Fashion + Design > Fashion

September 25, 2019

Meine Freundin Martina und die Mode: Teil 2

Susanne Barta

Martina Drechsel lebt in Bozen und München, ist Designerin und Künstlerin und derzeit vor allem im Bereich Visual Thinking unterwegs. Sie erkennt sofort, wo sich welcher Designer seine Inspirationen holt bzw. zitiert oder kopiert. Sie hat „sechs Jeans ihres Vertrauens“, liebt Kleidung als Uniform und fragt sich wieso ein Hintern 20 Jeans haben muss? Im ersten Teil ging es um die Wertschätzung von Kleidung, den Instagram-Auftritt ihrer Mutter und um die Rolle von Stylisten und Influencerinnen. Nun geht es weiter.

Was bedeutet Mode für dich Martina?

In erster Linie Spaß.

Auch Ausdruck deiner selbst?

Weniger. Obwohl jeder versteht, der mich anschaut, dass ich wohl zu der Gruppe der Kreativen gehöre. Bei einem Design-Event oder einer Kunstmesse falle ich nicht weiter auf. So individuell, wie viele glauben, ist das alles nicht. Es gibt ein sehr gutes Buch des Fotografen Hans Eijkelboom, der 20 Jahre lang Menschen auf der Straße fotografiert hat, um zu zeigen, dass Individualität, von der wir denken, dass wir sie haben, so nicht existiert.

Roland Barthes interpretiert in seinem Text „Die Sprache der Mode“ Kleidung als paradoxes „Zeichensystem“, in dem Mode zugleich das Bedürfnis nach Individualität als auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe markiert … Wie definierst du das für dich?

Was ich anziehe, muss mir gefallen und ich muss mich wohlfühlen. Mittlerweile habe ich für mich das gefunden, wo ich in der Früh ohne nachzudenken hineinsteigen kann, meine Uniform sozusagen. Ich habe sechs Jeans meines Vertrauens und vier, fünf Pullover, die dauernd in Betrieb sind. Ich flicke und pflege sie, so lange es geht. Etwas auszuwechseln ist jedes Mal hart. Bei diesen Sachen weiß ich, dass alles stimmt. Kleider, in denen man sich gut und passend gekleidet fühlt, sind wie eine Rüstung. Man fühlt sich aufgehoben und beschützt. Wir Frauen sind so ja oft unsicher. Männer verschwenden kaum Zeit für Negativgedanken bezüglich Figur und Outfit. Sie steigen in der Früh in ihren Anzug und gehen zur Tür hinaus. Uniformen sparen Zeit und Kraft.

Eine, die das geschafft hat, ist Angela Merkel.

Sie hat ihre Uniform gefunden und es geschafft, dass niemand mehr ein Wort über ihre Kleidung und ihre Frisur verliert. Diese Frau hat keine Zeit zu verlieren. Das ist eine Errungenschaft! Diesen Merkel-Moment brauchen wir alle.

Ist Nachhaltigkeit ein Thema für dich?

Ja natürlich. Ich kaufe wenig und trage alles, so lange es geht. Ich nenne das „Archive-Fashion“, alles aus dem eigenen Archiv.

Das Konsumrad läuft ja immer schneller …

Früher war Kleidung teuer, jetzt nicht mehr. Mir kommt das ein wenig vor wie das sprichwörtliche Opium für das Volk. Eine „Ruhig-halte-Methode“. Man kann sich heute 100 Jeans kaufen, jeden Tag neu einkleiden, aber eine Wohnung kann man sich kaum leisten. Das sind Ablenkmanöver durch Konsum von den wirklichen gesellschaftlichen Problemen. Aber was macht man mit einem Hintern und 20 Jeans? Es wird ein Moment kommen, wo die Leute genug davon haben. Aber natürlich redet da jemand mit 50, der 30 Jahre lang konsumiert hat. Jetzt kommen Afrika und Asien und möchten konsumieren.

Hält die Welt das aus?

Vermutlich nicht. Aber man muss etwas finden, wie man das in den Griff bekommt. Ist ja nett, dass wir in Europa beginnen umzudenken. Aber das reicht nicht. Schafften wir es, ein anderes Angebot zu entwickeln? Andere Schwerpunkte zu setzen?

Du verfolgst die Entwicklungen der Mode seit vielen Jahren. Hat sich in Bezug auf Nachhaltigkeit etwas verändert?

Es tut sich viel, aber es ist ein Monster-Projekt. Denn es braucht die Politik, die Produzenten und die Konsumenten. Was man als Konsument tun kann, ist, seine Sachen gut auszuwählen, lange zu tragen und dann weiterzugeben. So wie meine Mutter das macht. Früher war das aber eher möglich, weil die Qualität der Kleidung viel besser war. Die Branche heute ist überhitzt. Die Kleidermengen, die unzähligen Fashion-Shows … Aber vielleicht gibt es ja einen Ausweg, Hilfe für diesen großen Hunger nach dauernd neuen Bildern, der durch Social Media ständig am Laufen gehalten wird. Schon jetzt kaufen Jugendliche Outfits nur für ihre Digital-Persona. Man könnte also in seine Digital-Persona investieren, sie mit besonderen Stücken ausstatten, zum Beispiel einem Kleid von Valentino. Das wäre nachhaltig. Ich würde da gerne mitmachen, würde mich austoben mit viel weniger Geld.

Ist Mode nicht auch angreifen, fühlen und vor allem tragen von Textilien? Lässt sich das ersetzen?

Es geht nicht um Ersetzen. Es geht hier mehr darum, wie ich für die anderen wirke, wie ich mich über Mode darstelle.

Du beschäftigst dich seit langem intensiv mit Bildsprache. Kennst die Referenzen der Designer … Sieht man sich irgendwann ab?

Wenn ich heute online Fashion-Shows anschaue, versuche ich das mit einem frischen Blick zu tun. Ich habe ja schon sehr viel gesehen. Einfach nur genießen, das habe ich mir erhalten. Wie gesagt, das meiste ist ja bereits da gewesen. Aber es gibt Leute, die können sich sehr gut stylen und das auch mit selbstbewusster Haltung und Eleganz tragen. Ich frage mich derzeit immer wieder, ob sich die Modesprache nicht bereits erschöpft hat? Wir befinden uns in einer Umbruchphase, sind noch nicht soweit, dass es Materialien für den Massenmarkt gibt, die auch Neues können, zum Beispiel die Farbe, das Muster, die Form zu verändern. Wir sind noch im Referenz-Stau. Deshalb braucht Mode heute wohl immer mehr Inszenierung, Kunst und Kultur, um sich zu verkaufen. Mode alleine reicht nicht mehr. Alles ist aufgeladen. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

 Susanne Barta_Foto_2a

Martina und Susanne haben aus dem jeweils eigenen Kleiderschrank geshoppt. 

Print

Like + Share

Comments

Current day month ye@r *

Discussion+

There are no comments for this article.

Archive > Fashion