Ist die Puppe ein Spielzeug – oder viel mehr? Tanja Raich hat sich in ihrem neuen Buch ausführlich mit den unterschiedlichen Facetten der Puppe beschäftigt. Am 29. April wird sie in Bozen daraus lesen.

Tanja Raich lebt und arbeitet in Wien, am 29. hat sie im SKB LAB in Bozen ein kurzes Gastspiel in der Heimat, © Kurt Fleisch
Tanja Raich war als Autorin, Herausgeberin und als Programmleiterin in einem österreichischen Verlag in den letzten Jahren in einer Doppelfunktion. Nach Romanen wie „Schwerer als das Licht“ oder der Essaysammlung „Frei sein“ hat sich Raich nun für die Buchreihe „Dinge des Lebens“ mit der Puppe beschäftigt. Und auch hier mehrere Funktionen entdeckt: Die Puppe ist Spielzeug aber auch Kulturgegenstand oder Trägerin von Rollenbildern; sie ist mal Real Doll, mal Barbie, Dummy, Sexpuppe oder Traditionsgegenstand.
Wie Raich von der Puppenskeptikerin zur Puppenliebhaberin wurde, erzählt die Südtirolerin in 9 schnellen Fragen (die nicht immer Fragen sind).
1. Unter allen Dingen des Lebens – warum die Puppe?
Eigentlich wollte ich über das Buch oder das Fahrrad schreiben, diese Dinge waren in der Reihe aber bereits vergeben. Inzwischen bin ich froh, dass es nicht das Buch geworden ist, das wäre zu viel des Guten, weil ich mich ohnehin fast ausschließlich mit Büchern in meinem Leben beschäftige. Die Beschäftigung mit der Puppe war also durchaus erfrischend. Auch wenn ich keine passionierte Puppensammlerin bin, sondern eigentlich eine Puppenskeptikerin.
2. Du näherst dich der Puppe über persönliche Erfahrungen, kommst aber schnell zu einer kritischen Betrachtung des Spielzeugs.
Ja, man erkennt schnell, dass es eben nicht nur ein Spielzeug ist. Als weiblich sozialisierte Personen tragen wir den Gegenstand ein ganzes Leben mit uns mit. Uns werden damit Rollenbilder in die Wiege gelegt, wir werden ab einem gewissen Alter zu „Püppchen“ gemacht. Das sind die Facetten dieses Dinges, die mich dann letztlich interessiert haben.
3. Kannst du dich an den Moment erinnern, an dem du realisiert hast, dass die Puppe weniger Spielzeug denn gesellschaftlicher Gegenstand ist?
Ich kann keinen genauen Aha-Moment benennen, das kommt eher daher, dass ich mich mit Sozialisierung und Rollenbildern beschäftigt habe. Absolut offensichtlich wird diese Zweischneidigkeit ja in Katharina Mücksteins Film „Feminism WTF“, in dem ein Versuch gezeigt wird, bei dem Erwachsene in einen Raum kommen mit Spielzeug und einem Baby, entweder blau oder rosa gekleidet. Nach dem gemeinsamen Spielen wurden die Erwachsenen nach den Lieblingsspielzeugen des Babys befragt. Viele gaben an, dass das Baby in Rosa am liebsten mit Puppen spielt. Nur dass das Baby in Rosa gar kein Mädchen war, war ihnen nicht klar. Erwachsenen und Eltern leiten Kinder eben unbewusst, weil Rollenbilder auch in ihnen gewirkt haben. Dabei müssen wir uns immer fragen: Welchen Einfluss nimmt nicht nur das Spielzeug, sondern mit welchen festgefahrenen Bildern werden Kinder erzogen?
4. Diese Gedanken haben sich wohl auch Niki de Saint Phalle oder Cindy Sherman gemacht, du führst eine ganze Reihe von Künstler*innen, auch Autor*innen an, die sich an der Puppe abarbeiten oder sie als Teil ihrer Kunst integrieren.
Das habe ich damit gemeint, dass die Puppe bei genauerer Betrachtung schnell viel mehr als ein Spielzeug ist. Sie ist wohl der älteste, wichtigste Kulturgegenstand. Und später natürlich von Künstler*innen aufgegriffen worden, sie bieten die erfrischenden Zugänge zur Puppe, weil die den sogenannten male gaze brechen. Bei Niki de Saint Phalle konnten Frauenkörper vom Publikum begangen werden. Der Eingang führte zwischen die Beine einer ihrer „Nanas“ in den Körper.

5. Was war in der Recherche der erhellendste Moment? Welche Anekdote zur Puppe?
Um bei den Künstler*innen zu bleiben: Vielleicht tatsächlich die Puppe von Oskar Kokoschka. Nach der Trennung von Alma Mahler hat er eine Puppe von ihr anfertigen lassen. Er ist mit ihr ins Theater gegangen, hat Selbstporträts gemacht – und sie letztlich (wenn vielleicht auch nur literarisch) getötet. Interessant ist diese Begebenheit deshalb, weil die Auseinandersetzung mit der Puppe heute in einem ganz anderen Kontext gelesen werden kann – wenn wir an Femizide, an Gewalt an Frauen oder Demütigung von Frauen denken.
6. Wie hast du dein eigenes Puppenspiel reflektiert? Du schreibst von einer Cicciobello-Puppe.
Ich bin bei der Recherche zu meiner eigenen Puppenerfahrung tatsächlich draufgekommen, dass ich mich mit der Cicciobello-Puppe irre. Sie war nicht meine erste Puppe. Die erste Puppe war, das zeigen Fotos, eine weiche Puppe mit blauen Haaren, also eine ziemlich ungewöhnliche. Auf den Fotos schauen wir nebeneinander fast wie Zwillinge aus. Nur erinnert habe ich mich daran interessanterweise nicht. Erinnerung ist eben auch nur Fiktion.
7. Später kam bei dir auch die Barbie, die im „Barbie“-Film von Greta Gerwig zuletzt groß gefeiert wurde – auch mit feministischem Unterton. Dein Zugang?
Mir wurde klar, die Barbie hat eine Entwicklung hinter sich. Grundsätzlich ist die Idee der Barbie ja keine schlechte: Es gibt eine Puppe, die eben nicht primär zur Care-Arbeit erzieht, sondern die auch die Zukunft der Kinder sein könnte, eine selbstständige Frau, die Freundinnen hat, Auto fährt, Hobbys hat. Puppenexpert*innen sagen, die Barbie hat einen hohen Aufforderungscharakter, sie regt also zum Spielen an. Genau das ist das Wichtige am Spielzeug, die Kreativität anzuregen. Deswegen sind Puppen, die weniger definiert sind spannender, weil Kinder mit ihnen freier spielen. Problematisch an der Barbie – das brauchen wir nicht zu verschweigen – ist das Körperbild. Ein komplett unrealistisches, das höchstens bei der „Curvy Barbie“ realistischer wird. Das ist wiederum problematisch, weil wir für mehr Realismus anscheinend ein anderes Label brauchen. Natürlich gibt es heute diversere Barbies, aber auch die sind normschön. Das hat mit Realität wenig zu tun.
8. In der Nachbetrachtung: Wäre die Welt ohne Puppen wäre eine bessere?
Nein, auf gar keinen Fall! Ich bin mit der Recherche ja wirklich zur Puppenliebhaberin geworden. Ich würde sagen: Die Puppe ist ein Abbild unserer Gesellschaft und unserer Zeit. Und es gibt so viele schöne Facetten, die Puppentraditionen in unterschiedlichen Ländern, das Puppentheater – Puppen, die Trost spenden und Hoffnungsobjekte sind. Es wäre schade, wenn wir sie nicht hätten. Aber wir müssen uns mit den Rollenbildern, die in unserer Gesellschaft also auch in den Puppen verankert sind, beschäftigen. Sie uns bewusst machen. Und auch den Produzent*innen bewusst machen. Sie haben eine Verantwortung, welche Puppe sie auf den Markt bringen und welche nicht.
9. Von der Puppe nochmal zum Buch: Ist ein neuer Roman schon in der Mache?
Den Mai darf ich tatsächlich für einen Schreibaufenthalt, eine Künstler*innenresidency nutzen. Ich möchte einige Essayprojekte und Aufträge weiterbringen – und ja, eine Idee für einem neuen Roman steht auch schon.
Tanja Raich (*1986 in Meran) ist Autorin und Noch-Programmleiterin Kinderbuch & Literatur bei Leykam. In beiden Funktionen beschäftigt sie sich mit feministischen Themen. Zu den Entwicklungen im österreichischen Buchmarkt – Leykam gab vor Kurzem bekannt, ab 2027 keine neuen Buchprojekte im Bereich Publikumsbuch, also Literatur, Kinderbuch und populäres Sachbuch, mehr zu verlegen –, wollte sich Raich nicht äußern. Sie konzentriert sich dieser Tage auf ihre eigenen Werke: Nach ihrem Romandebüt „Jesolo“ (2019) erschien „Schwerer als das Licht“ (2022); bei „Frei sein“ (2024) und „Das Paradies ist weiblich“ (2022) fungierte sie als Herausgeberin. „Die Puppe“ ist in der Reihe „Dinge des Lebens“ (Residenzverlag) erschienen. Im SKB LAB in Bozen liest Tanja Raich am 29. April 2026 daraus.