Die Ausstellung von Isabel Peterhans und Lea Abendstein zeigt die vielseitigen Möglichkeiten einer Begegnung im Kunstraum Schwaz

Flirt, Isabel Peterhans, Lea Abendstein, Kunstraum Schwaz, © Kunstraum Schwaz/Aslan Kudrnofsky
Im Kunstraum Schwaz in Tirol ist noch bis 8. Mai 2026 die Ausstellung Flirt von Isabel Peterhans und Lea Abendstein zu sehen. Gezeigt wird hier nicht das Ergebnis einer gemeinsamen Arbeit, sondern vielmehr ein Prozess der Annäherung, der erstaunlich viele Gemeinsamkeiten zwischen den Künstlerinnen hervortreten lässt. Die beiden Frauen haben sich in der Kunst- und Architekturwerkstatt bilding in Innsbruck kennengelernt, wo sie als Kunstvermittlerinnen tätig sind.
In Flirt kann das Publikum den spielerischen Prozess nachverfolgen, in dem sich die beiden Künstlerinnen auf kreative Art begegnet sind. Der E-Mail-Austausch, mit dem alles begann, verwandelte sich schließlich in ein gemeinsames Kunstprojekt. Die Besucher:innen können die Ausstellung durch eine Installation mit Textfragmenten aus feministischen und philosophischen Lektüren und der E-Mail-Korrespondenz zwischen den Künstlerinnen betreten. „Die Gedanken fliegen wild. Ich freu mich schon auf deine Antwort“, ist da zu lesen. Dieser Ausschnitt vermittelt einen guten Eindruck davon, wie sich die Ausstellung entwickelt. Sie ist wie ein lebendiger Austausch, bei dem Ideen, Materialien, verschiedene An- und Aussichten miteinander in Dialog treten. Die unterschiedlichen Hintergründe der beiden Künstlerinnen spiegeln sich teils in den Kunstwerken, die auch viele Gemeinsamkeiten aufweisen.



Isabel Peterhans hat Visuelle Kommunikation mit Vertiefung Illustration an der Hochschule Luzern – Design Kunst Film sowie an der Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem studiert. Sie ist als freischaffende Illustratorin und Künstlerin in Innsbruck tätig. Von ihr sind u. a. verschiedene Malereien sowie eine Collagenserie mit dem Titel Heimsuche zu sehen, deren botanische Motive an Bilderbuchillustrationen erinnern.
Auch Lea Abendsteins Werk Intermezzo besteht aus einer Reihe von Fotocollagen, die aus Teilen von Selbstporträts der Künstlerin zusammengesetzt wurden. Die verbleiben Leerstellen im Bild liefern Spielraum für persönliche Interpretationen. In der Ausstellung finden sich auch noch weitere Fotoarbeiten der in Innsbruck lebenden Künstlerin. Sie hat ihre Ausbildung in Fotografie und bildender Kunst an der Akademie der bildenden Künste Wien erhalten und arbeitet als freischaffende Künstlerin und Musikerin.


In den verschiedenen Räumen der Ausstellung gewähren die dynamischen Werke einen wunderbaren Einblick in den Prozess, durch den Isabel Peterhans und Lea Abendstein sich Schritt für Schritt künstlerisch näher gekommen sind. Einen möglichen Abschluss für den Ausstellungsrundgang bildet die Installation Rest to Gather: Aus Stoffresten wurden hier Teppiche gewebt und Banner kreiert, die dazu einladen, über das Thema Zuhause nachzudenken. Zuhause als Ort, an dem man sich selbst begegnet oder mit lieben Menschen zusammen kommt. Aber auch als Ort, an dem man abgetrennt von der Gesellschaft ist. Hier können die Besucher:innen sich selbst einbringen, indem sie an einem kollektiven Strickwerk mitwirken und so dazu beitragen, Nähe und Verbundenheit zu schaffen. Wie Isabel Peterhans und Lea Abendstein selbst durch die Entwicklung dieser Ausstellung ein neues Miteinander entworfen haben, erzählen sie im folgenden Gespräch.


Die Ausstellung „Flirt“ zeigt nicht unbedingt das Ergebnis eines Prozesses, sondern versteht sich als Mittel der Annäherung. Wie habt ihr den ersten Schritt aufeinander zu gemacht?
Isabel Peterhans: Zuerst war eine Einzelausstellung von mir geplant gewesen. Die Aussicht darauf hat mich irgendwie nicht inspiriert. Ich suchte nach Austausch auf Augenhöhe. Lea habe ich im bilding kennengelernt bei einer gemeinsam geleiteten Druckwerkstatt, ich kannte sie aber auch als Musikerin und bin auch über Social Media auf ihre künstlerische Arbeit aufmerksam geworden. Zudem verstanden wir uns so reibungslos in der Werkstatt und irgendwie hat es künstlerisch geklickt. Zuerst habe sie gefragt, ob sie grundsätzlich interessiert wäre, ich mir aber noch nicht sicher wäre. Ich hatte kurz Zweifel an der Idee, Stimmen im Umfeld meinten, ich hätte Angst, mich zu zeigen. Lea hatte so eine kluge Gegenthese dazu, sie meinte, das Gegenteil treffe zu, in einem Austausch zeige man sich umso mehr. Ab da war die gemeinsame Ausstellung beschlossen.
Lea Abendstein: Den ersten Schritt hat Isabel gemacht. Ich weiß nicht mehr ganz genau, wann das war, aber eines Tages als wir uns zur Druckwerkstatt, die wir seit Oktober 2025 gemeinsam im bilding machen, trafen, hat Isabel mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte Teil dieser Ausstellung zu werden. Da hab ich mich natürlich sehr gefreut. Weil wir uns vor der gemeinsamen Arbeit im bilding nur recht peripher kannten, begannen wir erst dort uns an unsere jeweiligen künstlerischen Praxen heranzutasten. Wir haben dann aber sehr schnell zahlreiche Überschneidungen in den Arbeiten und auch in den Arbeitsweisen und Gedanken gefunden. Das war aufregend, spannend und schön – ich hab mich von Isabel verstanden und inspiriert gefühlt. Daraus ist dann der Wunsch entstanden, diesem Verbundenheitsgefühl weiter nachzugehen.

In der Ausstellung gibt es keinen festgelegten Rundgang, man kann sie buchstäblich auf unterschiedlichen Wegen erkunden. Welche zusätzlichen Möglichkeiten eröffnet diese Flexibilität für die Besucher:innen und für die Art, mit euren Werken in Beziehung zu treten?
Isabel Peterhans: Es gibt Werke, die nach Künstlerin getrennt, sich gegenüber hängen, andere hängen lückenlos beisammen wie falsche Zwillinge, textile Arbeiten bilden eine raumfüllende Hülle, wie eine Umarmung, und die letzte Installation Seamless, die Lea und ich extra für den Kunstraum angefertigt haben, ist zu durchwandern. Die verschiedenen Arten, wie wir unsere Werke kombiniert haben und wie wir sie den Betrachter:innen zugänglich machen, weist auf den Prozess des Kennenlernens hin. Es ist die spielerische Art, wie man sich begegnet, einen risikofreudigen Schritt wagt, wie man balzt, wie man die Aufmerksamkeit des Gegenübers erhascht, wie man plötzlich Gemeinsamkeiten findet, sich im Gegenüber sieht, sich auch im Gegenüber verliert und dann wieder zu sich zurückfindet oder erst dadurch zu sich findet. Dieser Prozess ist nicht linear und kann beliebig oft in alle Richtungen durchgangen werden.
Lea Abendstein: Wichtig war uns, dass der Ausstellungsraum einlädt, einzutauchen. Indem die Besucher:innen von einem Raum in den nächsten und somit in ein neues Thema oder einen neuen Aspekt von Begegnung gehen, dann aber auch wieder zurück und rundherum, ergeben sich mitunter Bezugsachsen, die auf die Vielschichtigkeit hinweisen, auf die vielseitigen Möglichkeiten einer Begegnung.



Wenn man das Wort „Flirt“ liest, denkt man an einen spielerischen Austausch. War euer Projekt von Anfang an so konzipiert oder handelt es sich um eine spontane Entwicklung?
Isabel Peterhans: Das Projekt war von Anfang an ein spielerischer Austausch, ein Flirt mit der Kunst an sich. Wir wussten nicht, worauf wir uns einlassen, wir kannten uns ja kaum. Wir hatten keine klaren Vorstellungen, wie wir gesehen werden wollen, wie wir unsere Werke ausstellen wollen. Zum Glück waren wir beide sehr offen und sind voller Vertrauen in den Prozess gegangen. Es war uns beiden von Anfang an ein Anliegen, etwas Frohes, Leichtes, Buntes, nicht zu Ernst-Nehmendes zu kreieren, uns ein Stück Freiheit zu ergattern und nicht auf das zurückgreifen, was funktioniert, was erwartet wird.
Lea Abendstein: Das war eine spontane Entwicklung. Aber eine logische, also unseren Arbeitsweisen entsprechende. Ich glaube, wir beide wussten am Anfang dieser Auseinandersetzung nicht, wie und was sich daraus entwickelt. Der ganze Prozess war eher intuitiv und stark von gemeinsamen Ideen, Versuchen und Bauchentscheidungen geprägt. Überrascht hat mich auch da, dass wir sehr oft dasselbe Gespür und dieselben Gedanken hatten. Aber das hat auch den Spaß am gemeinsamen Arbeiten enorm verstärkt.


Was habt ihr in diesem gemeinsamen Prozess für diese Ausstellung Neues über euch entdeckt?
Isabel Peterhans: Ich fühle mich mutiger mit Lea. Es gibt mir Sicherheit im Team zu arbeiten. Die eigene Wahrnehmung wird erweitert durch den Austausch, neue Ebenen werden eröffnet, Prozesse gewinnen an Tiefe, Offenheit und Vertrauen.
Lea Abendstein: Mir ist durch diese Zusammenarbeit nochmal viel klarer geworden, dass es mir wirklich viel Freude bereitet, vor allem künstlerische Prozesse nicht alleine auszuhandeln, sondern im Austausch zu generieren. Durch das Konfrontiert-Sein mit anderen hab ich das Gefühl, mich viel stärker auch mit mir beschäftigen zu müssen … Zum Beispiel haben mich in dieser Zusammenarbeit unter anderem meine Hartnäckigkeit und mein Ehrgeiz überrascht, weil ich mich da normalerweise eher nicht so sehe. Und ich fand das dann sehr spannend, wie ich damit umgegangen bin. Außerdem hab ich mit Isabel einen Menschen kennengelernt, den ich vorher noch nicht kannte! Ich habe viele verschiedene neue Dinge über Isabel erfahren, und den Beginn einer neuen Freundschaft erlebt, von der ich hoffe, dass sie noch lange weiter wächst.


Dieses Ausstellungsprojekt dokumentiert eine künstlerische Begegnung. Wie würdet ihr das gemeinschaftliche Dasein eurer Kunst beschreiben?
Isabel Peterhans: Ich bin gespannt, was Lea dazu meint. Wenn ich durch die Ausstellung spaziere, dann denke ich, dass meine Werke mit Leas Werken „kompletter“, vollständiger wirken. Ich spüre fast keinen Unterschied bei der Betrachtung ihrer und meiner Werke. Mittlerweile sind mir ihre Werke schon so vertraut. Es ist, als hätte sich der eigene künstlerische Kosmos erweitert … Kunst machen kann manchmal einsam sein, aber das Schöne ist, dass alles sein darf, dass wir Kunst formen können, wie es uns entspricht. Der Austausch mit Lea ist so lebendig, es sprühen die Funken, es werden mutige, vielleicht größenwahnsinnige, bunte, träumerische Ideen geboren, einiges setzt man vielleicht um, anderes wird verworfen, es wird gesucht, betrachtet … Kurz: Es sprühen die Funken, es fliegen vielleicht auch mal die Fetzen (bei uns flogen bis jetzt nur Stofffetzen herum), alles ist in Bewegung. Das heißt jetzt nicht, dass ich nie wieder alleine Kunst machen werde. Aber wir leben in Zeiten, wo Verbindungen immer wichtiger werden, weil sie selten sind.
Lea Abendstein: Fragend, neugierig, offen, überraschend ernst und doch sehr verspielt, auffangend.

Ihr arbeitet beide auch als Kunstvermittlerinnen. Hat das einen Einfluss auf eure kreative Arbeit?
Isabel Peterhans: Ja sehr, es öffnet immer wieder meine Sichtweise auf Prozesse und Herangehensweisen. Das Vermitteln schließt für mich einen wichtigen Kreis im künstlerischen Arbeiten. Gleichzeitig beeinflusst meine eigene künstlerische Praxis auch meine Vermittlungsarbeit. Es ist mir ein besonderes Anliegen, dass Kinder und Jugendliche im Alltag Zugang zu Kunst haben, als etwas Natürliches, das zum Leben dazu gehört und nicht nur einmal im Jahr im Museum betrachtet wird.
Lea Abendstein: Auf jeden Fall. In der Kunstvermittlung geht es sehr viel um Präsenz und um das Aufeinanderzugehen, also um ein Miteinander. Ich glaube, dass auch die Methodik die wir/ich aus der Kunstvermittlung kenne/n – das spielerische, das Experimentieren und Schauen, wohin sich was entwickelt, das Offensein für künstlerische Ideen der anderen – in unserer künstlerischen Praxis sehr viel Bedeutung hat. Vielleicht arbeiten wir aber auch deshalb als Kunstvermittlerinnen, eine Art Wechselwirkung quasi.