Contemporary Culture in the Alps
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Books,Performing Arts

Das verlorene Café Schindler

Buch und Theater

22.06.2026
Eva Maria Köllemann
Das verlorene Café Schindler

Café Schindler, Tiroler Landestheater, © Birgit Gufler

Café Schindler, Tiroler Landestheater, © Birgit Gufler

Vom Fenster aus beobachte ich das Getümmel der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße, vor mir steht ein Cappuccino. Während mein Blick neugierig durchs Lokal wandert, bleibt er schließlich an der Getränkekarte hängen, genauer gesagt am schlichten Schriftzug, Das Schindler. Der Name ist auch Teil des Titels vom Buch, das in meiner Tasche liegt, Das verlorene Café Schindler – Eine Familie, zwei Kriege und die Suche nach der Wahrheit von Meriel Schindler. Das Cover ist in verschiedenen Blautönen gehalten, hervorstechen zwei Frauen mit langen Mänteln, die nostalgisch in die Ferne schauen.

About the authorEva Maria KöllemannIch interessiere mich für Sprache, Literatur, Musik, Film und Theater, besonders dafür, wie sich diese Bereiche mit Popkultur [...] More
Nach dem Tod ihres Vaters, Kurt, blieben Meriel Schindler dreizehn Fotoalben und die Erinnerung an seine vielen Geschichten über seine Kindheit in Tirol und seine österreichische Verwandtschaft. Diese Hinterlassenschaften sind der Ausgangspunkt ihrer Nachforschungen über die Familie väterlicherseits mit der Intention ihren Vater besser zu verstehen. Wie in einem Tagebuch hält Meriel Schindler die Ergebnisse ihrer Recherchen fest und kann die Geschichte ihrer Familie über zwei Jahrhunderte lang nachverfolgen. Die Schilderungen der Gegenwart, in denen Meriel nicht nur die Fakten, sondern auch ihre Gefühle und Gedanken während der Nachforschungen beschreibt, werden immer wieder mit Episoden aus der Vergangenheit unterbrochen, die verschiedene Familienmitglieder und deren Lebensumstände beleuchten. So entsteht ein vielschichtiges Geflecht aus persönlichen Geschichten, die zu einem großen Gesamtbild vereint werden. Geografisch ist die Familiengeschichte der Schindlers weit verzweigt. Meriel Schindler fokussiert sich in ihrem Buch vor allem auf ihre enge Verwandtschaft in Innsbruck und ihre entfernteren Verwandten in Linz, wo einer der Verwandten, Eduard Bloch, Arzt war und unter anderem Adolf Hitlers Mutter behandelte. In Innsbruck eröffnet ihr Großvater Hugo Schindler zusammen mit dessen Bruder im Jahre 1922 das Café Schindler, ein erfolgreiches Tanzkaffee in der Maria-Theresien-Straße. Doch dann schildert Meriel Schindler vom zunehmenden Antisemitismus in Österreich, den Anschluss an das Nationalsozialistische Deutschland sowie die Enteignung und Verfolgung jüdischer Familien in Österreich und der Flucht ihrer Verwandtschaft nach England und Amerika. Das Café Schindler wurde von den Nationalsozialisten zum Café Hiebl umgewandelt, einem beliebten Versammlungsort der Innsbrucker NS-Elite.

Die Bühnenfassung des Romans mit dem Name Café Schindler wurde im Tiroler Landestheater 2024 uraufgeführt und dieses Jahr wieder aufgenommen. Mit einem minimalistischen Bühnenbild und einem Ensemble von sieben Schauspieler:innen, die abwechselnd in die Rollen der verschiedenen Familienmitglieder schlüpfen, wird die turbulente Geschichte des Innsbrucker Cafés auf Bühne gebracht. Eine Figur der Meriel Schindler führt das Publikum durch die Handlung und teilt ihre Gedanken und Gefühle aus der Perspektive der Gegenwart. Zwischendurch unterbrechen musikalische Einlagen die Szenen und schaffen Momente der Distanzierung und Reflexion. Noch zweimal ist Café Schindler im Rahmen der Wiederaufnahme auf der Bühne des Großen Hauses im Tiroler Landestheater zu sehen, am 24. und 25. Juni 2026.

An der Tasse, die vor mir steht, klebt mittlerweile nur noch ein Rest des Milchschaums. Ich schaue mich ein letztes Mal um. Ohne das Buch in meiner Tasche hätte ich wohl nicht hergefunden und hätte auch nie erfahren, welche Geschichte sich hinter dem Namen Schindler verbirgt. Mit diesem Gedanken steige ich die Treppen hinunter und stürze mich selbst in das Getümmel der Maria-Theresien-Straße.

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innsbruck, theater, meriel schindler, books
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