Meine Freundin Martina und die Mode: Teil 1

Martina Drechsel lebt in Bozen und München, ist Designerin und Künstlerin und derzeit vor allem im Bereich Visual Thinking unterwegs. Seit vielen Jahren surft sie online durch die Mode- und Designwelt. Sie fragt sich warum es keine Mode-Tageszeitung wie die „Gazzetta dello Sport“ gibt, denn gut gekleidet zu sein ist eine komplexe Sache. Der schnellen und billigen Mode kann sie nichts abgewinnen. Das hat sie von ihrer Mutter gelernt.
Martina, seit 2016 stylst du deine Mutter auf Instagram mit Schätzen aus ihrem Kleiderfundus, der bis in die 50er Jahre zurückgeht. Was hat dich auf diese Idee gebracht?
Mode verbindet uns schon lange und macht uns beiden großen Spaß. Als meine Mutter älter wurde, sie ist 1930 geboren, habe ich begonnen sie zu fotografieren. Es ist eine sehr schöne Art, Zeit zusammen zu verbringen. Wir lachen viel dabei. Sie hat sich nie viel gekauft, aber die Kleidungsstücke damals waren von einer ganz anderen Qualität als heute. Sie hat ihre Kleider gepflegt, über Jahrzehnte eingemottet, immer wieder herausgeholt, gelüftet und wieder getragen. Sie war keine Frau, die sich inszeniert hat. Mode lädt ja dazu ein, sich in andere Welten zu träumen. Das hat sie nicht ausgelebt, sie war immer sehr sachlich gekleidet.
Fast-Fashion war ja damals noch kein Thema …
Was man gekauft hat, hatte man ewig. Ich erinnere mich noch sehr genau an die Kleider, die meine Mutter in meiner Kindheit trug. Auch an meine eigenen Kleider. Man hatte einfach viel, viel weniger.
Kleidung hat heute einen ganz anderen Wert als damals. Kaum jemand flickt seine Sachen oder pflegt sie so, dass man sie für lange Zeit tragen kann …
Kleidung ist so wichtig, aber nichts wert heute. Dabei ist die Mode ein Billionen-Business. Wichtige Berufe wie Stylistin, Schneiderin etc. werden kaum wertgeschätzt. Wenn man weiß, wie schwierig es ist, sich gut zu kleiden, eigentlich unverständlich. Die Silhouette muss gelingen, die Proportionen müssen stimmen, das ist ein sehr komplexer Prozess. Man kleidet sich ja zunächst für den Körper, den man hat, dann für den, den man gerne hätte, und dann für den Körper, den man denkt, dass man ihn hat, der aber mit der Realität nichts zu tun hat. Das muss man erst einmal verstehen, um dann auch entsprechende Entscheidungen treffen zu können. Dann kommen noch die Qualität der Stoffe dazu, die Farben, die Schnitte … Es wird so getan, als wäre das eine unwichtige Kleinigkeit, so ein Frauenzeitvertreib, dabei ist das eine Wissenschaft! Auch sich passend zu kleiden, ist nicht einfach.
Was heißt das für dich, sich passend zu kleiden?
Dem Anlass entsprechend. Das hat mit Stil zu tun und auch mit Höflichkeit. Die Fragen, die dahinter stehen sind: Wie wirke ich? Wie möchte ich wirken? Für wen kleide ich mich? Das sind komplexe Abläufe. Es gibt ja schlimme Sachen. Sommerkleider, zum Beispiel, wo nichts wirklich stimmt, die zu kurz und zu eng sind, der Stoff an Faschingsseide erinnert und erwachsene Frauen wie Jahrmarktspuppen aussehen. Da sind die alten Damen in Italien oft beispielhaft, urban elegant auch bei größter Hitze, der praktische Freizeitlook kein Thema. Ich lebe ja auch in Deutschland. Dort hat Mode keinen sehr hohen Stellenwert und immer noch den Beigeschmack der Fassade, der Oberflächlichkeit. Das Echte, die Substanz ist nur innen. Und so schaut dann auch vieles aus. In Italien gibt es eine tägliche Sportzeitung, warum gibt es nicht auch eine Mode-Tageszeitung? Man sollte Mode viel wichtiger nehmen.
Lesen Frauen deshalb Modezeitschriften, um mehr „Licht ins Dunkel“ zu bringen?
Modezeitschriften, bei aller Liebe, kann man anschauen, lesen kann man sie eigentlich nicht. Es sollte eine Zeitung geben, die entweder auf Text verzichtet oder systematischer an die Sache herangeht. Die Haltung, jeder kann alles tragen, ist natürlich in Ordnung, aber so einfach ist es nicht. Es gibt Fachleute, wie überall sonst auch. Fachleute, die Ordnung ins Chaos bringen. Mode heute ist in erster Linie großartiges Styling. Mischen und zusammenstellen, das ist die große Kunst.
Da hat sich ja sehr viel durch Social Media, die Bedeutung der Street-Styles und die sogenannten Influencerinnen verändert …
Influencer hat es immer gegeben, aber nur wenige. Jetzt sind es einfach zu viele. Dieser ganze Zirkus vor und neben und nach den Modeschauen … vielleicht bin ich auch zu alt dafür. Einige sind ja lustig, aber der Großteil ist wenig originell. Es gibt den Blog „Diet Prada“, dort werden Plagiate aufgedeckt und gezeigt, welcher Designer, welche Designerin, was zitiert. Die beiden, die das machen, sind inzwischen berühmt und werden nun auch eingeladen bei den Prada-Schauen in der ersten Reihe zu sitzen. Und da wird’s natürlich heikel. Irgendwann kommt jeder Influencer an die Grenzen der Glaubwürdigkeit. Ich glaube, der Hype ist beim Abklingen.
Und wie ist das mit den Stylisten?
Die sind leider noch nicht berühmt. Aber sie sind es, die sich in dem ganzen Chaos auszukennen. Auswählen ist eine Kunst. Ich finde ja, dass sich jede Frau eine Stylistin buchen sollte, die mit ihr den Kleiderschrank durchgeht und Feedback gibt. Wir geben so viel Geld für alles Mögliche aus, aber jemanden zu holen, der sich da wirklich auskennt, tun wir nicht.
Hier Teil 2 des Interviews.
Auf allen Fotos wird aus dem jeweils eigenen Kleiderschrank geshoppt.