagegen nur so dahin, und man wünscht sich, sie möge stehen bleiben. Die Menschen sagen mir ständig: „Die Zeit vergeht wie im Flug.“ Und ich denke, wenn man die Kinder anderer Menschen dabei beobachtet, wie sie aufwachsen, mag das tatsächlich so sein. Als Mutter habe ich jedoch erlebt, wie hartnäckig die Zeit auf zellulärer Ebene stillstehen kann. Gleichzeitig musste ich mich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass ich keine Zeit hatte und auch heute noch keine Zeit habe für die Dinge, die mich kreativ und intellektuell antreiben. Bestimmte Aspekte meines kreativen Schaffens musste ich auf Eis legen.
Was hast du dabei über dich selbst gelernt?
Seit ich Mutter bin, habe ich festgestellt, dass ich außergewöhnlich effizient geworden bin. Ich kann manches besser als viele meiner Kolleg*innen und Gleichgesinnten, weil ich mehr Dinge in kürzerer Zeit erledigen kann. Das ist allerdings nichts, worauf ich unbedingt stolz bin, denn ich weiß, dass diese Effizienz eine Reaktion auf das ständige Gefühl ist, unter Zeitdruck zu stehen. Ich lerne immer noch, mir Muße zu erlauben. Ich bringe mir selbst bei, dass es in Ordnung ist, nichts zu tun und nicht ständig produktiv sein zu müssen. Noch immer träume ich davon, wie es wohl wäre, als Autorin ohne Unterbrechungen arbeiten zu können, mich ganz in den Schreibfluss fallen zu lassen, ohne gleichzeitig an den Haushalt, die Betreuung oder die Abholzeiten aus Krippe und Kindergarten, die Essensvorbereitung oder die nächste To-do-Liste denken zu müssen.
Du schreibst über die Schwierigkeit, als Mutter die eigene Identität als Frau, Autorin und Intellektuelle nicht aus den Augen zu verlieren …
Ich habe das Gefühl, dass das Muttersein meinen Intellekt bereichert, auch wenn es meine Möglichkeiten einschränkt, uneingeschränkt am intellektuellen Leben teilzunehmen. Es gibt bestimmte Erfahrungen, die ich ohne meine Kinder niemals gemacht hätte. Ich lasse meine Kinder manchmal bestimmen, was ich sehe und höre, besonders wenn ich eine Kunstausstellung besuche. Das ist eine der größten Herausforderungen des Lebens nach der Geburt. Es ist unglaublich schwierig, sich in Anwesenheit der Kinder aufmerksam mit einer Ausstellung auseinanderzusetzen. Die Institutionen, die Ausstellungen veranstalten, sind nicht auf Mütter eingestellt, die Kunst sehen möchten, aber keinen Ort haben, an dem sie ihre Kinder unterbringen können. Selbst wenn ich es möchte, kann ich mich nicht immer konzentrieren. Manchmal muss ich an einem Kunstwerk vorbeigehen, das mich eigentlich sehr anspricht, weil mein Kind müde ist, herumläuft oder der Absperrung zu nahe kommt. Oder weil jemand auf meine Kinder aufpasst, aber nur für eine begrenzte Zeit, sodass ich mir eine Videoarbeit nicht bis zum Ende ansehen kann, selbst wenn ich vollkommen in sie eingetaucht bin. Das führt tatsächlich zu einem Verlust meiner beruflichen Existenzgrundlage, denn ich kann meiner Arbeit als Kunstkritikerin, die eigentlich meine wichtigste Einkommensquelle ist, nicht uneingeschränkt nachgehen.

Wie schaffst du es, neben all dem Raum für deine eigene intellektuelle und kreative Arbeit zu finden?
Ich lerne gerade, mir die Freiheit und den Mut zu nehmen, meinen intellektuellen Interessen auch dann nachzugehen, wenn meine Kinder um mich herum sind. Manchmal wage ich es, während einer gemeinsamen Zugfahrt ein Buch zu lesen, selbst wenn es nur ein paar Seiten sind. Wie bringe ich all diese Rollen unter einen Hut? Ich bin zu einer ziemlich guten Jongleurin geworden. Neben meiner täglichen Arbeit als Redakteurin bei einer Kunstinstitution, der Sharjah Art Foundation, und meiner freiberuflichen Tätigkeit als Kunstautorin unterrichte ich auch an der Freien Universität Bozen. Außerdem betreue ich fast jedes Semester Abschlussarbeiten. Manchmal jongliere ich auch diese Betreuungsarbeit parallel zur Kinderbetreuung. All diese unterschiedlichen Aufgaben tragen jedoch dazu bei, dass ich mich erfüllt fühle und mich intellektuell wie persönlich weiterentwickle. Am Ende des Tages bin ich erschöpft, aber gleichzeitig auch sehr genährt.
Deine sehr persönlichen Beobachtungen führen immer wieder zu größeren gesellschaftlichen Fragen: zu patriarchalen Strukturen, Rassismus, Migration und unsichtbarer Care-Arbeit. Wann wurde dir klar, dass deine eigene Erfahrung auch eine politische Geschichte erzählt? Und welche Rolle spielt dabei die Autotheorie?
Dass das Persönliche immer auch politisch und strukturell bedingt ist, war für mich als Feministin von Anfang an ein zentraler Ausgangspunkt. Deshalb hat sich mein Interesse an der Autotheorie, also daran, meine eigene Existenz auf diese Weise erzählerisch zu verarbeiten, ganz organisch entwickelt. Lange Zeit hatte ich das Gefühl, dass es für das, was ich tat, gar keinen Begriff gab. Heute nutze ich den Rahmen der „Autotheorie“, um meinem Ansatz eine gewisse Legitimität zu verleihen. Dabei war das, was ich tat, schon immer legitim. Schließlich ist die Geschichte des Feminismus auch eine Geschichte von Women of Colour, die anhand ihrer eigenen Lebenserfahrungen über strukturelle Unterdrückung sprechen. Meine Arbeit ist also Teil einer viel größeren Entwicklung eines gelebten, erfahrungsbasierten Feminismus. Darüber hinaus komme ich aus einer Familie mit Migrationsgeschichte und bin heute selbst Migrantin in einem zweisprachigen Land, das nicht meine Herkunft ist, sondern die meines Mannes. Ich musste mich deshalb schon immer mit verschiedenen Formen der Entfremdung auseinandersetzen. Das Gefühl, einer marginalisierten Gruppe anzugehören, hat mich nie verlassen. Das Leben in Südtirol verstärkt manchmal einfach das Gefühl, weit entfernt zu sein. Es scheint mich noch weiter vom gesellschaftlichen Mainstream wegzuführen, an den Rand der Peripherie.
Vom Großstadtleben in Neu-Delhi in die überschaubare Welt von Tramin: Was vermisst du an deinem früheren Leben?
Ich vermisse die selbstverständliche Gastfreundschaft Südasiens. Hier ziehen die Menschen sehr klare Grenzen. Man kann nicht einfach unangekündigt bei jemandem vorbeischauen. Man muss zum Abendessen eingeladen werden. Zu Hause ist es ganz selbstverständlich, dass man etwas zu essen bekommt und sich um eine*n gekümmert wird, wenn man jemanden besucht. Diese Großzügigkeit im Umgang miteinander fehlt mir hier. In der Südtiroler Gesellschaft herrscht ein gewisser Individualismus. Ich vermisse die Leichtigkeit, mit der ich früher Freundschaften pflegen konnte, und auch den Geist politischer Empörung, der für feministische Solidarität so zentral ist. Was mir fehlt, ist das Gefühl, dazuzugehören und in Beziehung zu den Menschen um mich herum zu stehen. Aufgrund der Sprachbarriere hat es sehr lange gedauert, bis ich mich von den Menschen hier akzeptiert gefühlt habe. Es gibt hier die Vorstellung, dass Migrant*innen selbst die Arbeit leisten müssen, um sich zu integrieren. In meinem Fall bedeutet die Tatsache, dass ich Deutsch spreche, den Dialekt verstehe und mich sogar auf Italienisch verständigen kann, aber noch lange nicht, dass ich eingeladen bin, am Südtiroler Alltag teilzuhaben. Ich fühle mich nach wie vor stark von sozialen Kreisen ausgeschlossen und habe ganz allgemein das Gefühl, wenig Anschluss zu finden. Die Menschen sind freundlich. Sie unterhalten sich mit mir, aber diese Begegnungen bleiben oberflächlich und führen nie zu wirklichen Gesten der Gastfreundschaft.
Und was hast du in Südtirol neu entdeckt?
Was ich hier allerdings entdeckt habe, ist ein Gefühl, Teil dieser Landschaft zu sein. Es ist ein Luxus, Zeit bewusst wahrzunehmen, die Verschiebung der Erdachse zu spüren, zu beobachten, wie die Sonne im Laufe des Jahres wandert, und die Jahreszeiten zu erleben. Besonders schön finde ich diese wunderbaren Übergangsphasen: wenn der Winter in den Vorfrühling übergeht oder der Spätsommer dem Frühherbst weicht. Bis zu meinem Umzug nach Südtirol hatte ich nie den Luxus, über einen längeren Zeitraum an einem Ort verwurzelt zu sein. Meine Arbeit als Autorin und Kunstkritikerin war immer mit ständigem Reisen verbunden, selbst als ich noch eine Wohnung in Delhi hatte. In Südtirol habe ich gelernt, die Welt um mich herum nicht nur zu beobachten, sondern mich selbst als Teil ihres Rhythmus zu fühlen. Ich habe das Gefühl, dass mir die Langsamkeit geschenkt wurde. Großstädte vermisse ich definitiv nicht.