„Filo Rosso – Roter Faden“ erstmals im Filmclub Bozen von und für woll- und garnwütige Menschen

Anna Hilber beim Häkeln im öffentlichen Raum, © Katrin Gruber
Anna Hilber beim Häkeln im öffentlichen Raum, © Katrin Gruber
Stricken, Häkeln, Sticken im Kino? Was zunächst vielleicht skurril klingen mag, ist mittlerweile ein weltweiter Trend, der Anna Hilber besonders fasziniert. Viel braucht es nicht: einen leicht zugänglichen Film, gedimmtes Licht und einen Kinosaal fürs gemeinsame Werkeln. Auf offene Ohren ist die fingerfertige Nadelschwingerin beim Filmclub Bozen gestoßen: Am Samstag, 10. Jänner 2026 findet um 18:00 mit „FILO ROSSO – ROTER FADEN“ erstmals dieses entspannte Community-Kinoformat in Südtirol statt. Weitere Partner sind Aufburg, ella Festival und BITZ unibz fablab.
Mitzubringen sind Nadeln, Wolle und das eigene Strick-, Häkel- oder Stick-Projekt. Erlaubt ist, was am textilen Arbeiten gefällt, jede Fertigkeitsstufe ist willkommen. Wer mag, kann vor Ort Wolle kaufen oder tauschen. Helfende Hände stehen außerdem beratend bei. Während der Vorstellung ist das Licht im Kinosaal leicht angehoben. Nach dem Film kann an der Bar weiter gewerkelt oder geplauscht werden.

Bei Anna Hilber haben wir nachgefragt, warum wieso weshalb sie in Südtirols Kinos unbedingt häkeln will:
Was hat es mit der Kombi Handarbeit und Kino auf sich?
Die Kombination textiles Handarbeiten oder Handwerken im Kino ist ein Konzept, das aus Skandinavien kommt und langsam aber sicher international alle größeren Städte erobert. Grundsätzlich ist Handarbeiten etwas, das sich bestens dafür anbietet, es in Gemeinschaft zu machen. Man sieht, woran andere arbeiten, kann sich gegenseitig weiterhelfen, sich inspirieren lassen und voneinander lernen. Stricken im Kino, wie die meisten dieser Veranstaltungen heißen, ist nur eines dieser Phänomene, wo Handwerk oder Handarbeiten mit anderen Dingen kombiniert werden. Es gibt zum Beispiel mittlerweile viele Craft-Clubs oder auch Handarbeit-Clubbings.
Das Schöne daran ist, zusammenzukommen und sich auszutauschen. Während des Häkelns höre ich persönlich meistens Podcasts oder Hörbücher oder schaue irgendeine Serie. Deswegen finde ich es super, das nicht nur alleine zuhause zu machen, sondern mich mit anderen Gleichgesinnten zu treffen und gemeinsam zu werken.
Wie bist du auf diese Idee gekommen?
Auf die Idee gekommen, das Format nach Südtirol zu bringen, bin ich nach der Teilnahme an einem „Strick im Kino“-Event in Wien. Mich hat das total fasziniert, wie stark sich die Atmosphäre im Kinosaal verändert hat, wenn man gemeinsam während des Films handarbeitet. Es war eine Erfahrung, die ich unbedingt wiederholen und mit anderen teilen wollte. Und nachdem es in Südtirol noch nicht gemacht wurde, war es naheliegend, es mit dem Filmclub gemeinsam ins Leben zu rufen. Ganz einfach, weil ich es selbst genieße.
Was kann bzw. soll ich ins Kino mitbringen? Darf ich nur mit Nadeln und Knäuel kommen?
Willkommen sind alle, das heißt nicht nur Menschen, die handarbeiten, sondern auch jene, die einfach Lust haben, auf ein etwas anderes Kinoerlebnis. Das kann ein Familienausflug mit Tanten, Papa und Bruder sein oder mensch kommt alleine. Auch das funktioniert gut, ohne sich komisch anzufühlen, weil wir eh alle gemeinsam im Saal handarbeiten. Und ja: „Come as you are“ könnte nicht wahr sein.
Was man mitbringen kann – niemals soll –, sind Restmaterialien für textiles Handwerk, die man nicht mehr braucht und gerne tauschen oder anderen für den Tauschtisch überlassen möchte und eigene Projekte, wenn man weiter daran arbeiten möchte. Ansonsten einfach ein Interesse daran, wie so ein solches Event funktioniert.

Was fasziniert dich persönlich an Handarbeit?
Für mich ist Textilhandwerk auf voll vielen Ebenen sehr faszinierend und bereichernd. Ich könnte jetzt über feministische Theorie, Kapitalismuskritik, Aktivismus oder den gesundheitlichen Mehrwert sprechen, aber das würde wohl ausufern. Wer sich für diese Themen interessiert oder sich darüber austauschen möchte, kann gerne mit mir nach dem Film an der Kinobar plaudern. Runtergebrochen ist es für mich Entspannung, kreativer Ausdruck und Bereicherung, absoluter Dopaminbooster und manchmal auch ein Fidget Toy.
Stricken oder häkeln?
Immer häkeln, ich bin keine gute Strickerin, kann da nur die absoluten Basics und fühl mich mit einer einzigen Nadel eindeutig wohler.
Welche „tiefere“ Bedeutung hat der Akt einer häuslichen Arbeit im Öffentlichen?
Ich habe im letzten Jahr begonnen, meine Häkelprojekte häufig mitzunehmen, wenn ich unterwegs war, weil es etwas ist, das ich wunderbar nebenher machen kann. Mir hilft es auch beim Zuhören und ich kann mich dann besser konzentrieren. Es ist total schön zu sehen, wie Menschen darauf reagieren, es ist ein absolut guter Conversation-Starter. Leute fühlen sich eingeladen, auf eine*n zuzukommen und Fragen zu stellen. Gleichzeitig ist mir aufgefallen, dass ich nicht die einzige bin, die das macht. Letztens war ich bei einer Konferenz und bin zufällig neben zwei Personen gesessen, die gestickt haben. Ich finde, man sollte das viel öfter in den öffentlichen Raum holen und sichtbar machen. Denn meistens arbeiten wir alleine zuhause an unseren Projekten, und es passiert sehr wenig Austausch und Sichtbarkeit von dem, was wir da machen. Das ist sehr schade.
Ich könnte jetzt noch auf den Hobby-Gender-Gap zu sprechen kommen, der sehr vereinfacht besagt, dass männlich kommentierte Hobbys – das sind zumeist Hobbys, die Personen aus dem Haus hinaus holen und sehr fokussiert Zeit für sich selbst benötigen und nicht unterbrochen werden können, sprich auch nicht mit Care-Arbeit kombiniert werden können, sehr viel Sichtbarkeit und Anerkennung im öffentlichen Leben bekommen. Gerade bei Handarbeit ist es der umgekehrte Fall: Es ist ein weiblich konnotiertes Hobby, das im häuslichen Bereich stattfindet, das leicht unterbrochen werden kann und meist auch noch dem Gemeinwohl der Familie zugutekommt. Sprich etwas, das sich nicht nur wunderbar mit Care-Arbeit kombinieren lässt, sondern auch defacto Care-Arbeit ist. Umso wichtiger ist es, diese Tätigkeiten aus dem Haus rauszuholen, sichtbar zu machen und bewusst an Orten auszuüben, die ungewohnt sind.