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December 2, 2013

“Ich suche das Dazwischen” – Andreas Bertagnoll und sein Fotobuchprojekt “WIR / NOI”

Kunigunde Weissenegger
"WIR / NOI" heißt das Fotobuch des Kalterer Fotografen Andreas Bertagnoll. Ihn und sein spannendes Buch könnt ihr am 5.12.2013 um 19 Uhr in der Galerie foto-forum in Bozen, am 11.12.2013 um 19 im Uhr Filmtreff Kaltern, am 13.12.2013 um 20 Uhr im Kunstcafé Mitterhofer in Innichen, am 19.12. 2013 um 19 Uhr im Cafè Kunsthaus in Meran, am 14.1.2014 um 19 Uhr in der Rathausgalerie in Brixen und am 16.1.2013 um 19 Uhr in der Bibliothek in Auer.

Südtirol, das Bergidyll in Bella Italia, hin- und hergerissen zwischen Hoi und Ciao, zwischen Spaghetti alla Carbonara und Schweinernem mit Kraut; Klischees noch und nöcher; über Jahrhunderte Teil des ehemaligen Tirols, nach dem Ersten Weltkrieg von Italien annektiert – Ort der Entfremdung, der politischen Risse, der Traumata, der bis in die Gegenwart nachwirkenden Verletzungen und Irritationen. Diese Bühne hat Andreas Bertagnoll für sein Fotobuchprojekt WIR / NOI gewählt: Die Bilder des Fotografen verharren in Andeutungen, verraten nichts ganz: was vorher war und was danach kommt, muss erahnt werden. Scheinbar distanzlos, spontan hat er sich mitten in vielfältiges Südtiroler Geschehen begeben, sich mit seiner Kamera als unauffälliger Beobachter den Menschen genähert, Alltägliches dokumentiert auf Wertungen und Deutungen verzichtet. Situationen reißt er aus dem Kontext, kombiniert sie mit anderen, erschafft neue und verbindet, was vorher nicht verbunden war.

Hans Karl Peterlini kommentiert im Buch seine Arbeit so: Fast scheint es, als wäre auf diesen Bildern das Eigentliche verpasst worden, aus dem Bild gelaufen, ehe es festgehalten werden konnte, sodass der Kamera nur die Details am Rande blieben oder jene Beiläufigkeiten, die dem Bild Glätte nehmen und den Blick brechen wie Wasser das Licht: Kratzer auf einer Scheibe, vermutlich Plexiglas, hinter der sich zwei Menschen – verzweifelt, glücklich? – im nächsten Augenblick küssen werden, Trost suchen, auseinandergehen – wer weiß es.”

Geboren ist Andreas Bertagnoll in Bozen vor 35 Jahren und aufgewachsen in Kaltern. Nach der Oberschule für Landwirtschaft in Auer studierte er in Mailand Fotografie am Istituto Europeo di Design und kehrte nach erfolgreichem Abschluss wieder nach Südtirol zurück. Dort ist er nun hauptberuflich als Landwirt und nebenberuflich als Fotograf tätig. In seiner fotografischen Arbeit verfolgt er sowohl kommerzielle Projekte, wenn er sich dabei ein Stück weit selbst verwirklichen kann, als auch persönliche, konzeptionell angelegte, wie das gerade erschienene “WIR/NOI”, das er am 5. Dezember 2013 um 19 Uhr in der Galerie foto-forum in Bozen, vorstellen wird – auch Hans Karl Peterlini wird anwesend sein. Arbeiten von ihm wurden unter anderem auch im Fotoforum West in Innsbruck, in der Fotogalerie Heeder in Krefeld, im foto-forum in Bozen und in einer Wanderaustellung in Mailand gezeigt. Neugierig, wie wir sind, haben wir uns mit Andreas Bertagnoll unterhalten. Andreas Bertagnoll Wir:Noi 01Andreas Bertagnoll, was ist der rote Faden, der sich durch dein Buch zieht?

Inhaltlich geht es in sämtlichen Bildern um Südtirol. Sämtliche Fotografien sind hier entstanden. Die portraitierten Personen sind größtenteils ebenfalls Südtiroler oder Innen, es sei denn es handelt sich um Touristen, die ja auch einen wesentlichen Einfluss auf unser Alltagsleben und unsere Wahrnehmung ausüben. Die in den Bildern vorkommenden Menschen sind Platzhalter für meine kontroversen Gefühle bei der Suche nach Antworten in meiner Identitätsfrage. Folglich musste ich auch an meiner Bildsprache so lange herum feilen, bis sie das heillose Durcheinander dieses Phänomens widerspiegelte. Es war mir wichtig die Eigenschaften Unstetigkeit, Flüchtigkeit und Verwirrung so unter einen Hut zu bekommen, dass sie sich letztlich trotzdem als homogene Einheit präsentieren. Sozusagen ein durchstrukturiertes Chaos. Außerdem versuche ich immer, wenn ich für mich selbst arbeite, Bilder zu kreieren, die Fragen aufwerfen und Interpretationsspielraum für den Betrachter offen lassen. Das macht für mich ein Bild spannend und folglich hochwertig.

Was war für dich der Reiz, dich dem Thema zu nähern? Wie bist du zum Thema gekommen?

Als ich 2001 nach Mailand gezogen bin, um Fotografie zu studieren, wurde ich von Italienern, die ich kennen lernte, sehr häufig gefragt, ob ich mich als Deutscher oder Italiener fühlen würde. Ich hasste diese Frage, weil ich nicht als Italiener oder Deutscher wahrgenommen und respektiert werden wollte, sondern als Andreas Bertagnoll. Und dennoch oder gerade deswegen löste es in mir etwas aus, was mich dazu bewegte, mir eingehender darüber Gedanken zu machen. Das Resultat sind nun über 1.000 Bilder und ein Buch mit einer Auswahl von 48 Bildern daraus. Die Frage wird übrigens nicht nur von Italienern gestellt, sondern auch oft von deutschsprachigen Touristen in Südtirol, mit denen ich aufgrund meiner Herkunft und meiner Vergangenheit sehr häufig konfrontiert wurde und werde. 

Was war die Herausforderung bei deinem Fotoprojekt?

Als Fotokünstler Bilder über Südtirol in Südtirol zu zeigen, ist nicht ungefährlich. Sehr leicht gerät man auf Abwege – auf jene der Idylle oder der Romantik etwa. Dann sieht alles ganz schnell nach Werbung aus, nach etwas, was Herr und Frau Südtiroler schon zigfach gesehen haben. Ich habe nichts gegen Werbung, aber als Künstler will ich meine eigene Spur im Tiefschnee legen. Das muss mein Anspruch sein. Deshalb war es wichtig, eine Bildsprache zu entwickeln, die trotz der bekannten Umgebung Überraschungen in sich birgt. Die zweite Möglichkeit wäre gewesen, auf Klischees zu verzichten, nur Baustellen, Autobahnen und Mülldeponien zu fotografieren. Aber das wollte ich nicht, denn Klischees sind für  den Südtiroler sehr wichtig. Um sie herum zieht er seine Identitätslinie, die ihn von anderen abgrenzt. Weiters war es schwierig, aus einer solchen Vielzahl von Bildern die geeignetsten 48 für das Buch auszuwählen. Ich bin dabei fast wahnsinnig geworden, weil ich das Projekt fast wöchentlich umkrempelte und nie zufrieden war. Irgendwann musste ich mich dann zwingen, abzuschließen.Andreas Bertagnoll Wir:Noi 02Was ist also das Besondere in deinen Bildern?

Mich fasziniert die Dokumentation flüchtiger Momente im Leben. Solche, die man im Alltag nicht wahrnimmt. Meistens habe ich mich nach einem Ort umgesehen, der als Hintergrund meinen Vorstellungen entsprach. Daraufhin galt es, solange zu warten, bis sich an diesem Ort etwas für mich Interessantes ereignete. Mich interessieren die Momente zwischen einem Moment und seinem darauffolgenden. Das Dazwischen. Das ist es, was mich an der Fotografie so reizt und das, worin ich mich weiterhin verbessern möchte. Dinge wahrzunehmen, die andere nicht sehen. Möglicherweise auch, weil sie gar keine Zeit dazu haben. Das lässt dich als Mensch vielleicht ein bisschen kauzig erscheinen, weil du oft unkonzentriert und zerstreut wirkst. Dabei bist du das gar nicht. Du hast deine Aufmerksamkeit nur anders fokussiert. Bis auf zwei sind übrigens alle Bilder auf analoge Art und Weise entstanden.

Was hast du beim Recherchieren für das Buch erlebt? 

Allerhand. Ich war auf Raves, Fronleichnamprozessionen oder Ganischger-Alm-Feten, in Sinti-Lagern, Klöstern oder Kindergärten sowie bei Weltcup-Skirennen, alternativen Rockfestivals oder bei diesen mittelalterlichen Spielen in Glurns. Auch Neo-Nazis habe ich mal einen Hausbesuch abgestattet. Ich habe unwahrscheinlich viel erlebt. Allerdings habe ich mich nicht mehr als nötig mit den Menschen ausgetauscht. Ich wollte ja zwischen den Zeilen lesen bzw. sehen. Da ist es nicht besonders hilfreich, wenn man von jemandem zugetextet wird oder selbst dauernd am Quatschen ist.

Was willst du mit dem Buch erreichen? – Warum ein Buch? 

Das mit dem Buch hat sich bei einer Portfolio-Sichtung vor ein paar Jahren in Kassel ergeben. Klaus Kehrer hat mir angeboten, bei seinem Verlag ein Buch zu publizieren. Diese Gelegenheit wollte ich nach langem Hin- und Her-Überlegen nutzen. Das Buch ist jetzt der Abschluss einer mehrere Jahre andauernden Recherche. Es war auch eine Art und Weise das Thema jetzt gut sein zu lassen, um mich neuen Themenfeldern zu widmen. Auch wenn mich das Thema Identität nie ganz loslassen wird. Ziel des Buches war es, meine Gefühle zu äußern, um somit endlich loslassen zu können. Nicht um die Welt zu verändern, sondern in erster Linie, um mich zu verändern. Wenn du dich der Kunst verschrieben hast, dann ist das halt so. Du hast das Bedürfnis, etwas umzusetzen oder etwas loszuwerden und solange du es nicht tust, fühlt sich das wie ein unverdaubarer Brocken in deinem Magen an. Also bleibt dir langfristig nichts anderes übrig, als deinem Bedürfnis nachzugeben. Auch wenn dich Leute, die es gut mit dir meinen, ständig fragen, ob es nicht vernünftiger wäre, deine Energie und Zeit in “sinnvollere Dinge” oder in etwas “Vernünftiges” zu investieren. Dem Extrembergsteiger kannst du ja auch nicht verbieten, den nächsten Gipfel zu erklimmen, nur weil es vernünftiger ist.

Was kommt als Nächstes?

Mit der Fotogruppe Minimum stelle ich im Februar 2014 in der Stadtgalerie Brixen aus, nachdem wir letztes Jahr bereits im Fotoforum West in Innsbruck ausgestellt haben. Parallel dazu arbeite ich seit einigen Jahren an einem Projekt über die “Generation Y”. – Wird langsam Zeit, es abzuschließen. Mal sehen, was daraus wird. Weiters verfolge ich einige kommerzielle Aufträge. 

Buchvorstellung: ”WIR/NOI” von ANDREAS BERTAGNOLL am 5. Dezember 2013, 19 Uhr in der Galerie foto-forum in Bozen. Es sprechen Andreas Bertagnoll und Hans Karl Peterlini; Moderation: Kunigunde Weissenegger, franzmagazine 

Weitere Buchvorstellungstermine: 11.12.2013 H 19 Filmtreff Kaltern; 13.12.2013 H 20 Kunstcafé Mitterhofer Innichen; 19.12. 2013 H 19 Cafè Kunsthaus Meran; 14.1.2014 H 19 Rathausgalerie Brixen; 16.1.2013 H 19 Bibliothek Auer

WIR / NOI von ANDREAS BERTAGNOLL
Fotografien von Andreas Bertagnoll
Autoren: Daniela Billner, Hans Karl Peterlini 
Deutsch/Italienisch/Englisch
Kehrer Verlag
ISBN 978-3-86828-423-2
Festeinband, 24 x 20 cm, 72 Seiten, 48 Farbabb., 29,90 Euro

Alle Fotos von Andreas Bertagnoll

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