Tumler-Literaturpreis-Finalist Jan Snela im Interview
Jan Snela, © Maximilian Gödecke Photography
Jan Snela, © Maximilian Gödecke Photography
Langsam sinkt mensch in die 410 Seiten, das Lesen gestaltet sich hüpfend. Wie Tropfen, die auf Grund prallen, sich manchmal zischend ins Universum flüchten. Oder sind es Tränen? Wörter schwellen zu Klangwirbel, zerplatzen in Sätze, plätschern ins Ohr, kratzen an Gedanken. Rhythmisch funkelt auch die Schnecke grün vom Buchcover, leuchtet wie der darin eingehüllte harte, noch grünere Buchdeckel.
Indignation, Lügen und Reisen, zuru zuru, Mäuse und Mond, … – zentriert platziert – sind es Kapitel-Titel? Und was ist mit Karton, Kondens, Geburt einer Maus, Fliegentaufe, Stehen, Hirsche, Ich bin’s, … – einmal linksbündig, manchmal jedoch auch rechts. Fließtext wird unterbrochen von Dreizeilern bzw. Haikus, wie diese japanische Dichtung genannt wird. Sich durch dieses Wortgeäst zu hangeln ist wahrlich eine Herausforderung. Verschmitzt stell ich mir den Autor beim Schreiben vor.
Mit seltsamen Zeichen
das Heißen streichend verschafft er
der Stille Raum
Jan Snelas Erstlingswerk „Ja, Schnecke, ja“ ist im Frühling 2025 im Klett-Cotta Verlag erschienen – Grund für Jutta Person, den Autor für den Laaser, zeitgenössischen, deutschsprachigen Franz-Tumler-Literaturpreis zu nominieren.
Amira Ben Saoud, Christina König, Annegret Liepold und Ricarda Messner werden neben Jan Snela am Freitag, 19. September 2025 im Josefshaus in Laas in dieser Reihenfolge ab 9:00 vor Publikum und Jury (Ferruccio Delle Cave, Manfred Papst, Jutta Person, Gerhard Ruiss, Daniela Strigl) aus ihren Debütromanen lesen und sich deren Statements und Diskussion stellen. Eine:r der Fünf wird am Abend desselben Tages zum zehnten Mal von Gemeinde Laas, Bildungsausschuss Laas, Südtiroler Künstlerbund und Verein der Vinschger Bibliotheken mit dem Franz-Tumler-Literaturpreis und 8.000 Euro sowie einem Aufenthalt in Laas oder dem Publikumspreis und einem dreiwöchigen Schreibaufenthalt auf dem Rimpfhof sowie Lesungen im Vinschgau ausgezeichnet werden.
Vorab haben wir Jan Snela über Email mit ein paar Fragen erreicht …
Als geprägt von Sprachfantasie ist dein Schreiben vor knapp zehn Jahren beschrieben worden. Wie würdest du es heute definiert haben wollen?
Das lässt sich wohl am besten im Zusammenhang mit der vorangegangenen Frage beantworten … Die Fantasie „kann viel“, eröffnet ein Feld der Möglichkeiten, die miteinander dann schon auch mal konkurrieren. Und sie will sich in dieser ihr eigenen Virtualität, Virtuosität dann auch zeigen. Oft gab es früher mehr als nur einen (Ent-)Wurf, die einander nicht selten in Frage stellten. Ich würde sagen, dass mein Schreiben jetzt mehr den Bedarfen, Bedürfnissen, Notwendigkeiten folgt. Und dass dieses Schreiben, obwohl es im Prozess unbedingt sich aus sich selbst heraus entwickelt, trotzdem mehr auf etwas außerhalb seiner selbst antwortet, als das die früheren Texte taten. Das Fantastische ist darüber nicht verloren gegangen. Schließlich bedarf es der „sprachlichen Fantasie“, um Dinge, die zum Ausdruck kommen wollen, sprachlich zu fassen zu bekommen. Angefangen hat diese Veränderung in für mich wahrnehmbarer Weise, als ich vor gut zwei Jahren einen Radio-Essay über die gemeinsame Zeit mit meinem sterbenden Vater geschrieben habe. Da kam mir die Fantasie, auch ein gewisser Humor, ebenso zugute wie ein anderer, mir zwar nicht ganz fremder, aber zuvor von mir nicht weiter verfolgter Ton, der mehr vom „Pathos“ des Erlebten und Empfundenen getragen ist. Die Fantasie kommt inzwischen insgesamt wohl weniger artistisch zum Einsatz. Liegt vielleicht (ohne dass ich das als einschränkend wahrnähme) mehr an den Zügeln dessen, was nach ihr verlangt.
Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Jan Snela und Nihon Jinron?
Als ich zu einer Recherchereise für meinen Roman nach Japan aufbrach, beschloss ich einen Insta-Account unter dem Namen Nihon Jinron (was so viel wie „Japan-Diskurs“ oder sagen wir doch: „Reden von Japan“ bedeutet) einzurichten, um in einer Art Reisetagebuch meine Eindrücke von Japan festzuhalten. Das war direkt nach diesem Vater-Essay fürs Radio, bei dem ich mir erlaubt habe, mich selbst viel mehr zu zeigen, als ich das bisher in meinem Schreiben getan hatte, das ja auch immer wieder als sehr ironisch, artistisch bezeichnet wurde. Und tatsächlich ist der Stil der Eintragungen in dieses poetische Journal auf eine Art ergriffener, ungehobelter, weniger manierlich als der meiner zuvor geschriebenen Texte. Jan Snela konnte beim Schreiben des Romans glücklicherweise mehrfach auf diese relativ wilden schriftlichen Eindrücke von Nihon Jinron zurückgreifen. Heute ist der Account für mich wie eine Verbindung zwischen dem schon fertigeren Autor Jan Snela und einer Art unbedarften Vorstufe von Jan Snela, also dem, als der ich Augenblick für Augenblick im Kontakt mit der Umwelt geschaffen werde. Ein zwischen beiden gespanntes Drahtseil, auf das ich mich gelegentlich, zumeist auf Reisen, gerne begebe.
Ein pulsendes Mucken, Brummen und Summen, von dem sich ein das Gehör in verheerende Sphären zerrendes Keifen abhebt. Eine Art Pfeifen und Sirren, als ob etwas starten wollte, nur noch nicht kann. Darunter ein Rattern und Rummsen wie von Waschmaschinen im Schleudermodus. Und, oh, Musik? Nach und nach unterscheidet Amanda einander zerdudelnde Melodien, miteinander ringende Jingles, die ihr allesamt wie allzu vertraut und zugleich wie zuvor noch nie je gehört vorkommen.
Warum eine Schnecke? Warum Japan? … ohne zu viel zu verraten …
Die Schnecke, die ja nicht irgendeine Schnecke ist, sondern der Gegenstand einer sehr eindrücklichen 2021 in Japan gemachten Entdeckung, kam – ganz im Sinne des vorhin über die Resonanz Gesagten – auch aus der Außenwelt in meinen Text. Witzigerweise ermöglicht durch die Langsamkeit, mit der er entstand. Hätte ich mich an den mit dem Verlag vereinbarten Abgabetermin gehalten, wäre mein Roman zum Zeitpunkt der Entdeckung von Elysia marginatas Fähigkeit, sich qua Autotomie ganzkörperlich neu zu erfinden, bereits erschienen. Er hätte von Menschen und Mäusen gehandelt, aber nicht von Schnecken. Und wahrscheinlich auch nicht von Roboterhunden. Ich erfuhr von der Entdeckung, als ich schon länger nach einem Grund suchte, aus dem meine weibliche Hauptfigur, Amanda, sich in Japan aufhalten könnte. Mit dem Bekanntwerden dieses erstaunlichen Schnecken-Faktums war diese Frage sofort geklärt. Es war auch insofern eine Koinzidenz, als mir zu diesem Zeitpunkt das Haupt-Thema meines Romans – die Beziehungsaufnahme zwischen Menschen und (kleinen) Tieren – schon den japanischen Haiku-Dichter Kobayashi Issa als eine wichtige Figur meines Texts beschert hatte. Issa ist bekannt für seine Solidarität mit den Underdogs und Verlierern in einem, nennen wir es mal, sozial-darwinistischen Durchsetzungsgefüge, für das er als Bauernsohn in einer sehr hierarchisch geordneten Gesellschaft überaus sensibel war. Daher – aber noch aus vielen anderen Gründen – Japan. Eines meiner liebsten Haikus von Issa, das dem Roman auch den Titel gibt, lautet in einer deutschen Übersetzung: „Ja, Schnecke, / besteig den Fuji, aber / langsam, langsam.“ Damit war die Koinzidenz – mir immer Indiz für einen hinreichenden Grad an Verdichtung des Schreibprozesses – perfekt.
Muss es (immer) die Liebe als Thema sein? … Ist es Liebe oder Besessenheit oder Abhängigkeit oder Gewohnheit oder …? Wo liegen die Grenzen?
Diese Frage habe ich mir tatsächlich selbst schon öfter gestellt. Ich könnte jetzt einfach sagen, dass Liebe eben „zieht“, dass sie den willkommenen, weil gut lesbaren Vorder- oder Hintergrund für meine eigentlicheren Interessen – figürliche Konstellationen, Mund-Arten im weitesten Sinne, Settings, den Vibe oder die unterschwelligen ideellen Voraussetzungen gewisser Gegebenheiten – darstellt. Oder, dass sie mich interessiert, weil die Intimbeziehung derjenige Ort ist, an dem die politischen und gesellschaftlichen Kräfte, die Machtgefälle, vielleicht am intensivsten zum Tragen kommen. Politische Fragen entscheiden sich heute mehr denn je, wie man an der Wiederwahl Trumps durch junge Männer diverser Herkünfte sehen kann, entlang von Geschlechtergrenzen, die auch für so etwas wie eine „Politik der Liebe“ eine eminent wichtige Rolle spielen. Aber das alles fühlt sich, wenn ich das so formuliere, für mich immer nur wie ein Teil der Wahrheit an … Tatsächlich ist das Schreiben im Vibe der Liebe, als Verbindung und Verbindungen – Verbundenheit – suchende und ermöglichende Energie, in ihren verschiedensten Spielarten, doch die Suche nach so etwas wie dem heilsamen Gegenteil von Lieblosigkeit, Härte, Undurchlässigkeit, identitärer Überheblichkeit, hipper Coolness und Kühle, defätistischer Abgeklärtheit … Ich weiß nicht … Warum sollte sie mir eigentlich nicht einfach am Herzen liegen? Für mein Schreiben ist sie wohl das eigentliche alchemistische Medium, sein eigentlicher Motor.
Wie stehst du Tumler? Was weißt du von ihm?
Tumler war mir bis zu der Nominierung, um ehrlich zu sein, nur ganz entfernt ein Begriff. Natürlich habe ich mich dann schnell erkundigt, und bin dabei zunächst auf das gestoßen, was mit Heimito von Doderer als eine Verirrung „in eines der vielen öffentlichen Häuser falscher Sprachlichkeit“ umschrieben werden könnte. Tumler selbst hat in einem seiner Texte schlichter und weniger relativierend von der eigenen Anpassung an die Redeweise seiner vom Faschismus ergriffenen Umgebung geschrieben. Im Zuge meiner kleinen Beschäftigung mit Tumler in der Folge der Nominierung bin ich auf einen Essay gestoßen, in dem von Tumlers „Rückzug in die Genauigkeit“ die Rede ist. Genauigkeit, Präzision – und das heißt für Tumler, soweit ich es nun übersehe, auch eine gewisse behutsame Vorsicht gegenüber den eigenen Wahrnehmungen, Erinnerungen und Narrativen – ist mit dem Faschismus, der auf wuchtige Erzählungen setzt, nicht vereinbar. In einem anderen Text über Tumler bin ich auf die Formulierung gestoßen, dass jede Bemerkung über Franz Tumler müßig sei, die nicht seine „Nähe zum Lyrischen, ja Mythischen“ berücksichtige. Das finde ich einen interessanten Zug, dem ich mich in meinem eigenen Zugang zur Sprache, zum Literarischen nahe fühle. Als sehr inspirierend habe ich auch Tumlers Beschreibung einiger Bilder Alter Meister in der Pinakothek in München empfunden. Der Text heißt „Der unausdeutbare Raum“ und liest sich fast wie eine der ominösen Meditationen Blanchots, ins Konkrete genauer Bildbeschreibungen gewendet. Tumler beschreibt diese Bilder so spürbar angeregt und zugleich so begabt mit einem aus dem Wunsch nach Durchdringung erwachsenden Abstraktionsvermögen, dass mir, als in München Aufgewachsenem, beim Lesen dieser Beschreibungen beinah so war, als würde ich mit ihm vor diesen Gemälden stehen. Von den Sätzen, die er – ein älterer Herr mit auf alles Stechende verzichtendem Blick –, mir auf diese Weise zugeraunt hat, löst der folgende in mir am meisten aus: „Aber die Unruhe lässt sich durch eine Manier nicht beschwichtigen.“ Ich glaube, er berührt im Kern alles, was ich vorhin über den Wandel in meinem eigenen Schreiben angedeutet habe.
Jan Snela ist 1980 in München geboren, lebt heute in Stuttgart und Tübingen, studierte Komparatistik, Slawistik und Rhetorik. Seine Texte erschienen in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften und wurden bereits mehrfach ausgezeichnet. 2016 erschien der Erzählband „Milchgesicht. Ein Bestiarium der Liebe“ bei Klett-Cotta, ausgezeichnet mit dem Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg; 2025 im selben Verlag nun sein Debütroman „Ja, Schnecke, ja“, mit dem er für den Anna-Haag-Preis und den Franz-Tumler-Literaturpreis nominiert ist.