In den Augen von Beatrice Minger, Gisella Bassanini, Giovanna Canzi, Beppe Giacobbe

Ich liebe es, wenn sich Kreise schließen. Müssen sie nicht sofort. Je mehr Zeit vergeht, zwischen Ereignissen liegt, desto reizvoller ist es, sie wahrzunehmen, desto vielsagender, wenn sie wieder Aufmerksamkeit erregen, Entfallenes wieder in Erinnerung rufen.
Mir erging es neulich so mit Eileen Gray, der Architektin, Designerin, Künstlerin … auf dem Schirm hatte ich sie, ehrlich gesagt, nicht wirklich fortwährend, doch …
… so ziemlich genau vor einem Jahr im Mai zeigten wir mit Female Views im Filmclub Bozen in Zusammenarbeit mit der Architekturstiftung Südtirol den beeindruckenden Film von Beatrice Minger „E.1027 – Eileen Gray und das Haus am Meer“ von 2024 über die Irin. Für meine Anmoderation an besagtem Abend hab ich die Schweizer Autorin und Regisseurin vorab um ein Statement gebeten und zum Teil in meine einleitenden Worte eingebunden, das gesamte vorzulesen, hätte den Rahmen gesprengt und die Geduld der gespannten Kinobesucher:innen zur sehr strapaziert. Im Hinterkopf blieb es mir als Notiz, die ich irgendwann einmal die Chance hätte, wieder rauszuziehen.



Was für ein schöner Moment, als ich etwas nach Jahresanfang auf die Ankündigung von marinonibooks – der pavesische Verlag mit den Wellen im Logo – gestoßen bin, dass im März 2026 EILEEN GRAY von Gisella Bassanini und Giovanna Canzi sowie Beppe Giacobbe erscheinen wird – in der Reihe „FUORI DALL’OMBRA“, die marinonibooks großen europäischen Pionierinnen der Architektur und des Designs des 20. Jahrhunderts widmet. Das Buch halt ich inzwischen in meinen Händen, wunderschön gestaltet und geschrieben: Leinen-Hardcover, dunkelblau, Reliefdruck in azurblau, Fadenheftung. Über den Vorsatz ranken sich schwungvoll und stramm Linien, manchmal ineinander geschmiegt und gefüllt mit schwarzer Tinte. Dann geht’s auch schon los.
Les formules ne sont rien: la vie est tout. Et la vie est esprit et coeur tout à la fois.
Auf Italienisch und Englisch und in eindrucksvollen Zeichnungen erzählen sie eine Geschichte, die allein ihr gewidmet ist. Keine klassische Architekturbio jedoch, sondern ein sorgfältig gestaltetes Objekt, das zwischen Essay, Bild und Hommage oszilliert. Diese Kombination macht das Buch besonders: Die Zeichnungen erzählen die Architektin atmosphärisch, fast traumartig, nicht dokumentarisch. Die Publikation ist ein konzentriertes Porträt einer Denkweise. Gisella Bassanini und Giovanna Canzi gelingt es, eine Haltung sichtbar zu machen: Unabhängigkeit, Präzision, Zurückhaltung, Beweglichkeit, Intimität und Freiheit. Fein verweisen die Zeichnungen von Beppe Giacobbe auf Begegnungen und innere Distanz, Widerstand gegen starre Modernismen und die Fähigkeit, Räume zum Leben zu denken. Das Buch steht im Geist von Eileen Gray selbst. Und so schließt sich erneut ein Kreis.
Und ich möcht aus diesem Anlass niemandem den überaus aktuellen Kommentar von Beatrice Minger zu ihrem Film über Eileen Gray vorenthalten:
Ein Satz des indigenen Volkes der Lacota besagt: Kraft, auch wenn sie verborgen ist, erzeugt Widerstand. Eileen Gray hat in ihrem Werk und in diesem Haus ganz besonders einen fundamental anderen Blick auf die Welt und Bezug zur Welt formuliert. Ein Bezug, der auf Verbindung basiert – nicht auf Abgrenzung. Wenn du das Haus betrittst, gehst du eine Beziehung ein, es spricht mit dir, lenkt deinen Blick, macht Angebote des Verweilens, inspiriert in humorvoll spielerischen Schriften.
Le Corbusier war fasziniert, angetan – und hat sich dann davon aber bedroht gefühlt. Vielleicht war es Neid oder Angst, wer weiß das schon. Auf jeden Fall hatte es in ihm das Bedürfnis geweckt, es zu zerstören. Er hat das Angebot zur Beziehung nicht angenommen, sondern musste die Ordnung wieder herstellen, indem er sich selbst dem Haus auf den Leib schreibt. Er musste es zerstören.
Heute – fast 100 Jahre später – passiert in allen rechtsdriftenden Regierungen dasselbe. Der Pluralismus, für den wir gerade noch gekämpft haben, wird wieder eingeebnet auf die Ideologie des gekränkten Mannes: weiss, macht- und statusbesessen und eindimensional.
Die gute Nachricht ist aber: Dieser Backlash ist nur deswegen so heftig, weil sie die Kraft der neuen pluralistischen Gesellschaft gespürt haben. Und sie fürchten! Dennoch müssen wir darauf bestehen. Eileen Gray hat mit ihrem Werk einen Gegenentwurf gemacht, der bis heute zu uns spricht. Vielleicht, gerade weil sie nicht in diesen Machtkampf eingestiegen ist, sondern unbeirrbar weiter auf ihrem Blick auf die Welt beharrt hat. Und sich dabei eine Würde und Lockerheit bewahrt – ich mag eben weisse Wände!