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March 25, 2020

Die Zukunft ist ungewiss

Susanne Barta

Es ist noch zu früh darüber zu sprechen, welche Industrie von der Corona-Pandemie am meisten betroffen sein wird. Dass die Textilindustrie aber ganz vorne mit dabei ist, ist bereits absehbar. Ich wollte mit jemandem darüber sprechen, der Lieferketten überblickt und auch die Produktionsbedingungen gut kennt, vor allem in nichteuropäischen Ländern. Marina Chahboune ist Nachhaltigkeitsmanagerin im Textilproduktionsbereich. Die Deutsche lebt in Indonesien und begleitet mit ihrem Team vor allem Betriebe vor Ort. Auch in Bangladesch arbeitet sie viel. Marina ist Schneider- und Schnittmacherin, hat Modedesign mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit studiert und einen Master für nachhaltige Textilproduktion absolviert. Nach Arbeitserfahrungen bei verschiedenen Brands hat sie sich selbstständig gemacht, zunächst mit „Beyond Fashion Consulting“, dann mit „Closed Loop Fashion Consulting“ (Website wird gerade überarbeitet). Das Gespräch mit Marina war so interessant, dass ich sie gefragt habe, ob sie nicht das ein oder andere Webinar halten könnte?

Marina berät Fabriken mit einem großen Produktionsvolumen. Brands, wie H&M und Uniqlo zum Beispiel, kommen mit Kriterienkatalogen im Sozial- und Umweltbereich, die diese Firmen erfüllen müssen. Marina schaut sich an, was schon gemacht wird und was nicht, und begleitet die Produktionsbetriebe dabei, die geforderten Ziele zu erreichen. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf Chemikalienmanagement, Sicherheit am Arbeitsplatz, textilem Abfallmanagement und Ablaufoptimierung, um Ressourcen einzusparen. Auch Faser- und Materialentwicklung ist ein wichtiges Thema.

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Die Corona-Krise wird die Textilindustrie entlang der gesamten Lieferkette stark treffen, sagen Branchenkenner. Was beobachtest du Marina?

Corona war plötzlich da, niemand war darauf vorbereitet und ich sehe durch die komplette Lieferkette, dass alle am Schwanken sind und sich noch nicht in der neuen Situation gefunden haben. Es ist also noch etwas zu früh, um vorauszusagen, in welchem Maße die Textilindustrie betroffen sein wird. Einige Hauptmärkte, vor allem im Retail, brechen weg, andere, wie zum Beispiel der chinesische Markt, kommen bereits wieder zurück. Es entwickelt sich global ja unterschiedlich. Die Textilindustrie ist sehr arbeitsintensiv, sie beschäftigt Millionen von Menschen. Die Fabriken, die den Großteil dieser Menschen anstellen, arbeiten meist mit sehr geringen Margen und Betriebskapital und „on demand“. Auf eine solche Situation war niemand vorbereitet und es sind wenig Geldmittel da. Schon nach so kurzer Zeit zeichnet sich ab, dass die Textilproduktionsbetriebe, je nachdem wie die Länder aufgestellt sind, teilweise sehr schwer getroffen sind. Es hängt natürlich davon ab, welches Produktionsland man anschaut und welches Produkt hergestellt wird. Bangladesch zum Beispiel ist spezialisiert auf „ready made garments“ und deckt damit hauptsächlich den Schritt der Kleidungsproduktion in der Lieferkette ab. Der direkte Kunde ist der Handel und wenn der zusammenbricht, die Brands ihre Bestellungen stornieren, bleiben diese Betriebe auf zum Teil schon produzierten Aufträgen sitzen. Bangladesch trifft es also voraussichtlich härter (mehr dazu könnt ihr hier nachlesen). In Indonesien, wo ich vor allem arbeite, ist das etwas anders, weil die ganze Lieferkette im Land dargestellt ist – vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt. Es gibt weniger Abhängigkeiten, es kann also noch produziert werden. Einige Firmen hier haben schon begonnen ihre Produktion auf Masken und Schutzbekleidung umzustellen, andere profitieren von noch geschlossenen Fabriken in China. Viele Brands haben ihre laufenden Aufträge aus dem weltweit größten textilproduzierenden Land abgezogen und in anderen Ländern, wie hier in Indonesien, platziert.

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Fast-Fashion-Brands wie H&M und ZARA bringen fast wöchentlich neue Kollektionen in die Shops. Die meisten sind derzeit geschlossen, für wie lange wissen wir nicht. Fallen einige Kollektionen heuer einfach aus?

So wie es aussieht, wird eine komplette Saison ausfallen und man zu einem späteren Zeitpunkt wieder einsteigen. Ob das funktionieren kann, ist aber fraglich, denn die meiste Ware ist schon produziert, zum Teil ausgeliefert und liegt bereits in den Läden. Es kann sein, dass die nur über Online-Kanäle verkauft wird, wahrscheinlich mit viel weniger Stückzahlen. Bei Gesprächen, die ich in den letzten Tagen geführt habe, bekam ich auch mit, dass viele schon für die nächste Saison produziert haben und nun auf ihrer Ware sitzen bleiben. Die „großen Gewinner“ sind derzeit die Discounter, die neben Lebensmitteln auch Kleidung führen. Aber auch Anbieter, die ihr Firmenkonzept hauptsächlich auf E-Commerce ausgelegt haben. 

Diese Zeit bringt Veränderungen und neue Erfahrungen auf allen Ebenen. Auch in unserem Konsumverhalten. Nehmen wir da etwas mit, denkst du, oder geht’s weiter wie bisher?

Ich denke schon, dass sich das, was wir gerade erleben, im Kaufverhalten widerspiegeln wird. Aber die Menschen werden unterschiedlich reagieren. Bei vielen gibt es bereits finanzielle und existenzielle Unsicherheiten. Das sind Zielgruppen, die wegfallen, weil sie auch nachher wenig Interesse haben werden zu kaufen. Was aber vielleicht auch dazu führt, dass einige merken, dass sie gar nicht so viel brauchen und es nicht wichtig ist, immer die neuesten Trends zu tragen. Es gibt aber auch Voraussagen, dass viele voll Überschwang wieder tun werden, was sie vorher nicht tun konnten und sich nicht mehr daran erinnern, dass sie eigentlich längere Zeit nur ganz wenig gebraucht haben. Meine Schwester arbeitet für einen sehr großen E-Commerce-Konzern in Deutschland, der viele deutsche Labels präsentiert und die haben online gerade einen höheren Absatz zu verzeichnen als sonst. Es gehen jetzt also auch viele online shoppen.

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Könnte diese Erfahrung für die Branche eine Chance sein, Businessmodelle zu überdenken, und nicht ganz so überhitzt weiterzumachen wie bisher?

Das glaube ich auf jeden Fall. Es ist schockierend zu sehen, in wie kurzer Zeit die Textilindustrie ins Schwanken geraten ist. Das zeigt, wie ungesund die Branche aufgestellt ist, wie ungesund die Machtverhältnisse sind und wie abhängig man von seinem Vorder- und Hintermann in den heute immer noch vor allem linear geführten Produktionsketten ist. Das zeigt sich so deutlich wie noch nie. Die ganze Macht liegt bei den Brands und wenn man in der Lieferkette weiter unten ist, hat man keinen Einfluss. Auch Nachteile der Globalisierung der Textilindustrie werden nun deutlich. Es wird offensichtlicher denn je, dass man sich so in Zukunft nicht mehr aufstellen kann. Viele Brands haben sofort auf Lieferstopp gestellt, bezahlen gefertigte Ware nicht und bringen damit viele Fabriken in existenzielle Schwierigkeiten. Die Brands ziehen sich aus der Verantwortung, bisher ohne Konsequenzen. Die Fabriken, die diese Zeit überleben, werden sich anders aufstellen müssen. Derzeit ist es so, dass die Produktion in Vorkasse geht, die Ware wird produziert und ausgeliefert, nach bis zu 120 Tagen erfolgt dann erst die Zahlung. Die Bekleidungskonzerne verdienen Milliarden. Die meisten sind in westlichen Ländern angesiedelt, in Ländern, wo es für die Mitarbeiter Sozialsysteme gibt, die vieles abfangen werden. Die Arbeiter in den Entwicklungsländern werden nicht aufgefangen. In einem System, in dem wir bestimmte Werte leben, ist das nicht verantwortbar.

Die nachhaltige Modebranche ist kleinteiliger strukturiert als die konventionelle Branche. Werden viele Labels verschwinden?

Ich befürchte, wenn ich mich so umhöre, dass es bei vielen wenig Puffer gibt, bei Verdienstausfall über die Runden zu kommen. Ohne staatliche Unterstützung könnten wir viele Labels verlieren. Viele sind so klein, dass sie auch keine Online-Shops haben und sich nicht so schnell umstellen können. Aber ich sehe auch, dass einige sehr kreativ neue Wege gehen. Vor allem Social Media wird als Tool genutzt. Community Building und Solidarität, das braucht es jetzt.

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Marina arbeitet seit über zwei Wochen im Homeoffice. Die Arbeiterinnen und Arbeiten dürfen noch in die Fabriken, sie darf nicht mehr reisen. Aber schon vor dem „Lockdown“ hat sie geholfen, vieles umzustellen, entsprechende Maßnahmen am Arbeitsplatz einzurichten und Hygienemaßnahmen zu setzen. Jetzt läuft alles nur mehr telefonisch und online. Wie lange die weltweite Corona-Erfahrung noch anhält weiß keiner. Man kann nur mit Bill Gates hoffen: „Whereas many see Corona/Covid-19 virus as a great disaster, I prefer to see it as a great corrector“. #istayathome #bettertogether #solidarität #letsmakeecothenewnormal 

Fotos (1–5): © Closed Loop Fashion, fotografiert von Manuel Bergmann 

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