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December 16, 2020

Wie werden wir einkaufen? – Die Zukunft des Shoppings

Susanne Barta

Ich lese gerne kreuz und quer. Was mir gerade häufig begegnet, sind Ausführungen und Analysen über die Zukunft des Einzelhandels. Denn mit dem schaut es angeblich ganz und gar nicht gut aus. Natürlich ist vieles nur Spekulation. Aber Corona hat beschleunigt, was sich bereits abzeichnete. Der digitale Shift ist längst da, hat aber an Tempo zugenommen. Die Online-Käufe sind in den letzten Monaten stark gestiegen. Der Mode-Einzelhandel, raunt es an allen Ecken und Enden, wird nie mehr dorthin zurückkehren, wo er vor Corona war. Prominente internationale Pleiten wie Neiman Marcus, JCrew oder Topshop weisen in eine ungewisse und herausfordernde Zukunft.

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Corona hat uns ja immer noch, und vermutlich um einiges länger als gedacht, fest im Griff. Corona wird die Entwicklung im Detailhandel jedenfalls weiter spalten, habe ich auf einer Schweizer Plattform gelesen. „Während Läden in Innenstädten sowie vor allem die Fashionbranche stärkere Einbußen haben werden, rechnen Online-Händler und die Paketbranche mit Rekordzahlen.“ Online-Shopping hat viele Händler halbwegs über die Krise gebracht. Aber steigende Online-Verkäufe bedeuten auch mehr Transportemissionen und Verpackungsmüll. „Allein in Europa wird erwartet, dass sich die Wachstumsrate der Online-Mode in diesem Jahr verdreifachen und mehr als 20 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen wird – das entspricht einem Wachstum von fünf Jahren in etwa sechs Monaten“, lese ich bei Business of Fashion. Die Bestellungen werden größtenteils in Pappe oder Plastik verpackt und dann auf Lastwagen, Flugzeuge und Schiffe verladen. Viele werden wieder zurückgeschickt, was eine weitere Reise um die halbe Welt bedeutet, bevor sie dann oft auf einer Deponie landen. Allerdings arbeiten bereits viele Marken daran, den E-Commerce nachhaltiger zu machen. Hoffentlich mit Erfolg.

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Weltweit planen Konsumentinnen und Konsumenten für die Festtage weniger Geld auszugeben. Laut Umfragen vermissen sie den Konsum nicht. Kopf in den Sand stecken und hoffen, dass alles wieder back to normal geht, denke ich, ist die Zeichen der Zeit zu verkennen. Jetzt ist also Kreativität gefragt. Dass an Digital kein Weg vorbeiführt, ist vielen in der Zwischenzeit klar. Ob man das nun mag oder nicht. Dennoch glaube ich, gibt es viele Möglichen, den stationären Einzelhandel spannend und attraktiv zu gestalten. Vor allem mit Zusatzangeboten. Gerade in der Mode ist es doch so, dass es Spaß macht, ein Kleidungsstück anzugreifen, anzuprobieren, den Stoff zu fühlen. Analog muss also noch lange nicht vorbei sein.

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Wie könnte das Modegeschäft der Zukunft aussehen? Ich gehe mal von mir aus: Ich wünsche mir ein Geschäft mit überschaubarem Angebot, mit Qualitätsprodukten von Brands, die sich auf den Weg gemacht haben, nachhaltiger und fairer zu produzieren. Ich wünsche mir Verkäufer*innen, die wissen, was, wo und wie produziert wurde, woher die Materialien stammen und welche Eigenschaften sie haben. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, also lassen wir das außen vor. Ich wünsche mir einen guten Repair Service, auch die Möglichkeit Kleidungsstücke umzunähen, vielleicht für die nächste Saison etwas anzupassen. In das Geschäft könnte zum Beispiel eine Schneiderei integriert sein. Viele Kund*innen sind ziemlich verloren, wenn es darum geht, was kleidermäßig zu ihnen passt, was ihnen steht. Dafür könnte es Style-Berater*innen geben, die den Kunden nicht einfach was aufdrücken wollen, sondern auf den jeweiligen Typ, Stil eingehen, wenn gewünscht, die Capsule Collections zusammenstellen, mit dem Kleiderschrank ihrer Kund*innen arbeiten können. Wenn man weit ausschweift, könnten auch Ernährungsberatungsangebote oder Coaching oder Social Media Unterstützung angeboten werden.

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Kleidung kaufen soll wieder etwas für den Long Run werden. Verdient wird so nicht nur auf das Produkt, sondern auch auf die Dienstleistungen. Trendforscher sagen, die Entwicklung geht immer mehr vom Produkt zum Erlebnis. Das habe Corona etwas gebremst, erwartet wird aber, dass sich diese Entwicklung fortsetzt. Sitzmöglichkeiten, Kaffee/Tee, angenehme Launch-Atmosphäre, Kunst, zeitgemäß, individuell designte Geschäfte, Lieferservice … das ist ja alles nicht neu. Wirklich coole Geschäfte aber fallen mir in Bozen nur wenige ein. Das sollte natürlich nicht in die Richtung gehen, dass nun alle auf Concept Store machen und damit wieder austauschbar werden. Weniger Probleme, denke ich, haben diejenigen, die ein klares Profil haben. Mein Highlight ist hier das legendäre Kurzwarengeschäft Gasser unter den Bozner Lauben. 

Ich bin davon überzeugt, dass der Einzelhandel nur Überlebenschancen hat, wenn er sich neuen Konzepten öffnet und vor allem im Dienstleistungsbereich was drauflegt. Zur Ideenfindung könnte man zum Beispiel die November-Ausgabe von Brand 1 zum Thema „Handel.t“ in die Hand nehmen, da ist wirklich viel drin. Zum Beispiel ein interessantes Laden-Konzept. Das Geschäft fungiert hier wie eine Galerie, Brands können sich einmieten, man kann die Produkte im Shop anschauen, angreifen, sich informieren. Inszeniert werden Markenprodukte von der Kaffeemaschine, über Kunstwerke, Hometrainer, Modeartikel, Grasmähroboter bis zu zwei Oldtimer Porsche. Bestellt wird online. Stationärer Handel muss ein Erlebnis sein, davon sind auch diese Pioniere überzeugt.

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Für meine Weihnachtseinkäufe habe ich versucht möglichst lokal zu bleiben und nachhaltige Projekte zu unterstützen. Die Neumarkter Brand (mit Shop) The Bad Seeds Company hat zum Beispiel neben ihren Hanf-Jeans und nachhaltigen Streetwear-Teilen eine neue Hanf-Kosmetiklinie gelauncht. Südtirol hat im nachhaltigen Lifestyle-Bereich in der Zwischenzeit einiges zu bieten. Mehr dazu findet ihr in meinen Artikeln Local Stores – Local Stories #1 und Local Stores – Local Stories #2.  

Wenn die meisten von uns, was anzunehmen ist, in Zukunft weniger Geld zur Verfügung haben werden, dann ist es naheliegend, dass ich mir besser überlege, wofür ich es ausgebe, wo ich es ausgebe, was ich brauche, was nicht, wie lange die Produkte halten, wie gut man sie reparieren kann … Mal sehen, wie der Einzelhandel darauf reagieren wird. 

Alle Fotos © unsplash 

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