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Das Schreiben ist eine widerständige und fragile Suchbewegung

Autorin Greta Maria Pichler über ihr Debüt „Salzwasser“, das Schreiben und neue Gedichte

26.01.2026
Verena Spechtenhauser
Das Schreiben ist eine widerständige und fragile Suchbewegung

Autorin Greta Maria Pichler, © El Menges

Autorin Greta Maria Pichler, © El Menges

chill
es hat ein ende mit dem tau. ich höre nicht und deute
bilder um. irgendwann werde ich aufhören zu weinen,
das steht fest. es wird kein wasser zum tropfen mehr
vorhanden sein, bewegung und geräusch werden
bleiben, aber keine tränen. wenn nichts nasses mehr
die haut berührt, halte ich die ohren zu, auch das
schluchzen bleibt dann aus. was den rest betrifft: ich
ducke mich weg, und vom tasten sehe ich ab.
Greta Maria Pichler, Salzwasser, S. 18
About the authorVerena SpechtenhauserWer bin ich und wenn ja, wie viele? Auf jeden Fall endlich Historikerin und immer noch wahnsinnige Bücherliebhaberin. [...] More
Für jedes Buch gibt es den richtigen Zeitpunkt. Den Moment, in dem man an sein Bücherregal geht und ganz automatisch seine Hand nach dem einen Buch für genau diesen Moment ausstreckt. Jenem Buch, das oft Wochen, Monate, ja Jahre an seinem schon angestammten Platz im Regal stand. Ohne Grund, ohne Erklärung. Meine Ausgabe von Greta Maria Pichlers Lyrikband „Salzwasser“ stand lange Buchrücken an Buchrücken neben Oswald Eggers „Herde der Rede“. Zwei Südtiroler Lyriker:innen, zwei Bücher, deren Buchumschlag fast dasselbe Violett tragen. Ein schöner passender Zufall.

Greta Maria Pichlers Lyrik habe ich im Januar gelesen. Während der plötzlich stillen Tage, nach Wochen voller Trubel im Haus. Das erste Buch im 2026 hat mich mit seinen Worten, in meinen Gedanken, an das Meer gezogen. An den Strand, in den Sand, auf und unter das Wasser, auf ein Boot. Die Sprache, die Greta Maria Pichler in ihren kurzen lyrischen Texten wählt, fühlt sich warm an auf der Haut, riecht nach Salz im Mund und Wind im Haar. Dazwischen, auf den Kopf gestellte Begriffserklärungen rund um die Nautik, die Fauna im und über dem Wasser. 

Beim Lesen der Gedichte hat mein Bauch gekribbelt, genau so, wie es passiert, bevor man sich auf eine lang erwartete Reise an seinen Sehnsuchtsort macht. In meinem Fall ans Meer. Es war genau das richtige Buch für die ersten kalten Tage im Januar. Das richtige Buch für den richtigen Moment. Im Nachgang an diese Lektüre habe ich Greta Maria Pichler einige Fragen via Mail geschickt. Im Folgenden könnt ihr ihre Antworten lesen.

Liebe Greta, dein Debüt „Salzwasser“ ist 2024 bei Matthes & Seitz im Verlagsprojekt Rohstoff erschienen. Die darin enthaltenen Gedichte handeln vom Meer und vom Wind. Warum?
Die Texte in „Salzwasser“ spannen sich in einem von Meer und Wind geformten und beeinflussten Raum auf und setzen sich unter anderem mit Körpern, den sie umgebenden Landschaften und deren Beziehungen zueinander auseinander. Das Schreiben ist in diesem Buch (und generell für mich) sowohl widerständige als auch fragile Suchbewegung. Impulsgeber ist eine Haltung der Aufmerksamkeit für Bewegung, für feine Verschiebungen, für Zerstörung und dafür, wie diese Denken und Wahrnehmung verändert.

Wie lange hat dich das Schreiben an diesem Buch begleitet? 
Erste Versionen der Gedichte, die jetzt in „Salzwasser“ veröffentlicht sind, habe ich im Herbst 2021 geschrieben, die finale Fassung des Buches war dann im Sommer 2024 fertig. Dazwischen habe ich mit Pausen immer wieder daran gearbeitet.  

Wann wusstest du, dass es „fertig“ ist? Und wie ist der Verlag auf deine Gedichte aufmerksam geworden?
Ganz sicher, dass ein Text „fertig“ ist, bin ich mir, ehrlich gesagt, nie, aber es gibt Anzeichen dafür. Die Überarbeitungen nehmen mit der Zeit ab, es werden Lösungen für noch ungeklärte Stellen gefunden, eine vorsichtige Zufriedenheit stellt sich bestenfalls ein und dann wird die Entscheidung getroffen, den Text für abgeschlossen zu erklären. Der Kontakt zum Verlag ist entstanden, als ich 2022 den Literaturpreis „Open Mike“ vom Haus für Poesie Berlin gewonnen habe. Dort habe ich bereits erste Texte aus „Salzwasser“ präsentiert, die dann prämiert wurden. 

In deinem Buch spielst du nicht nur mit Sprache, sondern auch mit grafischen Elementen: Gedichte sind unterschiedlich konstruiert, zwischen die Lyrik werden Erklärungen und kleine Skizzen eingeschoben, manches wird auf den Kopf gestellt. Warum? Wie kam es dazu?
Die auf den Kopf gestellten Texte mit dem Titel „Wasserspiegel“ sind eine Art Glossar, Begriffserklärungen und Exkurse, die mir im Laufe der Recherche begegnet sind und die ich den Leser*innen nicht vorenthalten wollte. Für mich gehören sie zu diesem Textkonvolut, auch wenn sie von woanders kommen. Die grafische Setzung spiegelt das wider, die Umkehrung ermöglicht sowohl ein Nachgehen als auch ein Übergehen. Es kann kurz eine andere Perspektive eingenommen werden, um dann wieder zurückzukehren zu den Gedichten. 

Salzwasser, © Greta Maria Pichler
zivilisationsgeräusche
es war nie still, aber anders laut. wind, wellen, sturm,
regen, brechendes eis, klickgeräusche, gesang und
glucksen. jetzt nur das brodelnde leider. dort, wo sich
wal und dorsch nicht mehr gute nacht sagen.
Greta Maria Pichler, Salzwasser, S. 72

Deine Texte wurden in zahlreichen Medien veröffentlicht – in Zeitschriften, Anthologien, aber auch im Radio. Außerdem liegt eine Auswahl deiner Gedichte in verschiedenen Übersetzungen vor. Setzt dich so viel Resonanz beim Schreiben (nicht) unter Druck? Und wenn ja, wie gehst du damit um?
Ich bin sehr froh darüber, dass meine Texte gelesen werden. Diese Freude überwiegt. Mehr Aufmerksamkeit führt allerdings auch dazu, dass ich öfter über Verantwortung nachdenke, was meinem Schreiben aber nicht unbedingt abträglich ist. Gleichzeitig versuche ich meinen Schreibraum zu schützen, auch vor meinen eigenen Grübeleien. Ich glaube, es ist ein Balanceakt: Etwas Druck ist gut, führt gelegentlich zu mehr Konzentration, zuviel davon ist hemmend. 

Wie und wann sind das Schreiben und die Sprache in dein Leben gekommen? Was bedeuten sie dir? Und wie schreibst du?
Mein Schreiben ist meistens zuerst ein Notieren, dann ein Wiederlesen und Überarbeiten. Sprache und das Schreiben sind für mich zentrale Werkzeuge, um Gedanken und Wahrnehmungen zu ordnen, zu präzisieren und Orientierung zu gewinnen. Ich behaupte jetzt, dass das für mich immer schon so gewesen ist.

Du hast in Wien sowohl Philosophie als auch Sprachkunst studiert. Wie beeinflussen diese beiden Zugänge deine Arbeit mit Sprache und Form?
Ich konnte aus beiden Studienrichtungen unterschiedliche Impulse für mein Schreiben mitnehmen. Im Philosophiestudium stand das Üben von genauem Lesen und analytischem Denken im Vordergrund, während im Studium der Sprachkunst der Schwerpunkt darauf lag, eigene Texte zu schreiben, sich über Texte auszutauschen und konstruktive Kritik zu geben und anzunehmen.

Neben deinem eigenen Schreiben arbeitest du im Programmteam von ZeLT. Zuvor warst du Mitglied im Vorstand der SAAV sowie Mitherausgeberin des Literaturmagazins JENNY. Was motiviert dich, dich auch jenseits des eigenen Schreibens für Sprache und Literatur zu engagieren?
Sprache und Literatur entstehen nicht losgelöst von dem, was sie umgibt, sie entstehen im Austausch und werden durch Programme, Förderungen, Publikationen immer auch institutionell gerahmt. Es ist mir wichtig, Verantwortung zu übernehmen und aktiv dazu beizutragen, literarische Diskurse mitzugestalten und zu öffnen.

In Kürze hältst du bei den Bücherwelten einen Schreibworkshop zum Thema Liebesbriefe. Ein interessantes literarisches Genre ...
Ich finde, dass sich die Textform Liebesbrief besonders gut dazu eignet, zu untersuchen, wie durch Sprache Nähe und Beziehung hergestellt werden kann. Zugleich erfordert sie Festlegungen, z. B. auf Persperktive, Anlass, Intention, und bietet damit einen klaren Rahmen, um Schreibprozesse zu reflektieren und zu üben. Gleichzeitig birgt die Form ein Risiko, sich auf vertraute Schemata zu stützen und damit in oberflächliche oder klischeehafte Ausdrucksweisen abzurutschen. Im Schreibworkshop interessiert mich vor allem, wie sich diese Spannungen nutzen lassen, um Sprache und Ausdruck zu erproben.

Woran arbeitest du im Moment? Kannst du uns darüber schon etwas erzählen?
Momentan arbeite ich an neuen Gedichten, in denen ich versuche Gebiete der Überblendung, Übergänge zwischen Innen- und Außenräumen, zwischen bekannten und unbekannten Orten zu erkunden, jene liminalen Räume, in denen die Wahrnehmung dessen, was vorliegt und geschieht, der versuchte Ausdruck davon und deren mögliche Veränderung ineinandergreifen und neue Perspektiven auf ein Selbst und die Umwelt eröffnen. Der Körper wird dabei als offene, durchlässige, erinnernde und resonante Instanz verstanden, als Ort, an dem sich Landschaften einschreiben, an dem Informationen aus der Umgebung gespeichert werden. So nehme ich die Arbeit an diesen neuen Texten jedenfalls im Moment wahr, aber vielleicht sieht es in ein paar Wochen auch wieder ganz anders aus ...

Greta Maria Pichler, geboren 1996 in Bozen, lebt und arbeitet als Autorin zwischen Wien und Brixen. Sie studierte Philosophie an der Universität Wien sowie Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst Wien. Pichler war Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift JENNY und Mitglied des Vorstands der Südtiroler Autorinnen- und Autorenvereinigung (SAAV). Derzeit ist sie gemeinsam mit Maria C. Hilber und Alma Vallazza Teil des Programmteams von ZeLT. 2022 war sie Jurypreisträgerin des 30. Open Mike des Hauses für Poesie Berlin. Der Lyrikband „Salzwasser“ ist ihr Debüt und 2024 in der Reihe Rohstoff bei Matthes & Seitz Berlin erschienen.

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Tags

lyrik, greta maria pichler, salzwasser, Matthes & Seitz, Open Mike, debüt
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