Bianca Ullrich über bessere Mode, ihre Freude am Stricken und ihre Liebe zu Südtirol

Bianca beim Interview in der Luna Bar, © Susanne Barta
Bianca beim Interview in der Luna Bar, © Susanne Barta
Diese Geschichte erzähle ich mit großer Freude. Da sie vieles von dem enthält, was mir wichtig ist: Zu inspirieren und wiederum inspiriert zu werden, zu vermitteln, dass Mode in besser gar nicht so schwierig ist – auf Secondhand setzen und kleine, gute Labels unterstützen –, dass sich Stil und Haltung nicht ausschließen.
Bianca hat mich über diesen Blog kennengelernt, dann via Instagram das Secondhandangebot in Bozen entdeckt. „Ich habe das alles so gerne gelesen“, erzählt sie, „da ich eine lange Verbindung mit Südtirol habe und Mode sehr mag“. Und schließlich wurde Bianca auch aktive Abonnentin meines Substack Formats The Slow Fashionista.

Vor ca. einem Jahr haben wir uns das erste Mal zufällig bei Pezzi di Perla getroffen, jetzt trinken wir immer wieder mal einen Kaffee in Bozen. Als Bianca mir von ihrer (neuen) Leidenschaft für das Stricken erzählte und ich ihre tollen Stücke auf Instagram gesehen habe, wollte ich unbedingt darüber schreiben.
Bianca führt in dritter Generation gemeinsam mit ihrem Vater eine mittelständische Metzgerei mit Catering in Neustadt an der Aisch, das ist zwischen Nürnberg und Würzburg. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter, die eine ist 23, die andere 20. Mit 27 Jahren hat sie sich entschieden, in die Familienfirma einzusteigen. Zuvor war sie Steuerfachangestellte, hat BWL studiert, arbeitete in England, dann wieder in Deutschland für eine Softwarefirma. Nach ihrer Entscheidung hat sie auch noch eine Ausbildung als Metzgermeisterin absolviert. „In beiden beruflichen Feldern jedoch“, erzählt sie, „steckt nicht mein Herz. Ich mache das, glaube ich, auch gut, aber so ganz ist das nicht meins.“
Bianca bringt zum Interview einen schwarzen handgestrickten Kurzarmpulli aus Mohair/Leinen-Gemisch mit, mit einem an Norwegermuster angelehnten Muster. Wunderschön. Ihre Stücke sind fein gearbeitet und haben Stil. Das fällt gleich auf. Da schaut nichts aus wie „Jute statt Plastik“, nur eben in Wolle. Biancas Strickteile sind denn auch nach Vorlagen gestrickte Designerteile.



Bianca, du hast erzählt, dein Herz liegt nicht in den Arbeiten, die du bisher gemacht hast und noch machst. Wo geht denn dein Herz um?
Mode hat mich schon als Kind interessiert. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mit den Eltern nach Südtirol gefahren bin und immer einige schöne Stücke gekauft habe. Mode, die erst zwei Jahre später nach Deutschland kam. Meinen Freundinnen ist das aufgefallen und sie haben immer gefragt: „Was hast du denn heute an?“
Das ist heute ja anders. Die Mode, die Geschäfte und demnach auch das, was die Leute tragen, ähneln sich ...
Ja, leider. Dennoch halte ich immer Ausschau nach Südtiroler Produkten. Zuletzt hat mich dein Artikel über das nachhaltige Südtiroler Schmucklabel „Rays & Riches“ inspiriert. Das möchte ich mir näher anschauen.
Wie bist du zum Stricken gekommen?
Meine Oma war, bevor sie geheiratet hat, Stickerin. Ich selbst habe mich jedoch nie als kreativ empfunden. Ich habe Stricken in der Schule gelernt, aber nicht besonders gut, auch nicht mit besonders großer Freude. Wollpullover jedoch mochte ich immer. Richtig zu stricken begann ich erst vor einiger Zeit über eine Freundin. Auch Instagram hat mir ständig Strick-Content reingespült. Seitdem habe ich nicht mehr aufgehört.
Ich bin sehr angetan von deinen Stücken …
Es entsteht wirklich so etwas wie eine handgefertigte Garderobe. Wobei, so viel wie ich stricke und stricken könnte, brauche ich ja gar nicht. Deswegen stricke ich auch für meine Familie und Freunde. Ich stricke einfach sehr gerne, lerne ständig dazu und es gefällt mir.


Du bist aber auch gerne in Secondhand Stores in Südtirol unterwegs …
Als ich begonnen habe, dir zu folgen, ist mir erst aufgefallen, wie viel Secondhand es in Bozen, in Südtirol gibt. Das hat mich sehr überrascht. Bei uns gibt es kaum etwas in der Nähe. Immer, wenn ich in Südtirol bin, schaue ich mich um. Dieses Jahr habe ich mir bisher nichts in einem „normalen“ Geschäft gekauft. Neu kaufe ich nur mehr selten. Das meiste, was ich sehe, kann ich mir selber stricken in besserer Qualität und fast alles andere finde ich secondhand. Vielleicht fange ich auch noch mit Nähen an. Manchmal braucht es ja nur wenig, um ein Stück wieder modern zu machen, eine Naht hier, ein Saum dort. Meine Töchter können beide sehr gut nähen.
Welche Rolle spielt das Stricken heute für dich?
Beim Stricken ist mein Herz 100 % dabei. Noch lerne ich, eigene Ideen getraue ich mich noch nicht umzusetzen, sondern halte mich sehr genau an die Anweisungen der Designerinnen.

Kannst du dir vorstellen, daraus auch mal ein Business zu machen?
Ja, schon, es ist jedoch ein Slow Business, denn Stricken braucht Zeit. Irgendwann hat man ja genügend eigene Teile, was soll ich mit 20 Pullovern anfangen? Ich kann mir also gut vorstellen, auch für andere zu stricken. Die müssten aber bereit sein, für so etwas Individuelles auch Geld auszugeben.
Ich habe mir bei dir einen „Sophie Scarf“ bestellt, in Rot …
Dieser Schal ist ja das Internet-Phänomen schlechthin. Es braucht dazu nur einen Ball Wolle und los geht’s. Er ist so einfach zu stricken. Dieser Schal war eines meiner ersten Teile. (Den Link zur Anleitung gibt’s unten.)


Du sagtest, du magst Mode sehr. Wie würdest du deinen persönlichen Stil beschreiben?
Klassisch mit Twist, denn wenn es zu klassisch ist, wird mir das schnell zu langweilig. Ich habe jedoch nicht allzu viele Gelegenheiten, mich für mich anzuziehen. Den Großteil meiner Zeit verbringe ich mit meinem Beruf und das seit vielen Jahren. Daher kaufe ich generell wenig ein. Das, was ich mir kaufe, ziehe ich dann im jeweiligen Jahr so oft wie möglich an. Die Kleider vom letzten und vorletzten Jahr bleiben dann oft im Schrank hängen. Mit ein bis zwei neuen Teilen im Jahr komme ich gut durch. Mir fehlen einfach die Gelegenheiten, meine Teile auszuführen.
Vielleicht ja dann im Urlaub in Südtirol?
Genau. Schon in der Kindheit bin ich mit den Großeltern nach Südtirol gekommen, später mit den Eltern und ab 20 dann auch selber. Früher einfach zur Erholung, das Wandern ist erst in den letzten zehn Jahren dazugekommen. Heute sind wir 3- bis 4-mal im Jahr in Südtirol, seit vier Jahren immer in Kastelruth. Mich zieht es eigentlich nirgendwo anders hin. Mein Mann macht mit. Ich habe grundsätzlich nur eine Woche Urlaub, da passt das sehr gut, und möglichst nachhaltig zu reisen, ist mir auch wichtig.
Ist nachhaltiger zu leben auch sonst wichtig für dich?
Ja, aber ohne Perfektionsanspruch. Ich habe mich vor etwa zehn Jahren sehr von Bea Johnsons Zero Waste Home inspirieren lassen. Ich habe zwar nie viel gekauft und immer auf gute Qualität geachtet. Meine Sachen trage ich sehr lange. Die Schuhe zum Beispiel, die ich heute trage, sind zehn Jahre alt. Ich habe sie neu besohlen lassen und jetzt halten sie sicher nochmal zehn Jahre.
Zu Fast Fashion Geschäften wie Zara und H&M gehe ich nie. Wenn, dann suche ich nach kleinen Firmen, die besser produzieren. Wie zum Beispiel Merz B. Schwanen, ihre T-Shirts trage ich jeden Tag zur Arbeit. (Anmerkung, die gibt es auch in Bozen, bei Sublime). Ich möchte von Firmen kaufen, die es so gut wie möglich machen. Das versuchen wir auch mit unserer Metzgerei. Man kann es ja nie perfekt machen, sicher nicht bei einer Metzgerei, da ist immer auch Tierleid mit dabei. Auch in der Mode ist das so – Leder, Wolle … Deswegen schaue ich genau auf die Qualität, woher ich meine Wolle bekomme, schaue, ob es Zertifikate gibt und wähle dann bewusst aus.

Dieses Gespräch hat mir richtig Lust aufs Stricken gemacht. Ich denke, ich werde mich für den Winter an einen Sophie Scarf wagen. Das scheint mir machbar. Vielleicht habt ihr ja auch Lust bekommen?
Hier geht’s zu Biancas Instagram und hier zum Sophie Scarf. Außerdem hat Bianca einige Insta-Accounts zusammengestellt, die für euch interessant sein könnten, wenn ihr denn auch eine Liebe zum Stricken habt oder entwickeln möchtet: Rikke Kroger, PetiteKnit, Les Filles Ducoeur, Anne Ventzel, Le Knit.
PS der Chefinredaktion: Falls jemand Lust auf Stricken (Sticken oder Häkeln oder ...) im Kino hat, gibt's auch in Bozen – und einmal in Schlanders – genug Gelegenheiten dazu: Seit Jänner 2026 gibt der Filmclub Bozen mit dem Community-Kinoformat „Filo Rosso – Roter Faden – Crafting at the cinema“ flinken Händen die Möglichkeit, bei gedimmtem Licht zu einem Film die Nadeln zu schwingen. Die nächsten Termine sind: Samstag, 14.11.2026 (17:30 @ Filmclub Bozen); Samstag, 19.12.2026 (10:30 Matinee @ Filmclub Bozen); Samstag, 20.02.2027 (17:30 @ Filmclub Bozen); Sonntag, 07.03.2027. (17:30 @ BASIS Vinschgau Venosta in Zusammenarbeit mit Filmclub Schlanders).