Food

March 28, 2023

So schmeckt Zukunft: Hof des Wandels

Nadine Pardatscher

Ohne Boden, kein Anbau. Ohne Pflanzenschutz, kein Ertrag. Industrie und Chemie, Pestizid und Herbizid. Also Masse vor Klasse – sicher? Und was, wenn wir gerade dabei sind, den Boden unter unseren Füßen zu verlieren, und wir eigentlich genau den natürlichen und nährstoffreichen Boden brauchen, um eine bodenständige Bevölkerung zu sein, bevor wir zu Boden gehen? Trocken, knapp, intakt, ausgelaugt, ertragsarm, sandig. So könnte zugespitzt die Zukunft unserer Lebensgrundlage aussehen – eine Zukunft die versandet. Gesunde Böden haben eine natürliche Haltefunktion und sind dabei der größte terrestrische Kohlenstoffspeicher auf die mensch Einfluss haben kann, um einer weltweit auftretenden Veränderung des Klimas entgegenzuwirken. 

Mitten in St. Pauls gibt es einen wundervollen Garten. Das vorneweg.
Als ich Lisa Maria Kager 2018 in einem Bozner Café kennenlerne, ist sie freie Journalistin, Yogini und arbeitet auf dem Hof ihrer Eltern mit. Richtig atmen, konzentriert meditieren, philosophieren und nachdenken – positiv denken. Wir unterhalten uns über ihre Ausbildung zur Yogalehrerin und nebenbei erwähnt sie ihr Zukunftsprojekt. Sie und ihr Freund seien gerade dabei ihren Hof umzustrukturieren. Die Äpfel müssen raus und was Neues müsse her: so etwa eine Mischkultur aus Kräutern, Obst und Gemüse nach dem Prinzip der Permakultur – Hof des Wandels. Wir unterhalten uns ein zweites Mal.

Was ist seit unserem letzten Treffen passiert?

Mein Leben war im Wandel, [lacht], ich wurde 2018 schwanger und das Jahr darauf Mami, ich denke, dass dies nicht nur für Mütter, sondern auch für Väter die wohl größte Veränderung im Leben ist, die man erfahren darf. Von einem Moment auf den anderen ist man 24/7 für einen weiteren Menschen verantwortlich und somit ändert sich auch die eigene Lebensstruktur. Wir haben aber großes Glück, weil wir unseren Sohn immer bei uns auf dem Hof dabeihaben und sehen es auch als ein Privileg, so viel Zeit zusammen verbringen zu können und Samen zu säen. Natürlich ist es auch sehr herausfordernd, das Mama-Sein und die Arbeit zu vereinen, ohne dass man das ein oder andere vernachlässigt. Hof des Wandels Bild 3_Meike HollnaicherUnd euer Hofprojekt?

2018 waren wir gerade dabei neue Strukturen anzulegen, aber noch ohne konkrete Idee. Mein Vater hingegen hatte damals schon die Destillation – wir sprechen von Pflanzen, ätherischen Ölen und nicht vom Schnaps – für sich entdeckt. In dieser Zeit arbeitete ich noch als freie Journalistin, Jakob war als Koch tätig und hatte sich um sein Catering-Unternehmen gekümmert. 2019 hatte Jakob einen Kurs für Marketing Gardening beim Briten Richard Perkins, ein innovativer Farmer und Experte für regenerative Landwirtschaft, besucht. Nachdem er nach Hause gekommen war, legten wir drei Tage darauf unseren Market Garden an. Im darauffolgenden Frühling eröffneten wir schon unseren Hofladen. Er ist die direkte Vermarktungsstelle unserer Produkte, mit dem Kräutersektor von meinem Vater und unserem Sektor sozusagen, das heißt frisches sowie verarbeitetes Gemüse. Außerdem bieten wir Gemüse-Abos an und verkaufen Gemüse an die Gastronomie. Mit diesem Prinzip wird nichts vom Gemüse weggeworfen.

Wie funktioniert dieses Abo?

Das Gemüse-Abo ist ein Gemüse-Taschl, welches wir in den Monaten April bis November anbieten. Dabei stellen wir selbst zusammen, was in dieses Gemüse-Taschl kommt: hofeigenes Gemüse sowie Kräuter und künftig auch Obst. Der Inhalt ist immer saisonal, also im Februar gibt’s keinen Kürbis. [lacht] Wir denken es ist unnatürlich, wenn wir Menschen alles ständig zur Verfügung haben und es ist auch sicher interessant, wenn man Lebensmittel ausprobiert, die man noch nicht (gut) kennt. Damit man auch mit Unbekanntem umzugehen weiß, geben wir auch immer ein Rezept hinzu. Abholen kann man das Gemüse-Taschl entweder bei uns am Hof oder Dienstagnachmittag in Lana oder Dienstagabend bei „La Reggiana“ in Bozen. 

Wer arbeitet auf dem Hof mit?

Mittlerweile sind wir schon unglaublicherweise in der vierten Saison und ich bin stolz darauf, dass die ganze Familie jetzt das dritte Jahr Vollzeit auf dem Hof arbeitet. Und das bei nur einem Hektar, bedenkt man, dass viele andere Bauern weit größere Flächen zur Verfügung haben oder sich einem Nebenjob widmen müssen.Hof des Wandels (c) David Klotz + Lisa Maria KagerWie wird dieser 1 Hektar konkret genutzt?

Wir haben 1.000 m2 reine Beetfläche, wo Gemüse angepflanzt wird, Gehwege sind also nicht einberechnet. Dieses Jahr haben wir eine Kapazität für 100 Abos und beliefern 5 Gastronomiebetriebe und bespielen den Hofladen. Die Obstbäume sind noch recht jung und somit decken sie erstmals den Eigengebrauch.Hof des Wandels Bild 1_Lisa Maria KagerUnd die Bewirtschaftung erfolgt nach dem Prinzip der Permakultur?

Ja genau, wobei ich es bevorzuge zu sagen, dass wir nach den Ansätzen der regenerativen Landwirtschaft arbeiten und zwei verschiedene Sektoren haben, den Gemüse- und den Kräutergarten. Dabei versuchen wir, den Boden so wenig wie möglich zu bearbeiten, um ihn und die Organismen zu schonen. Mir ist es auch ganz wichtig, nicht mit bio gleichgestellt zu werden. Es gibt eine konventionelle Landwirtschaft, die eine konventionelle Idee verfolgt, die Biolandwirtschaft, die eine biologische Idee verfolgt und die regenerative Landwirtschaft – jene, die wir betreiben. Bei uns ist alles unbehandelt. Keine Pestizide, Herbizide oder Düngemittel.
Beim Bioanbau wurde im Gegensatz zur herkömmlichen Landwirtschaft sehr vieles verbessert, indem die Natur genauer beobachtet wird und Biobauern bereits integrativer arbeiten. Dennoch werden Pflanzen behandelt und für mich persönlich geht dieser Gedanke einfach noch zu wenig weit in Richtung ganzheitliche Landwirtschaft.
Dabei geht es ja genau genommen um das Speichern von Kohlenstoff in der Erde … und das ist eigentlich der Job vom Bauer. Er muss dafür sorgen, die Pflanzen in die Erde zu setzen. Die Pflanzen sind unsere Partner, welche den Kohlenstoff durch Photosynthese speichern. Unser größtes Problem heute ist, dass wir zu viel Kohlenstoff in der Luft haben, und dieser sollte von den Pflanzen langfristig im Boden gespeichert werden … das funktioniert wiederum nur über einen humusreichen Boden.

Gibt es Nachteile in eurem Anbausystem?

Nachteile gibt es in jedem System, aber ich denke, die sind ziemlich kontextabhängig. In unserem Fall ist es so, dass wir ein kleines Feld bewirtschaften und keine Waldfläche bzw. nur einen kleinen Waldstreifen haben. Wenn ich beispielsweise Hackschnitzel oder zusätzlichen Kompost brauche, ist dies ein Input, der von außen kommen muss. Das wären vielleicht Nachteile in unserem Kontext, aber kein Nachteil fürs ganze System. Das heißt, (wenn man es überhaupt als Nachteil bezeichnen möchte), dass man von A bis Z alles selber denken muss. Es gilt, Konzepte der Natur zu durchschauen, sich mit Chemie zu beschäftigen und wirklich zu tüfteln, um auch für jedes Problem eigenständig eine Lösung zu finden.

Woher holt ihr euer Wissen, wenn ihr nach Lösungen sucht?

Ich habe das Glück, dass mein Partner sehr wissensdurstig ist und er außerdem die Fähigkeit hat, Gelerntes extrem schnell umzusetzen. Er holt sich Wissen über Kurse, Bücher, Podcast, Youtube-Videos, TED Talks. Am prägendsten war sicherlich Richard Perkins für uns, aber auch Allan Savory oder Joel Salatin sind wichtige Wegbegleiter.

Und zum Abschluss: Wie sieht’s mit Yoga aus?

Das lass ich mir nicht nehmen! Irgendwo muss ich ja predigen. [lacht]

 

Ein für und mit der Natur arbeiten – nicht gegen sie. Danke Lisa. Schau vorbei am Hof des Wandels. Das Taschl voll Gemüse gibt’s hier.

Fotos: (1, 2) (c) Meike Hollnaicher; (3) David Klotz; (4, 5) (c) Lisa Maria Kager; Video (c) Kiwitree.

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