Contemporary Culture in the Alps
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Zeit zu reden

Laura Volgger, Wissenschaftlerin, Künstlerin, Aktvistin, im Interview

09.06.2026
Eva Maria Köllemann
Zeit zu reden

Laura Volgger, © Michelle Schmollgruber, 2023

Laura Volgger, © Michelle Schmollgruber, 2023

Was ist normal? Worüber wird im Alltag gesprochen und, noch viel wichtiger, was wird ausgeschwiegen?  Gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlecht und Geschlechteridentität prägen unser Zusammenleben oft unbemerkt. Sie beeinflussen unsere Selbstwahrnehmung, aber auch unseren Blickwinkel auf die Mitmenschen und das Umfeld. Widersprechen bestimmte Erfahrungen und Gefühle dieser vermeintlichen Normalität, sind sie häufig von Scham und Schweigen umgeben.

Genau das beleuchtet und analysiert Laura Volgger in ihrer künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeit. Im Laufe eines Gespräches im Ágnes Heller Haus, in dem sich das Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung der Universität Innsbruck befindet, erzählt mir Laura Volgger über ihre künstlerische Arbeit und die neuerschienene Studie und Publikation „Und niemand hat jemals gesagt: ‚Was passiert hier eigentlich?‘“, die sie übrigens am 17. Juni 2026 um 18:00 im Haus der Begegnung in Innsbruck vorstellt.

Deine Arbeit zeigt unter anderem auf Gewalt, Genderidentität und Care-Arbeit und somit auf einen Teil unserer Gesellschaft, der oft unsichtbar bleibt. Wie kam es dazu?
Ich arbeite seit 2023 an der Universität Innsbruck im Bereich Geschlechterforschung, aber auch schon davor habe ich mich auf unterschiedlichste Weisen mit der Normalisierung und Normalität von Geschlechter- und Gewaltverhältnissen auseinandergesetzt, unter anderem auch durch künstlerisches Arbeiten. Es hat jetzt nicht den einen Auslöser gegeben, aber ich hatte einfach das Bedürfnis, eine gewisse Normalität zu hinterfragen und mich mehr damit auseinanderzusetzen. Denn in dem Moment, in dem man eine vermeintliche Normalität hinterfragt, macht das was mit dem Umfeld. Das Hinterfragen ist notwendig, um auf Veränderungsmöglichkeiten aufmerksam zu machen.

In meinen künstlerischen und pädagogischen Arbeiten verfolge ich einen politischen Anspruch und setze mich kritisch mit Geschlechterrollen, Stereotypen und Geschlechterbinäritäten ingesellschaftspolitischen Räumen auseinander.
Laura Volgger

Forschung und Kunst werden oft als zwei getrennte Bereiche wahrgenommen. Wie treten sie in deiner Arbeit in Dialog und wie ist das in deinen Werken sichtbar?
Es gibt unterschiedliche Arten, Wissen zu kommunizieren. Die Kunst ist für mich eine Möglichkeit, auf gewisse Verhältnisse aufmerksam zu machen. Mit einem Buch erreiche ich andere Leute als mit einer Fotoarbeit, denn sie hat eine andere gesellschaftliche Anwendung. Welches Medium sich am besten dazu eignet, das Gewünschte auszudrücken, hängt vom Thema ab. Zum Beispiel habe ich vor vier Jahren zusammen mit dem Netzwerk der Frauenhäuser Berlin-Brandenburg an einer Fotoarbeit (Love does not kill) zum Thema häusliche, sexualisierte Gewalt und Bildsprache gearbeitet. Der ausschlaggebende Punkt dabei war, dass die bestehende Bildsprache zu diesem Thema dessen Wahrnehmung verzerrt oder zumindest das Kontinuum der sich ändernden gewaltvollen Verhältnissen nicht ausreichend darstellt.

Love does not kill, © Laura Volgger

Kann Kunst eine Sprache für Themen schaffen, die normalerweise in Schweigen gehüllt sind?
Ich glaube, das ist ein zentraler Punkt. Es gibt ein herrschaftsbedingtes Ausschweigen von bestimmtem Wissen, das dazu führt, dass für gewisse Erfahrungen und Gefühle keine Worte oder sprachlichen Konzepte zur Verfügung stehen. Wissen kann trotzdem vorhanden sein, gerade auf einer körperlichen Ebene. Man kann trotzdem spüren, dass sich etwas nicht gut anfühlt oder nicht richtig ist. Genau bei solchen Gefühlen kann eine visuelle Art der Kommunikation oder Darstellung nochmal andere Facetten sichtbar machen als Sprache. Es braucht einen Blick auf beides, einen Blick auf Sprache, aber auch einen Blick auf andere Kommunikationsformen.

Was möchtest du durch deine Kunst in den Betrachter:innen auslösen?
Ich glaube, dass ich kein klares Ziel verfolge. Was ich mir einerseits aber wünsche, ist, dass Menschen sich in meiner künstlerischen (und auch wissenschaftlichen) Arbeit wiederfinden und gestärkt daraus hervorgehen. Andererseits will ich auch die Betrachtenden einladen, über die eigenen Privilegien zu reflektieren. Wir sind alle in kapitalistische und patriarchale Verhältnisse eingebunden. Deshalb ist es wichtig, sich der Rolle bewusst zu werden, die man selbst spielt, auch in der Aufrechterhaltung und Reproduktion von solchen Ungleichheitsverhältnissen. Man muss verstehen, mit welchen Privilegien die eigene Position verknüpft ist, um dann zu überlegen und auszuloten, welche Veränderungspotenziale man hat. Grundsätzlich ist es mir also ein Anliegen, eine gewisse Sensibilität von Menschen zu stärken.

Welches deiner bisherigen Projekte hat dich am meisten herausgefordert? Gibt es eines, das dir besonders am Herzen liegt?
Zurzeit würde ich sagen, dass es das Buch „Und niemand hat jemals gesagt: ,Was passiert hier eigentlich?‘“ ist, welches aus einer wissenschaftlichen Studie zu sexualisierter Gewalt im sozialen Nahraum in Südtirol entstanden ist – vielleicht auch, weil es zeitlich am nächsten liegt. Es ist ein Projekt, das mir emotional sehr nahe gegangen ist, weil wir über einen Zeitraum von drei Jahren daran gearbeitet haben und dabei Interviews mit 31 Menschen geführt haben, die im Lauf ihres Lebens sexualisierte Gewalt erlebt haben. Einige der Interviewpartner: innen haben im Rahmen dieser Interviews zum ersten Mal über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gesprochen. Mich beschäftigt es sehr, wie das Schweigen über sexualisierte Gewalt organisiert ist und warum Menschen teilweise erst nach 70 Jahren die Möglichkeit und den Raum bekommen, darüber zu sprechen. 

© Rætia
About the authorEva Maria KöllemannIch interessiere mich für Sprache, Literatur, Musik, Film und Theater, besonders dafür, wie sich diese Bereiche mit Popkultur [...] More
Wie ist es zu diesem Buchprojekt gekommen? Und hat es deinen Blick auf Südtirol verändert?
Initiiert wurde das Projekt durch ein Filmprojekt vom Filmemacher Georg Lembergh – (K)einen Ton sagen – in dem es darum ging, sexualisierte Gewalterfahrungen filmisch festzuhalten. Auf den Film folgte das Buch Wir brechen das Schweigen, ebenfalls von Georg Lembergh und Veronika Oberbichler. Davon ausgehend ist ein Konzept für eine wissenschaftliche Studie ausgearbeitet worden, weil man festgestellt hat, dass es noch überhaupt keine wissenschaftliche Datengrundlage zu dem Thema gibt und gleichzeitig viel Redebedarf herrscht. Dieses Projekt ist dann bei uns am Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung der Universität Innsbruck gelandet.
Bezüglich meines Blickes auf Südtirol: Besonders spannend fand ich es zu sehen, wie gesellschaftliches Schweigen in gewissen sozialen Kontexten organisiert wird. Etwa in Gemeinschaften, in denen sich viele Menschen gegenseitig kennen und eine starke soziale Nähe herrscht. Die Studie hat vielleicht in diesem Sinn nichts an meinem Blick auf Südtirol verändert, aber vielleicht hat mir Südtirol etwas über die Produktion und Stabilisierung patriarchaler, cis-heteronormativer, rassistischer, kapitalistischer und adultistischer Gesellschaftsordnungen gezeigt.

Was ist die Resonanz auf deine künstlerische und wissenschaftliche Arbeit?
Gerade wenn ich an das neu erschienene Buch „Und niemand hat jemals gesagt: ,Was passiert hier eigentlich?‘“ denke, dann habe ich das Gefühl, dass das Thema oft irritiert. Es kommen vielfach Fragen auf: Wie sexualisierte Gewalt? Passiert das auch bei uns in Südtirol? Betrifft das nicht nur bestimmte Gesellschaftsgruppen? Oder auch Reaktionen wie: Das hat nichts mit mir zu tun! Meist brauchen Themen, die irritieren, Zeit, um verständlich zu machen, warum es notwendig ist, darüber nachzudenken, zu diskutieren und zu verstehen, dass dieses Nachdenken, dieses Sich-damit-Auseinandersetzen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Oft wird das Thema sexualisierter Gewalt als Frauenproblem abgetan, wodurch sich Verantwortlichkeiten leicht abwehren lassen. Aber das ist es nicht: Es ist ein patriarchales Problem, und da wir alle Teil patriarchaler Gesellschaftsstrukturen sind, sind wir auch alle mitverantwortlich dafür, uns Wissen über diese Gesellschaftsstruktur anzueignen, sie zu hinterfragen und nach gemeinsamen möglichen Alternativen zu fragen.

Woran arbeitest du gerade? Gibt es neue Projekte?
Die Wanderausstellung Love does not kill in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk der Frauenhäuser Berlin-Brandenburg ist noch in Bewegung und kann auch ausgeliehen werden. Sie wird zum Beispiel manchmal bei Frauenhauseröffnungen oder feministischen Veranstaltungen angeliehen und ausgestellt. Das aktuell größte Projekte ist meine Dissertation und ein geplantes Folgeprojekt rund um die Themen sexualisierte Gewalt, Schweigen und Mitwissen. Diese Themen wird mich auf alle Fälle noch weiter beschäftigen. Künstlerische Arbeiten sind gerade keine neuen geplant.
Aber was wir bei der Pressearbeit rund um die Studie und die Buchveröffentlichung gemerkt haben, ist, dass Medien bei der Berichterstattung über sexualisierte Gewalt immer wieder auf eine Bildsprache zurückgreifen, die stark viktimisierend ist. Betroffene werden hier oft passiv dargestellt, mit blauen, blutunterlaufenden Augen, geduckt und in die Ecke gekauert. Ich finde, dass dies ein sehr einseitiges Bild vermittelt, das dazu führt, dass Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren, sich mit diesen Bildern oft nicht identifizieren. Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, haben sich häufig eine enorme Stärke und Wissen angeeignet. Das vermisse ich in diesen Bildern. Bei Ausstellungen von meinen Fotoarbeiten habe ich öfters gehört, dass sich Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, mit selbstermächtigenden Fotos besser auseinandersetzen und identifizieren können als mit viktimisierenden Bildern, die Betroffenen jegliche Form von Handlungsmacht absprechen. Sexualisierte Gewalt basiert nicht nur auf der Ausübung von körperlicher Gewalt, was von dieser viktimisierenden Bildsprache aber suggeriert wird. Es ist auch oft auch psychische und emotionale Gewalt im Spiel, die keine unmittelbaren körperlichen Spuren hinterlässt. Wenn Bildsprache jedoch so einseitig gestaltet ist, läuft man Gefahr, Menschen bei diesem Thema weniger Identifikationsmöglichkeiten zu bieten und dadurch die Auseinandersetzung mit der Thematik zu erschweren. Ich finde, da ist journalistische Arbeit auch dazu aufgefordert, sich mit Bildsprache mehr auseinanderzusetzen, denn Bildsprache kann auch dabei helfen, Wege aus der Gewalt und Wege in der Aufarbeitung von Gewalterfahrungen sichtbar zu machen. Und ich hoffe ganz stark, dass gerade in der Berichterstattung zu diesem Thema noch mehr Bewusstsein und Sensibilität für die Lebensrealität von Menschen geschaffen wird, die sexualisierte Gewalt erfahren haben.

Laura Volgger wurde 1994 in Innichen geboren und studierte Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik in Innsbruck und London. Anschließend zog sie nach Berlin, wo sie als freischaffende Künstlerin tätig war und zudem in der Unter- und Oberstufe Geschichte, Politische Bildung und Deutsch unterrichtete. Zurzeit lebt sie wieder in Innsbruck und ist seit 2025 Teil des Doktoratskollegs „Geschlecht und Geschlechterverhältnisse in Transformationen“ an der Universität Innsbruck.

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Tags

Raetia Verlag, gesellschaft, laura volgger, Geschlechterforschung, universität innsbruck
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