Contemporary Culture in the Alps
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Literature,Books

Books, I’ve never read: Sellemond oder Von der Schwierigkeit, Touristen zu töten

Die Geister, die man rief oder Kein Südtirolroman mit Halbwertszeit

11.02.2026
Verena Spechtenhauser
Books, I’ve never read: Sellemond oder Von der Schwierigkeit, Touristen zu töten

© Kunigunde Weissenegger

© Kunigunde Weissenegger

Wenn ich’s geahnt hätte damals!, aber wie hätte ich’s ahnen können!
Josef Oberhollenzer, Sellemond oder Von der Schwierigkeit, Touristen zu töten, S. 89

Die Halbwertszeit von Sachbüchern beträgt im Durchschnitt fünf Jahre. Beobachtet man die Geschwindigkeit, mit der Verlage jährlich neue Bücher auf dem deutschsprachigen Markt veröffentlichen¹, liegt die Vermutung nahe, dass die Lebensdauer von Belletristik wohl noch um einiges kürzer ist. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet ist der 2025 im Folio Verlag erschienene Roman Sellemond oder Von der Schwierigkeit, Touristen zu töten² des Brunecker Autors Josef Oberhollenzer also fast schon wieder ein Backlist-Titel. Und damit Wert, vom SUB geholt und gelesen zu werden.

Josef Oberhollenzer, Sellemond oder Von der Schwierigkeit, Touristen zu töten, Folio, 2025, © Isabella Nanni

AUSSEN

Grellgrün, robust und solide, aus dem kreativen Kosmos von Dall‘O & Freunde. Ohne Schutzumschlag.

INNEN

Wie zwei Bücher in einem. Rechts der Fließtext, links ein beachtlicher Fußnotenapparat³, der leicht dazu verführt, Namen und Bücher und Orte und Zitate und Wetterprognosen zu googeln. Also besser beim Lesen keine digitalen Geräte in der Nähe haben, außer man zählt dies zu seinem Hobby. Vorangestellt ein absolut notwendiger Index an Personen sowie fiktive Berichte aus der Alpenzeitung. Über allem liegend Josef Oberhollenzers Stil: seine durchgehende Kleinschreibung, lange Absätze, viele Adjektive und Satzzeichen.

DRINNEN

In das fiktive Aibeln und Umgebung komme ich immer gerne zurück. Fast wie in ein Sommerfrische-Dorf. Um zu schauen, wie es den Bewohner:innen über den Winter so ergangen ist. Aber mit Zeit und Geduld. Die darf ruhig mitgebracht werden. Um sich in die Sprachkunst Oberhollenzers bis in das Kleinstgedruckte zu versenken. In die Einschübe, Satzzeichen und Fußnoten. Sich auch nicht zu ärgern, wenn die Gedanken mal abschweifen, und die Notwendigkeit, einen Absatz noch einmal zu lesen oder eins, zwei, drei Seiten zurückzublättern, gegeben ist.

Dieses Mal führt uns der Autor Josef Oberhollenzer auf die nicht fiktive Wollbachalm im Ahrntal – die übrigens genauso existiert(e) wie die Concordia 2000, die Hornspitzen und Schneebige Nock, Untrum oder die Costa Riviera. Zwei Männer, der eine älter, der andere jünger, treffen sich dort. Drei Tage lang, nämlich von Donnerstag bis Samstag/Sonntag unterhalten sich der Erzähler (Franz Richard) F.⁴ und die Hauptfigur Werner Sellemond⁵ über das leidige Thema Overtourism von den 1990er-Jahren bis herauf in das Jetzt. Während zwischenzeitlich Touristen von Berggipfeln geschossen werden. Ein höchst ironisches Zwiegespräch.

Ob Oberhollenzer das infaltionäre Modewort Achtsamkeit selbst benutzen würde? Ich würde Wetten, dass NEIN! Aber es braucht Geduld und Zeit und Durchhaltevermögen und Selbstliebe, um seine Bücher zu lesen (und wahrscheinlich auch zu schreiben). Eine durchaus längere Aufmerksamkeitsspanne, die nicht nur Kindern, sondern auch Erwachsenen in dieser digitalen Welt immer öfter abgesprochen wird. Schön und gut also, dass Oberhollenzer dies seinem Lesepublikum noch zutraut. Der Griff zu Sellemond, Sültzrather, Zuber oder Prantner ist also eine bewusste Entscheidung. Und sollte nicht leichtfertig getroffen werden. Wenn aber die Zeit dafür gefunden ist, eröffnen sich ungeahnte literarische Welten, in diesem Südtirolroman ohne Halbwertszeit.

Josef Oberhollenzer, © Kunigunde Weissenegger

Wer Josef Oberhollenzer gerne lesen hören und im Gespräch erleben möchte, hat an folgendem Tag und Ort die Gelegenheit dazu:
Mittwoch, 29. April 2026, 20:00: Brixen, Dekadenz, Obere Schutzengelgasse, 3A; Moderation und Gespräch: Jörg Zemmler.

Josef Oberhollenzer (*1955 im Südtiroler Ahrntal, I) lebt in Bruneck. Im fiktiven Aibeln ist er ebenso zu Hause. Er schreibt Gedichte, Prosa und Theaterstücke, mehrere seiner Texte wurden von Rockbands vertont. Mit seinem Roman „Sültzrather“ stand er 2018 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Veröffentlichungen: 1994 erschien sein erstes Buch, eine Gedichte- und Kurzprosasammlung, mit dem Titel „in der tasse gegenüber“. Beim Folio Verlag erschienen 1999 eine Sammlung von Kurzprosa-Geschichten mit dem Titel „Was auf der Erd da ist“; 2007 „Großmuttermorgenland“, 2010 „Der Traumklauber“, 2018 „Sültzrather“, 2020 „Zuber oder Was werden wir uns zu erzählen haben“, 2023 „Prantner oder Die Erfindung der Vergangenheit“, 2025 „Sellemond oder Von der Schwierigkeit, Touristen zu töten“.

¹ Laut dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels waren es 2024 exakt 65.717 Erst- und Neuauflagen
² Der 4. Band der Aibeln-Reihe
³ An Fußnoten als Fußnoten fasziniert mich nichts; aber sie sind notwendig. Notwendig als Dazwischengesagtes; als ein Erzählen neben dem Erzählten; als Kommentar des Erzählten: von der anderen Straßenseite her, von einem Fenster aus; als eine andere Version des Erzählten; als eine Reflexion des Erzählten; als Zwischenruf, als laute, als leise Einmischung; als ein Erzählen unterderhand; als eine Unterbrechung des Erzählten; als … (aus meinem Interview mit Josef Oberhollenzer auf franzmagazine vom 20.09.2018)
⁴ „inhaber des Farbenfachgeschäfts Fundneider & Co.“
⁵ „geboren am 11. Juni 1984 (wohnt in Schrambach)“

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Tags

Books I’ve never read, Touristen, Folio Verlag, Josef Oberhollenzer, Sellemond oder Von der Schwierigkeit, Touristen zu töten, Aibeln, ahrntal
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