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October 30, 2023

„Odessa wird für mich immer etwas Unvergleichliches haben“ – Irina Kilimnik, Tumler-Publikumspreisträgerin

Verena Spechtenhauser

 Ich habe einfach keine Lust, mir Sorgen zu machen! Diese Stadt ist viel zu schade dafür. Ich möchte ein ganz normales Leben, ohne Politik. Schluss jetzt! Keine brennenden Häuser, keine Leichen, keine Aktivisten!

[Auszug aus „Sommer in Odessa“, S. 158, Irina Kilimnik]

Seit ich denken kann, erschließe ich mir die Geschichte von Krisen- und Kriegsgebieten über die erzählende Literatur. So stille ich mein Verlangen nach dem tieferen Verstehen von Konflikten und Problemen, nach dem Wunsch, Gefühle von Betroffenen zu benennen und im besten Fall auch begreifen zu können. Es ist, als würde ich ein kleines Guckloch in eine sonst so harte Mauer schlagen, durch das ich für ein paar Lesestunden mehr Klarheit erlange, bevor ich es wieder zumachen muss. 

Das Debüt „Sommer in Odessa“, erschienen bei Kein & Aber, der ukrainisch-deutschen Autorin Irina Kilimnik ist so ein Guckloch. Es gibt den Blick frei auf ein pulsierendes Odessa im Sommer 2014, deren Menschen in Feierlaune sind und die Strände, Bars und Diskotheken ihrer Heimatstadt in vollen Zügen genießen, über die sich jedoch auch der Schatten der Krim-Annexion legt. Es erzählt von der jungen Medizinstudentin Olga, die zusammen mit ihrer chaotischen Großfamilie, inklusive skurril-tyrannischem Großvater, in einer Wohnung in der ukrainischen Hafenstadt lebt und sich eigentlich nach einem anderen Leben sehnt. Und von David, einem alten Freund der Familie, der mit einem langgehüteten Geheimnis das ganze Familiengefüge ins Wanken bringt. Eigentlich ein leichter Roman über Familie und Erwachsenwerden und eine Ode an die Schwarzmeer-Metropole, würde sich nicht das Wissen um das Odessa von heute, das sich seit dem 24. Februar 2022 im Krieg befindet, beim Lesen zwangsläufig über den Roman stülpen.

Mit „Sommer in Odessa“ hat Irina Kilimnik beim diesjährigen Tumler- Literaturpreis den Publikumspreis gewonnen. Wir haben mit ihr gesprochen.

Du siedelst die Geschichte der jungen Medizinstudentin Olga und ihrer Großfamilie im Sommer 2014 an und skizzierst Odessa als eine lebendige, liebens- und lebenswerte Hafenstadt, in die zumindest ich sofort verreisen würde. Warum hast du genau diesen Zeitpunkt für die Geschichte gewählt?

Weil sich im Sommer 2014 sowohl im Leben der jungen Frau als auch in der Geschichte der Ukraine grundlegende Veränderungen abspielen. Olga löst sich von den Fesseln ihrer Familie, die Ukraine entscheidet sich nach dem Maidan* für die politische Ausrichtung nach dem Westen. Es ist das Jahr, in dem sich die Spannungen zwischen pro-russischen und pro-ukrainischen Kräften in der Gesellschaft schon deutlich abzeichnen. Und diese ersten Risse durch die Gesellschaft beschreibe ich.

Ein Zitat aus dem Buch lautet „Meistens bleiben die Odessiter ihrer Stadt lebenslang treu. Manchmal müssen sie aber woanders hinziehen. Und es bricht ihnen das Herz.“
Du selbst bist mit 15 Jahren von Odessa nach Deutschland gezogen. Wieviel von deinem persönlichen Odessa steckt im Buch und in den Protagonist*innen?

Wie die meisten Menschen habe auch ich ein besonderes Verhältnis zu meiner Geburtsstadt. Odessa wird für mich immer etwas Unvergleichliches haben und ich fühle mich der Stadt noch sehr verbunden, obwohl ich schon lange nicht mehr dort lebe. Mein Odessa ist kosmopolitisch, offen, lebendig. Odessa hat seit jeher verstanden, die verschiedenen Nationalitäten unter ihrem Dach zu integrieren. Es ist auch eine Stadt mit vielen Stränden, was Odessa eine besondere Atmosphäre verleiht: m´Man lebt gerne draußen, es wird gefeiert und gegessen, getanzt und gelebt. Diese persönlichen Aspekte fließen in meinen Roman ein.

Olga lebt ja eigentlich in einem Frauenhaushalt. Trotzdem herrscht und bestimmt der einzige Mann der Familie, nämlich der Großvater, als Patriarch über das Leben von Olga und ihrer Mutter, ihrer Tanten und Cousinen. Welche Rolle spielt das Konstrukt Familie in der Ukraine? Und wie Männerdominiert ist die ukrainische Gesellschaft?

Die Familie hat im Osten immer noch einen sehr hohen Stellenwert, obwohl sie auch wie im Westen durch Industrialisierung und Individualisierung einen enormen Funktionsverlust erfahren hat. Der Opa in meinem Roman ist fest davon überzeugt, dass seine Töchter ihm etwas schuldig sind, weil es sich einfach gehört, dass Kinder sich ihren Eltern verpflichtet fühlen. Damit spielt er gekonnt, lässt die Töchter nach seiner Pfeife tanzen und ist nie zufrieden. Am Ende sind es die Enkelinnen, die ihn entmachten. Solche Charaktere sind in osteuropäischen Gesellschaften nicht selten. Alina Bronsky hat in „Der Zopf meiner Großmutter“ eine weibliche Variante dieses „Tyrannen“ beschrieben, das ist nicht nur eine auf Patriarchen beschränkte Figur. Emanzipation äußert sich in Osteuropa allerdings auch anders als im Westen. Die weibliche Erwerbsarbeit war schon zu Sowjetzeiten sehr hoch, auch arbeiten Frauen viel häufiger in technischen Berufen als im Westen. 

Bei der Lektüre deines Buches konnte ich mich dem Gedanken nicht verwehren, dass ich wohl gerade über ein Odessa lese, das es so 2023 nicht mehr gibt. Was bedeutet es für dich, mit deinem ersten Roman so vielen Leser*innen noch einmal das Vorkriegs-Odessa näherbringen zu können?

Es bedeutet für mich Hoffnung, dass es dieses Odessa auch später wieder geben wird.

Wenn du mir nur ein einziges Buch über die Ukraine empfehlen dürftest, welches wäre das?

Schwierig, es gibt viele interessante Gegenwartsautoren in der Ukraine. Ich würde aber wahrscheinlich doch einen Klassiker empfehlen und mit den Werken des Dichters Taras Schewtschenko anfangen.

Irina Kilimnik, geboren 1978 in Odessa (Ukraine), lebt heute in Berlin. Kilimnik kam mit fünfzehn Jahren nach Deutschland, wo sie Humanmedizin und Mediapublishing studierte. Sie veröffentlichte zahlreiche Essays, Buchrezensionen und Kurzgeschichten. 2014 war sie Teilnehmerin am 18. Klagenfurter Literaturkurs, ein Jahr später wurde sie mit zwei Preisen beim MDR-Literaturwettbewerb ausgezeichnet. Bei ihrem anstehenden Schreibaufenthalt auf dem Rimpfhof, so verriet sie im Interview, wird sie sich höchstwahrscheinlich des Themas Geschwister, einem zentralen Thema in ihrem neuen Roman, annehmen.

Foto: Irina Kilimnik (c) SimoneHawlisch

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