Barbara Mahlknecht aus Steinegg und Johannes Reisigl aus Innsbruck sind nach dem plötzlichen Tod von Leiter Andrei Siclodi die neuen Programm- und Geschäftsleiter*innen des Künstler*innenhauses Büchsenhausen in Innsbruck.

Barbara Mahlknecht und Johannes Reisigl sind als neue Programm- und Geschäftsleiter*innen für das Künstler*innenhaus Büchsenhausen verantwortlich; © Verena Nagl
Barbara Mahlknecht und Johannes Reisigl sind als neue Programm- und Geschäftsleiter*innen für das Künstler*innenhaus Büchsenhausen verantwortlich; © Verena Nagl
Der plötzliche Tod von Leiter Andrei Siclodi hinterließ im Künstler*innenhaus Büchsenhausen eine Lücke. Barbara Mahlknecht aus Südtirol und Johannes Reisigl aus Innsbruck wurden als neue Programm- und Geschäftsleiter*innen auserwählt, um sich Gedanken zu machen, wie es weitergehen kann. Klare Vorgaben machen wollen sie nicht. Das Ende ist für die beiden offen, das Fellowship-Programm wurde pausiert.
Das Künstler*innenhaus Büchsenhausen ist sehr stark von persönlichen Engagements, von Andrei Siclodi allen voran, aber auch von Ingeborg Erhart und den vielen Künstler*innen, die sich in der Künstler*innenvereinigung einbringen, geprägt. Was war eure erste Berührung mit Büchsenhausen – und wie war die?
Barbara Mahlknecht: Ich erinnere mich eigentlich seit immer, dass Büchsenhausen ein Name war, ein Ort, der Ausstrahlung hat über die Grenzen Tirols hinaus. Konkreter habe ich Büchsenhausen 2016 kennengelernt, als ich mit Georgia Holz das 70-Jahr-Jubiläum in der heutigen Künstler*innenvereinigung co-kuratieren durfte. Hier fand meine erste Begegnung mit Andrei statt. Wir haben uns im Garten bei der Eröffnung der Ausstellung unterhalten – und ich habe verstanden, wie viel Potenzial Büchsenhausen hat. Was für mich diesen Ort ausmacht, sind Begegnungen und Gespräche, aber auch Andreis’ Überzeugung, dass dieser Ort Denken und künstlerisches Arbeiten in einen produktiven Dialog bringen kann. Was hier geleistet wurde, verdient größte Wertschätzung.
Johannes Reisigl: Ich habe Büchsenhausen noch als HTL-Schüler kennengelernt. Weil Menschen wie Veronika Berti dafür gesorgt haben, dass die Klassen sich Ausstellungsräume ansehen – auch Büchsenhausen. Genau verstanden, was in Büchsenhausen passiert, habe ich damals nicht. Ein zweites Mal habe ich das Künstler*innenhaus dann während meines Studiums in Amsterdam kennengelernt, genauer als einer meiner Dozierenden, der französische Grafikdesigner Paul Gangloff, von seiner Zeit in Innsbruck erzählte. Über die Jahre durfte ich noch weitere Künstler*innen kennenlernen, die mit Büchsenhausen verbunden waren – in Gesprächen mit ihnen wurde mir klar, wie prägend Büchsenhausen für Menschen, aber auch für den Diskurs hier war.
Daran angeküpft: Welchen Stellenwert im Tiroler Kulturleben nimmt Büchsenhausen gerade ein?
Reisigl: Genau das wollen wir jetzt herausfinden. Wir haben uns als erstes Ziel gesetzt, eine Bestandsaufnahme zu machen. Erst dann können wir auch sagen, wo es hingehen soll. Wir konzipieren aktuell also einen sanften Übergangsprozess, eine sanfte Öffnung, mit der wir zunächst herausfinden wollen, wo wir stehen. Auch im Rahmen vom Jubiläum zu 80 Jahren Künstler*innenvereinigung Tirol wollen wir uns unter anderem der Frage widmen, wie sich eine zeitgemäße Künstler*innenvereinigung definiert. Oder wie sie gegenwärtigen Krisen, entgegentreten will. In einem zweiten Schritt folgt etwas, das wir „öffentliche kuratorische Forschung“ nennen. Im Grunde soll gemeinsam, öffentlich über die Zukunft nachgedacht, Fragen der Ausgestaltung von Residencies oder der Organisation und dem Betrieb von Häusern wie diesen, verhandelt werden.
„Im Grunde soll gemeinsam, öffentlich über die Zukunft nachgedacht werden.“
Mahlknecht: Was ich noch ergänzen würde: Büchsenhausen steht nach dem plötzlichen und traurigen Ableben von Andrei Siclodi an einem entscheidenden Punkt. Wie kann es weitergehen? Wir haben zuletzt immer wieder das Wort „Krise“ vernommen – und Krise bringt immer einen neuen Prozess der Differenzierung mit sich. Wir wollen die aktuelle Situation zugleich weniger als Bruch, sondern eher als Aufbruch sehen, als Moment der Transformation. Gerade jetzt ist es zentral, noch einmal abzustecken: Was ist das für ein Ort, wie ist er zu diesem geworden? Weitergedacht: Was sind gegenwärtige gesellschafts- und kulturpolitische Dringlichkeiten, sowohl lokal als auch in globaler Perspektive gesehen?
Ihr betont die Öffentlichkeit, die im Prozess eine Rolle spielen soll. So ein partizipativer Prozess birgt durchaus Gefahren – oder sagen wir, er hat Grenzen.
Reisigl: Und trotzdem stelle ich mir eine zeitgemäße Kulturinstitution heute weniger als Insel vor, die abgeschottet von allem rundherum agiert. Wenn eine Insel, dann eher ein Teil eines Archipels, wo es Austausch gibt zwischen den Inseln. In meiner persönlichen Praxis spielt Teilhabe bzw. Ko-Kreieren, Kollaborieren auf Augenhöhe eine große Rolle. Diese Erfahrungen bringe ich mit. Gleichzeitig bin ich mir der Möglichkeiten und Grenzen von Partizipation bewusst. Es gilt zu überlegen, wer, wann und zu welchem Zweck partizipiert. Weil ich selbst schon erlebt habe, wie Teilhabe-Prozesse auch außerhalb des Kunstkontextes – egal, ob es um Dorfentwicklung oder Ähnliches geht, Erwartungen enttäuschen können.
„Das Ende ist offen.“
Mahlknecht: Vielleicht, weil Öffnung oft nur in eine Richtung gedacht wird. Wir verstehen Öffnung als etwas Multidirektionales und Relationales – nicht als Geste, sondern als Haltung. Es geht um ein gegenseitiges Sich-Öffnen, um einen Dialog zwischen allen Beteiligten.
Ein solcher Prozess könnte aber auch eine ganz andere inhaltliche Zukunft ergeben. Was muss für euch in Büchsenhausen bleiben?
Reisigl: Im Wesentlichen besteht das Künstler*innenhaus Büchsenhausen heute aus zwei Elementen – einerseits die Studios, die Ateliers für Tiroler Künstler*innen; andererseits das Fellowship-Programm mit seiner Ausrichtung auf die Schnittstelle Kunst und Theorie, also: Künstler*innen, Theoretiker*innen von außen kommen hierher, arbeiten hier, geben Einblick in ihren Prozess und zeigen am Ende ihres Aufenthaltes, was sie geschaffen haben. Es gibt sowohl eine zeitliche Achse – Menschen verbringen in Studios hier Zeit –, als auch eine geographische, der Austausch lokal und überregional. Ich habe durchaus Interesse, an diesen beiden Achsen weiterzuarbeiten. Das verlangt allein schon die Dringlichkeit in der Debatte um Räume – Kultur- ebenso wie Wohn- oder Arbeitsräume, die hier in Tirol ja besonders virulent ist.
Mahlknecht: Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen. Ich finde zudem, dass ein Erneuerungsprozess immer zu einem gewissen Grad ein Erhaltungsprozess ist und umgekehrt. Nur müssen wir entlang dieser beiden Achsen herausfinden, ob sie zu den zeitgemäßen Bedingungen noch passen oder an diese angepasst werden müssen. Deshalb sprechen wir nicht nur von „öffentlicher kuratorischer Forschung“, sondern auch von „offener kuratorischer Forschung“. Das heißt: Das Ende ist offen. Die Vision gestaltet sich erst. Wir bringen Ideen mit, wollen aber nicht von oben herab implementieren, wie sich ein Ort entwickeln muss.
Wie stellt man sich das für den Übergangsprozess vor? Ganz konkret: Wird das Fellowship-Programm weitergehen?
Reisigl: Wir werden den aktuellen Zyklus des Programms wie geplant abschließen. Es wird, wie in den Jahren zuvor, das öffentliche Programm, die sogenannten „Focus Weeks“ im März geben und abschließend im Mai eine Ausstellung samt Rahmenprogramm. Das Fellowship-Programm wird dann aber zugunsten des Übergangsprozesses erst mal pausieren. Der Austausch wird deshalb aber nicht gestoppt. Wir werden bewusst Menschen von außen holen, die ihre Erfahrungen und Perspektiven im Übergangsprozess einbringen werden.
Du, Barbara, hast dich in deiner kuratorischen Praxis bereits stark mit feministischen Perspektiven, mit Fragen zu Care-Arbeit beschäftigt, Johannes hatte sich in unterschiedlichen Projekten mit dem Potenzialen im ländlichen Raum und ökologischen Fragen, dem Klima beschäftigt. Wie werden eure „Handschriften“ in der gemeinsamen Aufgabe hier in Büchsenhausen sichtbar?
Mahlknecht: Wir bringen beide unsere Arbeitsschwerpunkte, Interessen, Ideen und Erfahrungen mit – ich würde aber auch sagen, dass diese sich gegenseitig befruchten. Bei mir sind es feministische Fragen, Aspekte zu sozialer Produktion, Care, aber auch Archivpraxen und radikale Pädagogik und Vermittlung. Johannes widmet sich stark sozial und ökologisch orientierten, kollaborativen Lern- und Arbeitsprozessen, sowie dem Aufbau von kooperativen Netzwerken und Infrastrukturen über Disziplinen hinweg. Es handelt sich nicht nur um zwei Schwerpunkte – es sind zwei, die untrennbar miteinander verwoben sind.
Reisigl: Ich stoße mich etwas am Begriff „Klima“ – oder denke ihn zumindest etwas weiter, nicht nur auf das globale Klima, die „Klimakrise“ gemünzt, sondern das gesellschaftliche Klima einbezogen. Die Klimakrise ist ja nur ein Teil unserer heutigen Polykrise. Es geht um mehr, um soziale Fragen, Ausbeutung von Mensch und Natur, die massive Ungleichverteilung von Vermögen und so weiter. Im Kern geht es in meiner Praxis, die eben sehr interessiert ist an unterschiedlichen Formen ökosozialer Organisation, eigentlich darum, die Trennung zwischen Mensch und Natur, Natur und Kultur, zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen reproduktiver und produktiver Arbeit zu überwinden und Verflechtungen sichtbar zu machen. Um neue Arten des In-Beziehung-Seins zu erproben.
Wir sprachen zu Beginn von euren ersten Berührungen mit Büchsenhausen – wie habt ihr euch kennengelernt und wann fiel der Entschluss für eine mögliche Co-Leitung hier in Tirol?
Mahlknecht: Lisa Mazza, mit der wir beide schon zusammengearbeitet haben, hat uns einander vorgestellt. Für Büchsenhausen finde ich die Idee einer Co-Leitung sehr spannend, eine Leitung als Dialog, als Austausch. Auch weil ich skeptisch bin gegenüber der Idee einer individualistischen, autoritativen Handschrift der einen Person. Ich arbeite sehr gern mit Menschen, weil ich auch selbst lernen will. Und überzeugt bin, dass vier Augen, zwei Köpfe, zwei Herzen mehr bewegen können.
Barbara Mahlknecht (*1978 in Bozen) ist Kuratorin, Kunstvermittlerin, Forschende und Autorin in Wien; bis 2022 Senior Scientist an der Akademie für Angewandte Kunst in Wien. Zu ihren jüngsten kuratorischen Projekten gehören u.a. die Konferenz „Reviving Feminist Struggles: Growing New Worlds“, 2024 kuratiert an der SOAS University London.
Johannes Reisigl (*1995 in Innsbruck) ist Kulturarbeiter in Innsbruck, u. a. Mitinitiator des „Alpine Changemaker Network“, Mitglied im kuratorischen Beirat von Klimakultur Tirol sowie Teil des Kulturraums Openspace Innsbruck.
Das Künstler*innenhaus Büchsenhausen ist ein postgraduales Zentrum für Produktion, Forschung und Vermittlung im Bereich visueller Künste und Kunsttheorie und Teil der Künstler*innenvereinigung Tirol. Im Haus befinden sich Künstler*innenateliers, 2003 wurde ein residenz-basiertes Fellowship-Programm initiiert. Mitgründer und bis Juni 2025 auch Programmleiter des Künstler*innenhauses Büchsenhausen war Andrei Siclodi.