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April 14, 2020

„Diese Krise darf nicht auf Kosten der Letzten in der Kette gehen“ – Bettina Musiolek

Susanne Barta

Bettina Musiolek engagiert sich seit 25 Jahren bei der „Clean Clothes Campaign“, ein Netzwerk, das sich für die Rechte der Arbeiter_innen in den Lieferketten der internationalen Modeindustrie einsetzt. Die Ökonomin hat die deutsche Plattform „Kampagne für Saubere Kleidung“ 1995 mitbegründet.

Bettina Musiolek lebte und arbeitete in Tansania, den USA und an verschiedenen Orten Deutschlands. Ihre Schwerpunkt-Themen sind Globalisierung und (Frauen-)Arbeit, Mode und Menschenrechte, Zukunft der Arbeit und der Sozialsysteme sowie neue transnationale Menschen- und Arbeitsrechts-Akteure. Clean Clothes hat sehr schnell auf die Corona-Krise reagiert und stellt auf ihrer Website Informationen zu den Auswirkungen der Krise auf die Textilindustrie zur Verfügung.

Frau Musiolek, wenn Sie zurück und auf heute schauen, wie schätzen Sie die Fortschritte der Clean Clothes Campaign ein?

Immer mehr Menschen in Produktionsländern wie Serbien, der Ukraine, Bangladesch oder Indien engagieren sich für die Rechte der Arbeiter_innen. Auch in den so genannten Konsumländern ist das so. Vor allem sind es immer wieder junge Leute. Gleichzeitig gibt es „Oldtimer“ wie mich, die Kontinuität und Umsetzung von Erfahrungswissen in der Kampagne sicherstellen. Gut ist auch, dass wir die Brands in gewisser Weise erziehen konnten. Das zeigt sich jetzt auch in der Corona-Krise, wo genau geschaut wird, wie wir hier agieren. Wir sind gut vernetzt in den Produktionsländern, haben sofort Informationen zur Hand, die wir dann auch veröffentlichen. Die Modebranche ist dank der Clean Clothes Campaign die am weitesten fortgeschrittene Branche: Das Akteurs-Gefüge und das Bewusstsein der Modemarken über ihre menschenrechtliche Verantwortung sowie die Bedeutung von Stakeholder-Gesprächen sind relativ weit entwickelt. Es wird sich keine Modemarke mehr hinstellen und sagen, sie habe keine Verantwortung in der Lieferkette. Das ist in anderen Branchen überhaupt nicht üblich. Das Bewusstsein vieler Brands hat sich in Folge des jahrelangen Wirkens der Clean Clothes Campaign verändert. Sie ist heute als Kampagne auch viel größer, kreativer und vernetzter. Bisher hat sich für die Arbeiter_innen aber nur punktuell etwas geändert. Jetzt müssen wir dorthin kommen, dass sich für die Arbeiter_innen wirklich etwas ändert.

Bettina Musiolek von der Evangelischen Akademie in Meissen auf einer Tagung am 23.01.2010 im Deutschen Hygienemuseum in Dresden. Foto: momentphoto.de/Oliver Killig

Welche Auswirkungen hat und wird die Corona-Krise haben?

Das grundsätzliche Problem in der Branche ist, dass versucht wird, alles auf die Arbeiter_innen abzuwälzen. Die Brands bezahlen lausige Preise und die gehen eher zurück, als dass sie steigen. Steigen aber tun die Anforderungen. Die Brands fordern alle möglichen Zertifikate und Standards ein. Das Abwälzen aller Risiken des Geschäfts auf die Arbeiter_innen ist auch jetzt massiv da. Ich habe gerade mit Kollegen aus der Türkei gesprochen, da werden flächendeckend Betriebe zugemacht, weil die Aufträge storniert werden. Dort wird kein Kurzarbeitergeld an die Beschäftigten gezahlt oder Unterstützung angeboten. Und ihre Armutslöhne haben es ihnen auch nicht erlaubt, etwas für Notfälle zurückzulegen. Für die Fabrikbesitzer gibt’s immer irgendeine Unterstützung, nicht aber für die Beschäftigten. Unsere Hauptbotschaft muss daher sein, dass diese Krise nicht auf Kosten der Letzten in der Kette gehen kann. Wir fordern die Modemarken auf, keine Aufträge zu stornieren und ihre Lieferanten dabei zu unterstützen, persönliche Schutzmaßnahmen für die Beschäftigten zu schaffen und keine Lohnausfälle zuzulassen.

Sie betonen immer wieder, dass Kleidung aus Europa nicht fairer produziert wird als in Asien …

Die Bedingungen in Asien und Europa sind zum Teil sehr ähnlich, wie wir aus verschiedenen Recherchen herausgefunden haben. Es gibt ständig Produktionsverlagerungsprozesse in den globalen Produktionsnetzwerken. Für die Firmen ist es relativ egal, ob sie in Indien oder in der Ukraine herstellen lassen. Letztlich vielleicht nicht ganz egal, weil die Entfernung doch etwas ausmacht. Italienische Marken zum Beispiel lassen vor allem auf dem Balkan produzieren. Tausende albanische Betriebe etwa produzieren für italienische Brands. Dabei geht es aber nicht um Länder gegen Länder. Es sind Standorte, die im globalen Netzwerk eine Funktion haben. Insofern gibt es auch immer Bewegungen. Eher geht die Produktion in Osteuropa zurück. Der Boom war Anfang der Nullerjahre, weil die Löhne niedriger waren als in China und ein extrem arbeitgeberfreundliches Klima herrscht. Jetzt geht es zurück, weil auch dort niemand mehr unter diesen Bedingungen arbeiten möchte. Die Kluft zwischen den Löhnen der Näherinnen und dem, was sie für eine gesicherte Existenz verdienen müssten, ist in Europa tendenziell höher als in Asien. In der Ukraine und Bulgarien beispielsweise ist das Verhältnis 1 zu 5: Der Lohn ist ein Fünftel eines existenzsichernden Einkommens.

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In einigen Ländern gibt es bereits Ansätze eines Lieferkettengesetzes, andere diskutieren darüber. Worum geht’s da?  

In Deutschland setzen wir uns für ein Gesetz ein, das entlang der Lieferkette eine menschenrechtliche Sorgfaltspflicht einfordert, das gibt es in Frankreich schon ansatzweise. Auch in der Schweiz, Österreich, Niederlande und Italien gibt es Initiativen in diese Richtung. Das ist das Eine. Das Andere ist Transparenz in Lieferketten. Also dass Brands ihre Zulieferer nach dem Transparency Pledge https://transparencypledge.org veröffentlichen. Das ist eine weltweite Initiative, die Anforderungen entwickelt hat für die Veröffentlichung der Lieferanten. „Esprit“ macht das zum Beispiel. Aber es sind wenige deutsche und übrigens noch weniger italienische Marken dabei.

Sehen Sie Möglichkeiten der Veränderungen durch die Krise?

Ich glaube nicht, dass es besser wird, es wird eher schlechter werden. Denn Corona ist der Vorwand für alles. Auch der Vorwand dafür, dass man jetzt zum Beispiel den Unternehmen kein Lieferkettengesetz aufbürden darf. Es geht alles in eine unternehmensfreundliche Richtung, einige nutzen das bereits schamlos aus.

Sie sind sehr kritisch gegenüber der Bezeichnung „faire“ Mode. Was stört sie da?

Es wird gerne und viel von fairer Mode geredet. Sie lässt ja gerne auch in Europa herstellen. Aber ich habe noch keinen einzigen Betrieb gefunden, und ich recherchiere seit vielen Jahren mit Partnern in den entsprechenden Ländern in Ost- und Südosteuropa, der fair produzieren würde. Ich tue mich schwer mit den Claims, die da erhoben werden und die sich nur an die Konsumenten richten und von denen die Arbeiter_innen gar nichts haben. Ich konnte bisher noch keine Übereinstimmung mit der Realität feststellen. Die so genannten fairen Brands unterscheiden sich in der Produktion in nichts. Das Kriterium ist, welche Preise sie an die Lieferanten bezahlen. Bei allen Fabriken, auf die wir gestoßen sind, die zum Teil auch GOTS zertifizierte Kleidung produzieren, haben wir schlimme Arbeitsrechtsverletzungen festgestellt.

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Ist es überhaupt möglich „gut“ zu produzieren?

Natürlich ist das möglich. Aber es ist eine Frage des Einkaufspreises. Die Brands gehen in diese Länder, weil es dort gewerkschaftsfreie Zonen gibt, sie Preise bezahlen können, die unter jeder Kritik sind. Der Kern des Problems sind die Einkaufspreise der Marken. Von diesen Preisen hängt ab, ob die Produktion menschenrechtlich sauber herstellen kann oder nicht. Deshalb ärgere ich mich auch über öffentliche Diskussion, wonach Fast Fashion Brands wie Kik oder Primark die Schlimmsten seien. Ich habe Produktionen von Luxusbrands gesehen, die schlimmer waren als jede H&M-Produktion. Nur sind die finanziellen Schnitte der Luxusbrands viel größer. Die italienischen Luxusbrands gehören mit zu den unverantwortlichsten in der Branche. 

Wie ließe sich das verbessern?

Es braucht Gesetze für alle. Es gibt bereits Unternehmen, die wesentlich weiter sind als andere. Diese Brands beschweren sich auch immer wieder bei uns, dass sie soviel tun, die anderen aber „business as usual“ machen und das auch geht. Deshalb braucht es Spielregeln, die für alle gelten. Freiwillige Initiativen helfen den Beschäftigten offensichtlich nicht.

 

Fotos: (1) © Yevgenia Belorusets; (2) © O_Killig; (3 + 4) © Yevgenia Belorusets 

 

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