Contemporary Culture in the Alps
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Büro für Gegenwartskunst

Schauen und gesehen werden

Schon wieder Biennale! Dieses Mal mit der Frage: Was hat das älteste Festival für zeitgenössische Kunst eigentlich mit Coachella zu tun?

08.05.2026
Barbara Unterthurner

Voller Körpereinsatz: Florentina Holzinger zeigt im Österreich-Pavillon der Biennale 2026 ihr Performanceprogramm „Seaworld Venice“, © Nicole Marianna Wytyczak

Normalerweise läuft das so: Eine aufgeregte Menge stürmt die Züge und jagt im Halbstundentakt über die Landzunge nach Venedig. Erste Reels von der Einfahrt in die Lagune erreichen Instagram, noch bevor die Reisenden in den Zielbahnhof einfahren. Dort angekommen folgt das große Ausschwärmen: in Richtung Wasser, in Richtung Grün. Es ist Anfang Mai in Venedig, wenn sie kommen: die Biennale-Preview-Gäst*innen. Sie mischen sich unter die Massen, die der Tourismushotspot täglich für einige Stunden beheimatet – und stechen trotzdem hervor. Sie sind gekommen, um Kunst zu sehen. Und beim Kunstschauen gesehen zu werden. Deshalb hieß es auch in den letzten Tagen wieder: Welcome to the Preview Days der Biennale di Venezia!

Damit ist das Coachella der Kunstwelt nun also endlich vor-eröffnet: das, im Gegensatz zu seinem Pop-Pendant im kalifornischen Coachella Valley keine Popstars, sondern Gegenwartskunst versammelt – und dabei auf eine Geschichte bis 1895 zurückblickt. Ob in Venedig oder im Valley: Es geht da wie dort nicht nur um Kunst – und nicht nur um die großen Namen.

In der Serenissima geht es auch ums Dabeisein. 

Besonders vor der Eröffnung. Zum Who’s who gehört schließlich, wer da ist, bevor alle anderen kommen. In den Tagen vor der Eröffnung werden die Anreisenden zu einer seltsam heterogenen Einheit. Egal, ob Galerina bei Gagosian oder Tageszeitungsjournalistin aus der Provinz: Die Schlange vor den Pavillons macht sie alle gleich.

Das Kollektiv enjoys den Ausblick, die Partys, den Hauch von Internationalität, das mittelmäßige, dafür aber teure Essen. Und alle genießen, dass sie die Ersten sind: die Ersten, die schauen; die Ersten, die senden und damit alle anderen ein bisschen dabei sein lassen dürfen. Wie es sich für ein Großevent im 21. Jahrhundert gehört.

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Preview-Tage in den Giardini und im Arsenale: Auch heuer durften sich Presse und Profis bereits vor der offiziellen Eröffnung der Biennale umschauen.

Dabeisein zählt in Venedig auch für jene Künstler*innen, die dabei sind, ohne wirklich dabei zu sein. Wer sich „ausgestellt während der Biennale in Venedig“ in die Vita schreibt, muss nicht direkt auf der Biennale ausgestellt haben. Auch eine Ausstellung zur Biennale-Zeit in Venedigs hinterster Gasse links reicht. Dabeisein ist alles. Ähnlich wie bei den Influencer*innen im Coachella Valley: Auch am Parkplatz vor dem Festivalgelände lassen sich schöne Fotos droppen. Dass die Einladung des großen Unternehmens zu Coachella nicht bis ins Areal reicht, sieht man darauf ja nicht.

Aber bei aller Gleichmacherei: Eines hat Venedig dem Valley immer noch voraus. Die Biennale wurde immer wieder totgesagt. Und sie ist immer noch da. Wie zeitgemäß ist ein Contest der Nationalpavillons in einer durchglobalisierten Welt? Wie nachhaltig ein millionenschweres Großevent in Zeiten der Klimakrise? Oder wie modern ein Festival, das nach den alten Regeln des Kunstmarktes spielt? Diese Fragen traten in Venedig zuletzt in den Hintergrund. Im Vorfeld der diesjährigen Ausgabe ging es vor allem um Hochpolitisches – und vor allem um Russland.

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Kurz zusammengefasst: Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco will alles zulassen – auch Russland, womöglich auch Propaganda. Von Regierungschefin Giorgia Meloni gab es dafür ein Dislike, die EU war not really amused about it. Am Ende steht ein Mittelfinger, gereckt von Pussy Riot – so eindeutig lässt sich auf eine komplexe politische Diskussion reagieren.

Die Preview-Zeit heilt offenbar alle Wunden.

Warum wirklich alle hinschauen, bevor es losgeht: Alles ist neu. Alles ist aufregend. Und das tut dieser Biennale unter all den negativen Vorzeichen gerade eh gut. Kuratorin Koyo Kouoh starb 2025 überraschend, Henrike Naumann im Februar 2026. Was von beiden bleibt, will nun auch das Preview-Publikum wissen. Was man der Voreröffnung generell zugutehalten muss: Sie gibt sich Mühe. Die Pavillons sind offen, die Motive ready, die Einführer*innen einführungsbereit, das Blitzlichtgewitter zieht am Horizont schon auf.

Eröffnungsétude zum Start: Am 11. Juli kommt die Performerin Holzinger mit ihrem Team für eine „Étude“ (Satellitenprogramm aus Venedig) an den Bodensee nach Bregen, © Nicole Marianna Wytyczak

Die besten Motive dieser Preview-Tage lieferten Florentina Holzinger und ihre Performerinnen im Österreichischen Pavillon. Und das, obwohl wegen der alles andere als sparsam eingesetzten Nacktheit der performenden Körper eigentlich am Eingang der Ausstellungsstätte gebeten wird, auf Fotos und Filmchen im Pavillon zu verzichten. Den Preview-Gäst*innen ist das natürlich herzlich egal. „SEAWORLD VENICE“ gilt schon jetzt als Must-See in den Giardini.

Vielleicht auch, weil Holzinger dem Preview-Publikum genau das gab, was es sehen wollte: eine Eröffnungsétude mit schwerem Gerät und durchstochenem Fleisch. Und Florentina Holzinger als menschlicher Schlegel, der – an einer Glocke hängend – für den sonst oft spröden Österreich-Pavillon wortwörtlich eine neue Ära einläutet. Nice.

Florentina Holzinger, SEAWORLD VENICE, 2026 © Nicole Marianna Wytyczak

Reicht das bisschen Pisse für den Goldenen Löwen? Oder geht er nach Deutschland (zu Naumann und Sung Tieu), Polen (Bogna Burska und Daniel Kotowski) oder Brasilien (Adriana Varejão und Rosana Paulino)? Nach dem Rücktritt der Jury ist heuer selbst die Preislogik politisch aufgeladen. Österreich scheint in diesem Fall zumindest unverdächtig. Also wird spekuliert – auch das gehört zur Preview-Zeit der Biennale.

Ein letztes Mal Coachella. Was das Valley Venedig voraus hat? Bessere Outfits? Hottere Musik? Mehr Influencer*innen? Ja, ja und ja! Aber Coachella macht auch abseits des Valley wieder Lust auf Festival. Lust auf Draußensein – nicht nur auf Dabeisein.

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Ein Beitrag geteilt von Chris Clarke (@chrisclarkecurator)

Im Idealfall macht auch die Biennale Lust auf heimische Festivals. Dort kann man sich schließlich ebenfalls treffen. In Innsbruck hat Innsbruck International gerade mit Walking Concerts und Performances den Stadtraum aufgemischt, Ende Mai öffnet die Biennale Gherdëina ihre „(Future) Paradise Gardens“, Mitte Juni startet die Fort Biennale 02 in der Festung Franzensfeste. Alles ganz ohne Preview. Einfach zum Dabeisein.

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Tags

venezia, biennale, venedig, Florentina Holzinger, Coachella , SEAWORLD VENICE, venice
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