Im Gespräch mit Dichterin, Romanautorin und Aktivistin Kholoud Charaf

Kholoud Charaf, © Maximilian Goedecke
Kholoud Charaf, © Maximilian Goedecke
Für die syrisch-drusische Autorin, Dichterin und Aktivistin Kholoud Charaf ist Heimat kein Ort, den man einfach hinter sich lässt. Sie lebt in Erinnerungen, in Sprachen und in den Geschichten anderer Menschen weiter. Seit 2018 lebt Charaf im europäischen Exil, derzeit als Gast des Künstlerhauses Villa Waldberta in der Nähe von München. In ihrem Debütroman „Ein Tagebuch, das nichts mit mir zu tun hat“ (Pfaueninsel Verlag, 2026), der nun erstmals auf Deutsch erschienen ist, erzählt sie von einer Frau, die zwischen verschiedenen Zeitebenen, inneren Stimmen und den Geistern ihrer Vergangenheit nach sich selbst sucht. Aus dem persönlichen Schmerz werden Geschichten von Krieg, Gewalt und Verlust, die über das individuelle Schicksal hinausweisen.
2024 war Charaf auf Einladung von ZeLT beim Festival Transart in Südtirol zu Gast. Anlass war das gemeinsam von franzLAB, BASIS Vinschgau Venosta und ZeLT herausgegebene Buch wars in words. Krieg und Poesie. Nun kehrt die Autorin nach Südtirol zurück: Am 23. Oktober 2026 um 19:00 spricht sie in der Stadtbibliothek Brixen mit ihrer Übersetzerin Kerstin Wilsch über ihr Buch, das Schreiben im Exil und Kunst der Übersetzung. Moderiert wird der deutsch-arabische Abend von Alma Valazza.
Wir haben ihren Roman gelesen und Kholoud Charaf vorab einige Fragen gestellt.
Du bist vor allem als Dichterin bekannt. Wie kam es zu dem Schritt von der Lyrik zur Prosa? Und was lässt sich in einem Roman erzählen, wofür Gedichte vielleicht nicht den richtigen Raum bieten?
Ich habe die Lyrik nie verlassen. Für mich ist sie keine literarische Form unter anderen, sondern eine Art, die Welt wahrzunehmen. Auch in meiner Prosa bleibt etwas Poetisches: die Aufmerksamkeit für das Unsichtbare, für das Schweigen zwischen den Worten und für das, was sich nicht eindeutig benennen lässt. Der Roman hat mir einen anderen Raum eröffnet. Er erlaubt mir, Widersprüche länger auszuhalten, verschiedene Stimmen nebeneinander bestehen zu lassen und einer Erfahrung durch unterschiedliche Zeiten und Perspektiven zu folgen. Ein Gedicht kann einen Augenblick verdichten, manchmal genügt ein einziges Bild, um eine ganze Welt zu öffnen. Die Prosa dagegen kann zeigen, wie sich eine Welt langsam verändert und wie Menschen mit ihren Widersprüchen leben. Für mich stehen beide Formen nicht im Gegensatz. Sie sind zwei unterschiedliche Wege, mich einer Wirklichkeit zu nähern, die sich niemals vollständig erzählen lässt.

Wie schreibt man über das Leben im Exil, über Krieg, Verlust und traumatische Erinnerungen? Bedeutet das Schreiben auch, das Erlebte immer wieder zu durchleben? Oder kann Literatur helfen, Abstand zu gewinnen und einen eigenen Umgang mit dem Erlebten zu finden?
Das Schreiben schafft für mich einen Raum zwischen dem, was ich erlebt habe, und dem Ich, das sich daran erinnert. In diesem Raum kann ich Fragen stellen, Zusammenhänge entdecken und mich manchmal auch für das Schweigen entscheiden. Der Roman hat keine Figuren im herkömmlichen Sinn, keine konkreten Ortsangaben und keine Namen. Der einzige Ort ist die Erzählerin selbst, die die Geschichten der Menschen erzählt, die mir ihre Schmerzen und Erfahrungen anvertraut haben, damit ich sie weitererzähle. Diese Geschichten haben mich so tief geprägt, dass sie schließlich zu einer Erweiterung meines eigenen Schmerzes wurden. Literatur löscht das Leid nicht aus und bietet keine einfache Heilung. Aber sie kann verhindern, dass eine Erfahrung bloßer, namenloser Schmerz bleibt. Wenn ich schreibe, bin ich dem, was ich erlebt habe, nicht mehr vollständig ausgeliefert. Ich kann ihm eine andere Form geben, ihm widersprechen und ihm andere Stimmen entgegensetzen. Als ich den Roman zu Ende geschrieben hatte, weinte ich heftig. Ich weinte, bis ich das Gefühl hatte, dass eine schwere Last von mir abgefallen war. Danach konnte ich mich mit all diesen Geschichten des Schmerzes versöhnen: mit denen, die andere mir anvertraut hatten, mit denen, die ich selbst miterlebt hatte, und mit denen, die ich ganz persönlich durchlebt hatte. Es war, als hätte das Schreiben mir ermöglicht, all diese Erfahrungen anzunehmen, ohne weiterhin von ihnen überwältigt zu werden. Vielleicht liegt die Freiheit der Literatur nicht darin, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, sondern darin, ihr nicht das letzte Wort zu überlassen.
Dein Roman wurde von Kerstin Wilsch aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzt. Was verändert sich, wenn eine Geschichte in einer anderen Sprache und damit auch in einem anderen kulturellen Kontext gelesen wird? Gibt es Nuancen, Gefühle oder Bedeutungen, die sich nur schwer oder gar nicht übersetzen lassen?Wenn ein Text in eine andere Sprache übersetzt wird, verändert sich nicht unbedingt seine Geschichte, aber die Art, wie sie gelesen und empfunden wird. Jede Sprache trägt ihre eigene Erinnerung, ihre Bilder und ihre kulturellen Bedeutungen in sich. Manche Nuancen, die im Arabischen selbstverständlich mitschwingen, brauchen im Deutschen vielleicht andere Worte oder einen anderen Zugang. Ich glaube nicht, dass sich alles übersetzen lässt. Es gibt Wörter, Gefühle und Erfahrungen, die eng mit einer bestimmten Sprache und Lebenswelt verbunden sind. Aber ich glaube auch, dass Übersetzung nicht bedeutet, alles unverändert bewahren zu müssen. Manchmal entsteht in der anderen Sprache eine neue Nähe zum Text, eine andere Art, ihn zu verstehen. Kerstin Wilsch hat große Arbeit geleistet, um möglichst genau zu erfassen, was ich mit meinem Text ausdrücken wollte. Unsere Zusammenarbeit war ein langer Prozess des gegenseitigen Kennenlernens. In regelmäßigen Treffen und intensiven Gesprächen haben wir nicht nur über einzelne Wörter und Formulierungen gesprochen, sondern auch über Gedanken, Gefühle und kulturelle Unterschiede. Wir haben nach einem Zwischenraum gesucht, in dem sich die beiden kulturellen Welten begegnen können, ohne dass die eine der anderen angepasst werden muss. Mit der Zeit ist aus unserer Zusammenarbeit eine Freundschaft entstanden. Dieses Vertrauen hat einen geschützten Raum geschaffen, in dem ich offen sprechen konnte. Jede Frage, die Kerstin mir stellte, führte mich manchmal auch zu einer neuen Erkenntnis über mich selbst. Indem ich versuchte, ihr meine Gedanken und Empfindungen so ehrlich wie möglich zu erklären, entdeckte sie neue Seiten meiner Persönlichkeit – und ich konnte manches an mir selbst noch einmal anders verstehen. Für mich ist die Übersetzung deshalb kein bloßer Transfer von Wörtern, sondern eine Begegnung zwischen zwei Menschen, zwei Sprachen und zwei kulturellen Erfahrungen. Kerstin hat meinem Text eine deutsche Stimme gegeben, ohne dass er aufhören musste, aus seiner arabischen Sprache und Erfahrung heraus zu sprechen. Vielleicht liegt gerade darin die besondere Kraft der Literatur: dass sie Grenzen zwischen Sprachen und Kulturen überschreiten kann, ohne alle Unterschiede auflösen zu müssen.



In einem Interview hast du gesagt: „Ich lebe im Exil seit ich geboren bin.“ Was bedeutet Heimat für dich heute und hat sich deine Vorstellung davon durch das Schreiben verändert?
Meine Beziehung zur Heimat hat viel mit der Frage zu tun, wer ich bin. Diese Frage begleitet mich seit meiner Kindheit. Ich hatte immer das Gefühl, dass das Leben nicht nur aus dem besteht, als was wir geboren werden und woran wir uns gewöhnen, sondern auch aus dem, wonach wir suchen, um uns selbst kennenzulernen. Die Reise war und ist ein großer Teil von mir. Im Deutschen gibt es das Wort Fernweh. Es beschreibt die Sehnsucht nach der Ferne. Für mich gehört dazu auch die Sehnsucht nach etwas, das noch gar nicht geschehen ist, nach etwas, das noch vor mir liegt. Vielleicht ist diese Sehnsucht selbst eine Art Heimat, eine Heimat in meiner Beziehung zu dem, was ich noch nicht kenne. Heimat ist für mich aber auch der Geruch eines Ortes, alte und neue Freunde, die Sprachen, die ich spreche, und meine Beziehung zur Vergangenheit, zur Gegenwart und zur Zukunft. Sie hat auch mit meinem Schmerz zu tun, mit der Welt und mit den Menschen, die Erinnerungen an mich bewahren. Manchmal denke ich darüber nach, was passiert, wenn wir einen Teil unserer Erinnerungen verlieren. Nach einem Trauma können bestimmte Erinnerungen schwer zugänglich werden. Und manchmal gehen mit den schmerzhaften Erinnerungen leider auch die schönen Momente dieser Zeit verloren. Dann gibt es Menschen, die sich noch an diese Momente erinnern. Freunde, die sich an Dinge erinnern, die ich selbst vergessen habe. Sie tragen einen Teil meiner Geschichte in sich, einen Teil meiner Erinnerung an mich selbst. Es ist, als würde ich einen Film über mein früheres Leben sehen, den andere Menschen aus ihren Erinnerungen zusammengesetzt haben. Ich sehe mich selbst durch ihre Augen. Ich lache, ich weine, und manchmal ist es mir sogar ein bisschen peinlich. Ich frage mich: War ich wirklich so? Wer war ich damals? Vielleicht ist das auch eine Form von Heimat: dass es Menschen gibt, die sich an uns erinnern, auch an Teile von uns, die wir selbst nicht mehr erreichen können. Und natürlich verändern wir uns. Wir sind nicht dieselben Menschen, die wir einmal waren. Deshalb verändert sich auch unsere Vorstellung von Heimat. Meine Beziehung zur Heimat ist heute nicht mehr dieselbe wie früher, so wie auch meine Beziehung zu mir selbst nicht dieselbe geblieben ist. Ich glaube, Heimat ist für mich keine geografische Grenze. Sie hat mit meinen Gefühlen und mit meiner Beziehung zu allem zu tun, was mich umgibt. Mit den Orten, den Menschen, den Sprachen und den Erinnerungen, durch die ich mich selbst immer wieder neu entdecke. Und vielleicht hat auch das Schreiben meine Vorstellung von Heimat verändert. Es gibt mir die Möglichkeit, mich diesen unterschiedlichen Teilen meiner selbst zu nähern, auch den verlorenen und den widersprüchlichen. Nicht, um sie wieder zu einer einzigen, vollständigen Geschichte zusammenzufügen, sondern um mit ihnen leben zu können.

Wie viel Vertrauen braucht es, um den eigenen Text einer anderen Person, in diesem Fall der Übersetzerin, anzuvertrauen? Schließlich gibt man damit auch ein Stück der eigenen Stimme aus der Hand. Und wie fühlt es sich an, wenn jemand anderes die eigenen Worte in einer neuen Sprache zum Leben erweckt?
Ich glaube, dass es sehr viel Vertrauen braucht, den eigenen Text einer anderen Person anzuvertrauen. Denn ein Text ist nicht nur eine Folge von Wörtern. In ihm stecken unsere Gedanken, unsere Gefühle und unsere ganz persönliche Art, die Welt zu sehen. Bei Kerstin war es ein langer Prozess des gegenseitigen Kennenlernens. Wir haben uns regelmäßig getroffen, miteinander gesprochen und über Gedanken und Formulierungen diskutiert. Es ging nicht nur darum, die richtigen Wörter in einer anderen Sprache zu finden, sondern auch darum, die Unterschiede zwischen unseren kulturellen Hintergründen zu verstehen und einen Raum zwischen den Sprachen zu schaffen, in dem wir uns begegnen konnten. Mit der Zeit ist daraus eine Freundschaft entstanden, die uns einen Raum der Sicherheit gegeben hat. Ich hatte das Gefühl, dass Kerstin nicht nur meine Texte kennenlernte, sondern auch mich als Menschen, meine Art zu denken und die Welt wahrzunehmen. Das hat mir ermöglicht, ihr meine Worte anzuvertrauen. Wenn jemand meine Worte in einer anderen Sprache zum Leben erweckt, ist das für mich ein besonderes Gefühl. Natürlich verändert sich etwas. Die Worte klingen anders, und manchmal entdecke ich in der Übersetzung sogar neue Seiten meines eigenen Textes. Aber ich glaube, dass ich einen Text nicht mehr wirklich besitze, sobald er mich verlässt und in die Welt hinausgeht selbst wenn er in meiner eigenen Sprache geschrieben ist. Er ist dann ein Kind des Lebens und hat das Recht, seinen eigenen Weg zu gehen und seine eigenen Erfahrungen zu machen. Das gilt für mich genauso für einen Text auf Arabisch wie für einen Text auf Deutsch. Vielleicht ist das auch das Schöne an der Übersetzung: Der Text verlässt mich ein zweites Mal, bekommt eine neue Stimme und beginnt ein neues Leben. Und dieses Leben gehört nicht mehr allein mir.