Zukunftsvisionen zwischen Ideengenerator und Müllschlucker – Die Künstler*innen Vereinigung Tirol wird 80 und fragt sich und ihre Mitglieder gerade: Wie soll es eigentlich weitergehen?

Wie geht es den Künstler*innen in Tirol? Die Künstler*innen Vereinigung Tirol blickt derzeit ihre Zukunft. Die Erhebung vom Status Quo zeigt: Die Kunstschaffenden stehen unter Druck. © Daniel Jarosch
Was kann Vereinigung für mich sein? Was bedeutet Gemeinschaft heute? Das sind die Fragen, die Künstlerin Milena Meller ihren Kolleg*innen in der Tiroler Künstler*innen-Vereinigung derzeit stellt – per Postkarte. Die Tirolerin hat eine Serie von vier „Fragilen Formationen“ erstellt, die zur Reflexion anregen und Reaktion anstoßen sollen, pünktlich zum Jubiläum der Interessenvertretung für Künstler*innen in Tirol. Wie Anfang September schon der Südtiroler Künstlerbund in Bozen, so feiert auch die Künstler*innen Vereinigung Tirol (kurz: küveti) ab September 2026 ihren 80. Geburtstag.
Mit einem großen Artist Assembly wird über drei Fokuswochenenden auf Damals geblickt, der Status quo im Heute erhoben und vor allem auf das Morgen geblickt: Unbestritten ist, dass es weitergeht mit der Interessenvertretung der Künstler*innen in Tirol – nur wie es weitergeht, ist noch nicht ganz so klar.
Und das hängt nicht nur mit 80-jährigen Bestehen der Vereinigung, die 1946 als Teil der „Berufsvereinigung bildender Künstler Österreichs“ gegründet und ab 1968 als „Tiroler Künstlerschaft“ agierte, zusammen. Auch im Künstler*innenhaus Büchsenhausen, das als Atelierhaus 1992 zur Vereinigung dazukam, ist derzeit einiges im Umbruch. Nach dem plötzlichen Tod von Büchsenhausen-Mitinitiator Andrei Siclodi übernahmen Barbara Mahlknecht und Johannes Reisigl das Ruder im Künstler*innenhaus. Wie es hier weitergeht, etwa ob und wie das Fellowship-Programm weitergeführt wird, das wollen Mahlknecht und Reisigl gemeinsam mit den Mitgliedern der Künstler*innen-Vereinigung und auch dem interessierten Publikum herausfinden – in den nächsten Monaten. Und nachdem sich jetzt auch der Verein als Interessenvertretung selbst befragt.

Eine zentrale Ansprechperson für die Künstler*innen in Tirol ist Bettina Siegele. Seit Oktober 2022 ist sie die künstlerische Leiterin von Neuer Galerie und Kunstpavillon – und ist auch die Geschäftsleiterin der beiden zentralen Ausstellungsorte von küveti. Sie kennt die Fragen der heimischen Künstler*innen, spricht aber auch offen über die Sorgen der Mitglieder: „Angesichts von AfD-Erfolgen in Deutschland und FPÖ-Regierungen etwa in der Steiermark beschäftigen sich viele mit ihrer eigenen Zukunft und sorgen sich um ihre Freiheit“, erklärt Siegele. „Wie arbeiten, wenn vor allem Traditionskultur gefördert werden wird?“, diese Frage hat sie bei der großen Diskussion zur Zukunft von küveti beim ersten Fokuswochenende nicht zum ersten Mal vernommen.
Ausführlich spricht Siegele vom Druck, unter dem die Künstler*innen auch in Tirol leben – das küveti-Jahresthema „Under Pressure“ ist also bewusst gewählt. Und trifft den Nagel auf den Kopf. Es gehe bei vielen schlichtweg um die Finanzierung ihres Berufs Künstler*in. „Nicht nur aus finanzieller, auch aus emotionaler Sicht zweifeln einige daran, ob sie sich das Ganze noch lange leisten werden können,“ erklärt Siegele. Und andere hätten bereits aufgegeben. Auch dagegen will sie mit der Interessenvertretung angehen.
Im Rahmen ihrer Möglichkeiten setzt sich küveti also in Zusammenarbeit mit der IG bildende Kunst u. a. für die Weiterentwicklung der Fair-Pay-Strategie bei den öffentlichen Fördergeber*innen ein. Fair Pay, also die faire Bezahlung von künstlerischer Arbeit und Kultur-Arbeit, sei zwar in den Regierungsprogrammen verankert, in der finalen Umsetzung sieht Siegele allerdings noch Lücken. „Wir sind mit 70 Prozent gestartet, ambitioniert wollte man jährlich erhöhen, um auf geplanten 100 Prozent zu kommen“, erklärt sie. Inflation und multiple Krisen aber hätten die Ambition nie Wirklichkeit werden lassen. Und auch wenn die 100 Prozent einmal erreicht seien, erklärt Siegele, sie sind bloß „der Mindestlohn“.


Neben finanziellen Fragen beschäftigt die Interessenvertretung in Tirol außerdem der „Dauerbrenner Raum“, wie Siegele ihn nennt. Der Wegfall von Räumen, angefangen vom Reich für die Insel (einem Offspace inmitten der Stadt) bis hin zur BALE (frühere Geschäftsflächen im Westen Innsbrucks) wird von vielen längst als tragischer Fortsetzungsroman gelesen. Für die Situation Künstler*innen sind laut Siegele die fehlenden (und oder zu teuren) Produktionsstätten noch dramatischer. Sie weist auf die Ateliers im Künstler*innenhaus Büchsenhausen hin, die einzigen, die in Tirol gefördert werden. Es sind insgesamt sechs Stück. Leerstand gäbe es dagegen genug, meint nicht nur Siegele.
Die Best-Practice-Modelle aus anderen Städten kann auch Bettina Siegele locker aus dem Ärmel schütteln: Die Zwischennutzung einer alten Schule in Amsterdam etwa, oder die Initiative „Wiener Räume“ – Leerstandsaktivierung als gelebter Alltag. Und etwas, auf das auch küveti in Tirol schon lange pocht. Bisher ohne Erfolg. Auch wenn Ideen, auch für außerhalb der Stadt längst auf dem Tisch liegen, informiert Siegele.
Für Neue Galerie und Kunstpavillon will küveti wenn schon keine Produktionsstätten dann aber weiterhin Orte und Möglichkeiten der Begegnung schaffen. Das sei beim ersten Fokuswochenende im September bereits klar geworden, sagt die Leiterin der beiden Ausstellungsräume. Pandemiefolgen sind laut Siegele immer noch zu spüren, die Möglichkeit zum Austausch selbst in Innsbruck ungemein wichtig, „auch damit Künstler*innen merken, viele haben mit den gleichen Fragen und Themen zu kämpfen“.
Weil Austausch zudem auf künstlerischer Ebene passiert, zeigt küveti zum Jubiläum eine Mitgliederausstellung – wie schon bei früheren Jubiläen. Nach einem Call für Ausstellung und Rahmenprogramm hat Kurator Johannes Reisigl unter den einreichenden Mitgliedern ausgesucht und Neue Galerie und Kunstpavillon sowie das Rahmenprogramm des Jubiläums damit bespielt. Temporär zu sehen sind aktuell 30 Positionen und damit allesamt Arbeiten, die sich mit küveti und mit Sorgen, Fragen, Wünschen der Künstler*innen auseinandersetzen.

Thema Raum? Maria Walcher wünscht sich mit ihrer luftigen Installation, wohl auch im feministischen Sinne, einen „Room for One’s Own“ (angelehnt an Virginia Woolf), während Isabel Peterhans und Lea Abendstein in einem Raum (für Reflexion, für Ruhe?) samt textilem Rückzugsort („Rest to Gather“) laden. Thema Prekariat? Wege, Auswege und die fragile Balance zwischen Prekariat, Solidargemeinschaft und Demokratie hat Helmut Nindl auf den Ausstellungsboden im Kunstpavillon übertragen. Thema Austausch? Matthias Krinzinger organisiert ein Tischfußballspiel, in dem alle Teilnehmenden gewinnen – und, wie der Titel der Arbeit bereits verrät, gleichzeitig verlieren.

Um die (Zukunfts-)Ideen kümmerte sich am ersten Fokuswochenende u. a. Künstlerin und Vorstandsmitglied Miriam Tiefenbrunner mit ihrem „Ideengenerator“ – jedenfalls was den küveti-Merch anbelangt. Wie es im Verein und in der Interessenvertretung weitergeht, diese Ideen wollen die Mitglieder immer noch gemeinsam herausfinden. Im November 2026 will die küveti eine Publikation zum Jubiläum vorlegen. Wenn es nach Siegele geht, dann ist darin keine fix fertige Vision festgeschrieben, sondern viele Visionen. Aussortiertes könnte indes im „Schlucker“ von Clemens Gächter landen. Sein adaptierter Gartenhäcksler im Kunstpavillon ist gefräßig. Und wie die anderen Arbeiten in der Mitgliederausstellung bis 6. November 2026 zu sehen.