... wie das Innere das Äußere formt ... – Natan Noah Mutschlechner im Interview

Alles, was ich bin, Natan Noah Mutschlechner, olio su tela, 100 x 100 cm, 2025, © Natan Noah Mutschlechner
Alles, was ich bin, Natan Noah Mutschlechner, olio su tela, 100 x 100 cm, 2025, © Natan Noah Mutschlechner
Natan Noah Mutschlechner macht in seinen Bildern eine Realität sichtbar, die aus seiner eigenen Erfahrung stammt: Ein Dazwischen, das zu einem authentischen Miteinander wird, ohne Floskeln oder vorgefertigte Muster.
Der junge Künstler (*2003, Innichen) aus Olang im Pustertal ist Autodidakt und arbeitet vor allem mit Ölmalerei auf Leinwand und digitaler Illustration. Er beschäftigt sich mit Themen wie Zugehörigkeit, Mehrsprachigkeit und dem kollektiven Gedächtnis Südtirols. Für die Olympischen und Paraolympischen Winterspiele in Antholz gestaltete er im Rahmen der Initiative Flags of Art eine Fahne, auf der drei Figuren zu sehen sind, die für Heimat, Zusammenhalt und Vielfalt stehen. Sie wurde mit den Kreationen anderer Künstler*innen, die sich mit der Bedeutung der Spiele beschäftigt haben, am Eingang des Antholzer Tales installiert.



Im Jahr 2025 war er außerdem einer der Preisträger des Wettbewerbs Pergine Arte Giovane, der sich an Nachwuchskünstler*innen aus der Region Trentino-Südtirol richtet. 2026 fand Natan Mutschlechners erste Einzelausstellung „Mirror Effects“ in der Galleria Contempo in Pergine Valsugana statt, bei der die Themen Identität, Sprache und Zusammenleben im Mittelpunkt standen.
Auf seinen Porträts und Selbstporträts finden unterschiedliche Elemente ganz natürlich ihren Platz. Sie zeigen, wie der Künstler die Welt und sein Umfeld erlebt, in dem er sich – wie er selbst sagt – oft keiner Mehrheit völlig zugehörig fühlt. Und es ist kein Widerspruch, wenn bekannte Markennamen und Alltagsgegenstände unterschiedlicher Herkunft neben traditionelle Symbole und Wappen gesetzt werden, mit Bezügen zur Pop Art, Urban Art und der Underground-Kultur wie Rap und Hip-Hop. Alles geht scheinbar fließend ineinander über und bildet ein harmonisches Gesamtgefüge, das eine gewisse Ruhe ausstrahlt. Indem er unterschiedliche Symbole auf originelle Weise miteinander kombiniert, verdichtet der Künstler Bedeutung und gibt einer persönlichen und kollektiven Realität Raum.


Demnächst wird im Rahmen der BAW Bolzano Art Weeks sein Poster präsentiert, das beim GLUE Open Call 2026 von Arci (in Zusammenarbeit mit der Autonomen Provinz Bozen, der Gemeinde Bozen und der Stiftung Sparkasse) ausgezeichnet wurde. Seine Kunstwerke sind außerdem Teil der Artothek und der Via Artis am Kronplatz, wo seine sechsteilige Außenskulptur „Der Berg als Meer“ zu sehen ist.


Im folgenden Gespräch erzählt Natan, wie er selbst seine kreative Arbeit erlebt.
Wie entstand dein Interesse fürs Malen?
Ich male eigentlich, seit ich denken kann. Als Kind habe ich stapelweise Bilder gemalt. Auch auf Tische, Wände und Böden. Später kam die Ölmalerei dazu, die für mich etwas Gegenteiliges hat: Sie ist langsamer, schwerer und bleibt.
Woher kommen die Ideen für deine Kunstwerke und wie entwickeln sie sich? Planst du deine Werke sehr genau oder arbeitest du eher intuitiv?
Als Inspiration nutze ich Wappen, religiöse Bilder und Fotos auf meinem iPhone. Ich plane meine Werke sehr. Am Anfang lege ich die Außenlinien relativ genau fest, danach fülle ich die Flächen intuitiv mit Farbe aus. Dadurch formt das Innere am Ende das Äußere.

Welche Künstler*innen inspirieren dich besonders?
Am meisten inspirieren mich Bilder und Symbole, die bereits so sehr in unseren Alltag übergegangen sind, dass man kaum noch über ihre Herkunft nachdenkt, Wappen, Ornamente oder religiöse Ikonen zum Beispiel. Den größten Einfluss auf mich hat die heilige Jungfrau Maria.
Gibt es ein Bild, zu dem du persönlich einen besonderen Bezug hast?
Ein besonderes Bild für mich ist mein Stillleben aus Tatabánya. Es erinnert mich an die Sommertage, die ich bei meinem Onkel in Ungarn verbracht habe, Zigaretten, Bier und Susa. Mein liebstes Motiv ist mein Selbstporträt als Hühnerembryo. Schon als Kind haben mich Hühner und besonders das Schlüpfen fasziniert, und ich habe mich selbst schon immer ein bisschen als eine Art Baby gesehen.

Welche Rolle spielt Musik in deinen Bildern?
Ich höre immer Musik beim Malen. Franco Battiato ist für mich dabei eine Leitfigur. Ebenso wichtig sind für mich Alice, Giuni Russo und Massimo Pericolo. Die Musik trennt mich beim Malen von der Außenwelt.
Du beschäftigst dich viel mit dem Begriff Identität und dem kulturellen Zusammenleben. Diese Themen verlangen oft sehr viel Feingefühl. Wie gehst du an sie heran?
Ehrlich gesagt, versuche ich gar nicht feinfühlig an diese Themen heranzugehen. Ich male das, was mir in den Sinn kommt und was ich kenne. Wie es bei anderen ankommt, kontrolliere ich nicht.
Kann man sich als Künstler hinter seinen Werken verstecken, um verschiedene Identitäten auszuprobieren?
Für mich ist es weniger ein Verstecken als ein Ausprobieren. Alle Versionen, die ich von mir male, sind echt. Ich glaube nicht, dass eine davon wirklich erfunden ist. Es sind einfach verschiedene Seiten derselben Person. Nur manchmal bin ich in meinen Bildern etwas schöner.


