Biennale-Zeit, vor Venedig jetzt in Innsbruck: Das Festival „Innsbruck International“ geht in die siebte Runde

Eine Biennale, die nahe geht? „Innsbruck International“ bringt die Performance COLLABORATION von Christian Falsnaes vors Goldene Dachl, Andersen's, Copenhagen, © Christian Falsnaes
Ready für 1 Rendezvous? Also ganz richtig: von Mund zu Mund, Ferse an Ferse, Heart to Heart? Wie nahe sich Innsbruck International und sein Publikum letztlich wirklich kommen, wird sich ab Freitag, 24. April zeigen. Dann öffnet Innsbrucks biennal veranstaltetes Festival für zeitgenössische Kunst seine Tore – zum nunmehr siebten Mal. Einen innigen Kontakt wünschen vorerst nur die Plakatsäulen. In gehauchten Zeilen wird als Festivalankündigung „Heart to Heart“ (austauschbar mit Ferse, Mund, Rücken oder Eye) schon einmal beschworen.
Doch bevor es ans Rendezvous geht, muss man sich erst einmal kennenlernen, das wollen wir hier entlang der wichtigsten Fragen auch tun – also:
Was (und wer) genau ist „Innsbruck International“?
Die Biennale für zeitgenössische Kunst – also ein alle zwei Jahre stattfindendes Festival – wurde 2013 erstmals in Innsbruck ausgetragen. Organisiert und koordiniert wird das Ganze seit immer schon von Tereza Kotyk und Franziska Heubacher. Im wiederkehrenden Rhythmus bringen die beiden zeitgenössische Kunst und zeitgenössische Künstler*innen nach Innsbruck, um das Publikum mit internationalen Positionen und Perspektiven zu versorgen – und es an besondere Orte zu führen. An Orte, die nicht unbedingt als klassische Schauplätze für Jetzt-Kunst gelten. Es gab schon Kunst im Kreuzgang des Servitenklosters (von Heidrun Sandbichler) oder Kunst im Keller des Bischofshauses (von Christian Kosmas Mayer) und – never forget! – Kunst als Performance am Bergisel (mit Doris Uhlich). Oder auch schon mal ein kleines (bzw. ziemlich großes) aufblasbares Guggenheim-Museum am Innsbrucker Marktplatz.
Innsbruck International in Bildern:



Groß gedacht hat Innsbruck International schon immer – das gilt auch für die Ausrichtung des Festivals. Es sieht nicht nur Ausstellungen/Interventionen bildender Kunst oder Performance vor, sondern hat sich in den letzten Jahren auch vermehrt den Sparten Film oder Tanz und den Formaten Workshop, Konzert und Diskussion geöffnet. Ganz nebenbei und fortlaufend betreibt das Festival mit Cinématons ein Bewegtbild-Porträt-Archiv Tiroler Künstler*innen.
Warum heuer also ein Rendezvous?
Die Organisator*innen der diesjährigen Festivalausgabe, neben Kotyk als Leiterin und Heubacher als Koordinatorin auch Kurator Chris Clarke, wollen offenbar bewusst weniger auf Orte zum Entdecken als auf Orte der Begegnung setzen – also eben weniger auf passives Schauen, als auf aktives Treffen und Sich-Auseinandersetzen. Wohlfühl-Atmosphäre ist hier nicht vorprogrammiert, Clarke beschreibt in seinem Text im Festival-Newspaper das Rendezvous als bewusst vorläufiges, offenes Format des Austauschs, in dem unterschiedliche Stimmen aus Kunst, Aktivismus und Öffentlichkeit nicht auf Konsens zielen, sondern in produktive Spannung zueinander treten – wegen der Reibung. Und der Demokratie!

Das Rendezvous als Raum für Vielstimmigkeit und Widerspruch also. Noch einen Schritt weiter geht Kotyk selbst, die gar von „Überleben“ spricht – also in einer Zeit von erneut erstarkender patriarchaler Gewalt: Siehe Trump. Siehe Manosphere. Siehe Turbokapitalismus. Endzeitstimmung? Noch ist die Kunst ja da. Und hält dagegen. Solange es eben geht. Ganz offen schreibt Kotyk aber auch davon, dass ein Festival wie Innsbruck International stets fragil bleibt: Weil unterfinanziert. Weil von Fördergeber*innen abhängig. Und dass so ein Festival stets flexibel sein muss.
Dass der Festivalausklang am Marktplatz heuer mit der Großdemo „Tag der Kulturarbeit“ für mehr Kulturräume und fairere Bedingungen im Kulturbetrieb am 2. Mai zusammenfällt, ist also durchaus stimmig. Nicht umsonst diskutiert Innsbruck International schon einen Tag vorher genau hier darüber, wie Festivals angesichts politischer Konflikte, wirtschaftlicher Umbrüche und Klimakrise gesellschaftliches Engagement verstärken können; u. a. mit Ekaterina Degot (Leiterin steirischer herbst) und den Kurator*innen der Biennale Matter of Art 2024 in Prag.
Was ist von den Dates mit der Kunst zu erwarten?
Damit also hinein ins Festivalprogramm 2026; man merke sich vor: An 6 meeting points (Headquarter bleibt der Marktplatz) und in 10 Festivaltagen reiht sich Date and Date – mit der experimentellen Musik des Klangkünstlers Fennesz zum Beispiel (25.4., 20:00 in der Citykirche) oder mit den Filmen von Wendelien van Oldenborgh (26.4., 11:00 im Leokino). Eine Bustour („Schulfahrt“?) durch die alpine Landschaft unternimmt man mit der irischen Künstler*in Léann Herlihy (26.4. und 28.4. jeweils um 15:00). Zum Walking Concert (also einer Konzertreihe im Gehen, entwickelt von Oliver Hangl) lädt das Wiener Duo Cousines Like Shit (30.4., 18:00 & 21:00).


Und sonst so? Es werden Künstler*innenflaggen wehen („Raising Flags“ von „museum in progress“, gemacht u. a. von Shilpa Gupta oder Hans Schabus) und die Touri-Zone rund ums Goldene Dachl wird zur Performancebühne. Bei „Collaboration“ (25.4., 17:00) des dänischen Performancekünstlers Christian Falsnaes sollen Performerende und zufällig Vorbeilaufende gleichermaßen zu einem Teil der Kunst werden. In seinen partizipativen Arbeiten, aufgeführt u. a. in der Kunsthalle Wien oder dem Centre Pompidou ging es ja bereits um Gruppendynamik, soziale Rollen und Gehorsam.
And the Special Recognition Award goes to…
Ein weiteres besonderes Zusammentreffen gibt es noch bei Innsbruck International – und das heuer nicht zum ersten Mal: Seit 2016 wird eine Künstler*in des Festivals mit dem Special Recognition Award geehrt. Heuer gilt die Aufmerksamkeit der in Schlanders geborenen, in Laatsch aufgewachsenen und in Wien lebenden Künstlerin Julia Frank. Sie wird dabei auch den einzigen – naja, „klassischen“ Ausstellungsort, die Neue Galerie der Künstler*innen Vereinigung Tirol bespielen. „Where Heaven Where Hell“ versammelt neue Arbeiten von Frank, die für Innsbruck International entstanden sind.
Zu erwarten ist – wenn man den Ankündigungstext so interpretieren darf – Video, Sound, Spiel und Himmel & Hölle (gepimpt mit KI). Am Eingang eine Grenzüberschreitung und zum Ende „kein beruhigendes Danach“ – klingt nach einem Rendezvous, das hoffentlich dennoch aufgeht. Julia Franks Ausstellung ist über die Festivalzeit (24. April bis 3. Mai 2026) hinaus bis 23. Mai zu sehen.