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October 25, 2023

Fashion Weeks quo vaditis?

Susanne Barta

Die Ready-to-Wear Fashion Weeks für Spring/Summer 2024 sind Anfang Oktober zu Ende gegangen. Einen Monat lang jagte ein Event das andere, mit Stationen in New York, London, Mailand und Paris. Vorab schon in Kopenhagen, weitere auf verschiedenen Kontinenten, in verschiedenen Städten folg(t)en. „While fashion shows themselves account for a tiny fraction of the industry’s environmental impact, they sit at the very heart of the marketing machine that fuels planet-damaging overconsumption“,  schreibt Rachel Arthur in ihrem Artikel „The Climate Cost of Fashion Weeks Is Bigger Than it Seems“ auf BoF.

Fashion ist Big Business, die Luxusindustrie wird von einer Handvoll Milliardären kontrolliert. LVMH, Kering und Richemont dominieren den Luxus-Fashion-Markt. Ich habe mir einige Shows/Looks für SS 24 angesehen und einiges dazu gelesen. Manches interessant. Manches sehr schön. Manches inspirierend. Auch wenn Luxury Fashion von der Stückzahl her nicht zu vergleichen ist mit Fast Fashion, kommen doch jedes Jahr riesige Mengen an neuen Kleidungsstücken dazu. So viele Brands, so viele Shows – zweimal im Jahr Ready-to-Wear für Damen und Herren, dann Haute Couture, verschiedenste Pre- und Cruise-Kollektionen und Kollaborationen mit Künstlern, Celebrities etc. Da kommt viel zusammen. Im Vergleich dazu bringen Konzerne wie Inditex (Zara, Mango, Massimo Dutti …) bis zu 52 Kollektionen pro Jahr heraus, der chinesische Ultra-Fast-Fashion-Gigant Shein stellt jeden Tag neue Designs online. Bisher darf man ja soviel produzieren, wie man möchte. Bisher auch (fast) ohne soziale und ökologische Transparenzkriterien, vor allem ohne Messung und Offenlegung des CO2-Fußabdrucks. Kaum zu glauben. In der Fashion Industrie herrscht noch der Wilde Westen.fashionweeks (c) gucci_ss_24Bis auf wenige Ausnahmen sind Überproduktion, Überkonsum, Transparenz, Kreislauffähigkeit der Produkte und Nachhaltigkeit kaum ein Thema bei diesen Events. Die Inszenierungen sind aufwendig, die Einladungen dazu ebenso. Der britische, in Berlin lebende, Journalist Alec Leach thematisierte vor kurzem in seinem neu gelaunchten Newsletter auf Substack diese Einladungen. „I can’t help but think how grossly out of touch all this throwaway stuff is. We’ve just experienced the hottest summer in human history, and the fashion industry has taken decades to start even the smallest amount of sustainability work. Can we just give up the merch obsession for thirty seconds and invite people to shows with an email? “ Den Newsletter kann ich übrigens sehr empfehlen, ein Teil des Contents ist gratis, den anderen Teil kann man über ein bezahltes Abo lesen. Ich habe das Abo gemacht, auch weil es eine Möglichkeit ist, guten, unabhängigen Journalismus zu unterstützen. Vielleicht erinnert ihr euch, Alec Leachs Buch „The world is on fire but we’re still buying shoes“ habe ich im Sommer hier vorgestellt. 

Die Fashion-Industrie ist das beste Beispiel, dass Selbstverpflichtung und Freiwilligkeit nicht funktionieren. Wie gesagt, immer mit ein paar löblichen Ausnahmen. So schnell wird sich das wohl auch nicht ändern. Mit dem Green Deal der EU und entsprechenden Regelungen auch für die Textilindustrie wird zumindest versucht gegenzusteuern. Nochmals Rachel Arthur: „Every show sets in motion a marketing machine designed to drive the purchase of new products. It’s the trends these events inspire, the media value they deliver and ultimately the shopping all this encourages that fuels their environmental impact.“fashionweeks (c) miu_miu_spring:summer_2024Meine zweite Anmerkung betrifft einige der Looks. Die Kreativität mancher Designer*innen ist immer wieder eine Überraschung. Auch wenn der ein oder andere beklagt, dass Kreativität weit hinter den Profit-Strategien der Konzerne rangiere. Mode ist immer auch Talent, Kreativität und Innovation. Was nachdenklich stimmt, sind einige ästhetische Trends, die auf mich ziemlich unzeitgemäß und wenig frauenfreundlich wirken. Klar lässt sich argumentieren, dass Mode generell oft wenig emanzipatorisch ist. Aber wir leben immerhin 2023 und nicht in den 1950er Jahren. Und lassen wir auch die Problematik von Trends hier außen vor. Tendenzen sind immer auch ein Ausdruck der Zeit in der wir leben. Die Frage, die sich mir stellt: Was sagen sie aus über uns und unsere Zeit? Shorts haben in der Zwischenzeit die Länge von Unterhosen. Das hat uns wohl Miuccia Prada eingebrockt, als sie 2020 den Micro Skirt sehr erfolgreich gelauncht hat. Der neue Anzug besteht aus Mikro-(unter-)hose und Oberteil – oversized oder nicht. BHs sieht man entweder, weil Oberteil durchsichtig, oder sie werden ganz weggelassen. So viele Nippel hat man selten gesichtet bei Fashion Shows. Soll frau damit Verhandlungen führen? Oder einen Betrieb leiten? Oder an der Supermarktkasse sitzen? Oder auf den Spielplatz gehen? Oder einen Vortrag halten? Und so tun, als hätte sie was an? Der Königin neue Kleider? Oder ist das vielleicht sogar gedacht als Teil der weiblichen Selbstermächtigung? Durchsichtige und einsichtige Ober- und Unterteile in allen möglichen Materialvarianten ziehen sich durch die Kollektionen. Transparenz in der Modeindustrie wäre wichtig, aber leider wird das an der falschen Stelle umgesetzt. An wen richtet sich diese Mode, frage ich mich?fashionweeks (c)valentino + tom_ford_spring:summer 2024Die dritte Anmerkung betrifft die totale Kommerzialisierung des Street Styles. Der war am Anfang interessant und oftmals sehr kreativ. Das ist lange vorbei, auch hier mit wenigen Ausnahmen. Fashion-Marketing-Influencer*innen haben übernommen. Und treiben so den Konsum weiter nach oben. Rachel Arthur: „Perhaps what we need is an equivalent accounting process for fashion marketing. Let’s call it ‘trend emissions’ — a way to measure the impact of the consumption driven by luxury’s image making. This is important because fashion will only hit its sustainability targets by reducing the volume of products it sells. But luxury’s brainprint — from fashion shows to the editorial shoots, ad campaigns and influencer posts they help facilitate — is currently geared to incentivise the opposite, exhorting shoppers to buy into trends that change at lightning speed.“

Das wars für heute. Stay tuned. Bleibt mir gewogen.

Fotos: (1) © Michael Lee/unsplash; (2, 3) © Gucci SS 24/Business of Fashion; (4) © Miu Miu SS 22/Fashionista; (5) © Miu Miu SS 24/Business of Fashion; (6) ©Valentino SS 24/Business of Fashion; (7) © Tom Ford SS 24/Business of Fashion.

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