Darf man Ende Jänner überhaupt noch von Vorsätzen sprechen? Also dann, wenn ein Gros davon bereits gebrochen ist? Man darf – und man muss. Denn Vorsätze tragen ins neue Jahr. Sie schaffen Routine. Zumindest, wenn man der immensen Zahl an Coachingangeboten und „Ich-Habs-Geschafft!“-Reels glauben darf, die uns noch Ende Jänner durchs Hirn peitschen, schaffen Vorsätze Sicherheit in einer Welt der Unsicherheiten. Denn sie bleiben ja stets die Gleichen. Es geht um mehr Verzicht einerseits – Alkohol, Schokolade, you name it – und um weniger Verzicht andererseits. Der Eine vom Gym weiß es: A workout a day, keeps the doctor away. Hofft er halt.
Mehr Sport gibt es fürs Kulturpublikum südlich des Brenners heuer, ob es will oder nicht. Sportlich angehaucht ist dort, irgendwo zwischen Mailand und Cortina, so manches Jahresprogramm. Es ist immerhin Olympiazeit! Und wenn der größte Sportzirkus der Welt einmal Station macht, Milliarden begeistert und Milliarden verbrät, dann gilt sogar für Kunsttempel: Dabei sein ist alles.
In der Olympischen Idee trifft sich also auch, was sich oft so verschieden wähnt – zumindest hier bei mir in Innsbruck, wo sich Sport-Stadt und Kultur-Stadt ein ewiges Battle liefern. Scoreboard Innsbruck: Winterspiele 2 – Europäische Kulturhauptstadt 0. Aufgeben? Für die Kultur: Keine Option!
Im MART steht derzeit „Sport. Der herausgeforderte Körper“ im Mittelpunkt und damit eine Schau, die das Leibhaftige von der Antike bis in die Gegenwart verfolgt. © MART/Jacopo Salvi, 2025.
About the authorBarbara UnterthurnerWas tun, wenn’s in den Fingern juckt? Am besten einmal die eigene Meinung in die Tasten hämmern. Als [...] More Dabei sind sich beide „Teams“ am Ende ähnlicher, als man meinen würde – auch wenn die Kultur selten eine Stoppuhr braucht, um Preise zu vergeben. Am Treppchen: Namen. In den News: Rekorde. Dazwischen: Viel Show. Und! Frauen* werden in beiden Disziplinen belächelt. Außerdem schlagen sowohl Kultur als auch Sport gerade am Persischen Golf auf – nicht trotz, sondern wegen dem Geld, das in Abu Dhabi und Co. wartet. Also weil, again: Dabei sein ist alles?
Olympia daheim, das lässt – abseits von „Cortina Sliding Centre“ und Kunst in Kreisverkehren – kaum den Puls höherschlagen. Und diejenigen, die dies diskursiv veranlassen könnten (und sollten), also Kunsträume und Co., setzen auf Körper – und nennen das Inhalt. Aber langsam, langsam für den Start. Es folgt eh ein Sprint durch den (kultur-)olympischen Zeitplan. Was steht am Programm?
Staffel-/Hürdenlauf, Rovereto: Das MART lässt in (gut, im Deutschen holpert der Titel etwas) „Sport. Der herausgeforderte Körper“ die bodies worken. Es startet die Antike, gibt weiter an Antonio Canova (klassischer wird’s nimmer!), gibt weiter an Robert Mapplethorpe. Über 8 Hürden (Ausstellungskapitel!) musst du springen. „Maxi-mostra“ sagt Artribune dazu. Klingt für mich nach Maxi-Anstrengung.
Doppel, Bozen: Kleiner (eleganter?) legt SKB Artes seine Olympiateilnahme an. Hier wurde trainiert, Sport und Kunst kämpfen nun Seite an Seite. Es ist kein Match, wenn Tania Cagnotto auf Michael Fliri trifft – oder? Ob’s dabei aber so emotional und sozial zugeht, wie man sich das erwünscht, darf das Publikum selbst rausfinden.
Slalom, Bozen: Im Museion fährt man derweil Zickzackkurs zwischen musealem Auftrag und privater Sammelleidenschaft. Wir sehen hübsch inszenierte olympische Fackeln – aber zündet die Ausstellung auch?
Abfahrt, Kronplatz: Die ganz große Talfahrt macht dieser Tage das LUMEN. Statt Fotografie erforschte Leon Löwentraut dort malend, was es denn braucht, ein Champion zu sein. Er, das selbsternannte Wunderkind, würde wahrscheinlich sagen: Ausdauer. Eine eigene Erzählung. Ein bisschen Mythos schadet wohl auch nie.
Gleiches bei Kulturolympia: Vielleicht sind – das haben doch vergangene Bewerbe bewiesen – die „Nischenprogramme“ abseits der „Königsdisziplinen“ die wirklich interessanten: Was etwa meint die Künstlerin Marinella Senatore nach ihren wunderbaren Personalen in Salzburg und München nun mit „There is so much we can learn from the sun“? Muss man im Museo Arte Contemporanea Cavalese nachfragen. Durchs Unterholz am Eingang des Antholzertals haben sich derweil die „Flags of Art“ geschlagen. Sie wehen beständig, egal, woher der Wind kommt. Bei Hannes Eggers „Black Flag“ (nicht die Band – die Fahne!) ist das olympische Feuer endgültig erloschen. Es ist eine Flagge als Absage ans Flagge-Hissen. Und als Absage ans Spektakel.Art Flags oder Kunst im Kreisverkehr? Der Südtiroler Künstlerbund rief Künstler*innen zum Entwerfen der Kunstflaggen im Antholzertal auf. Hannes Egger gestaltete „Black Flag“.
Also, auch wenn die offizielle Winter Games Opening Show in Bozen noch darauf pocht, „ON FIRE“ zu sein. Nicht alle spielen mit. Auch nicht alle Kulturstätten – darauf sollten wir schauen. Dabei sein ist nicht alles! Gilt sogar für die Olympiazeit. Und Vorsätze im Allgemeinen.