Barbara Bachmann im Interview über ihr Buch „Bello ciao“ über Männerbilder in Italien mit Fotos von Franziska Gilli

Wann wird ein Mann ein Mann? Barbara Bachmann und Franziska Gilli sammeln Männerbilder aus Italien: Die Trauerfeierlichkeiten zum Tod von Papst Franziskus 2024 gab ihnen die Möglichkeit, männliche Macht in der katholischen Kirche bildmächtig zu thematisieren. © Franziska Gilli
Wann wird ein Mann ein Mann? Barbara Bachmann und Franziska Gilli sammeln Männerbilder aus Italien: Die Trauerfeierlichkeiten zum Tod von Papst Franziskus 2024 gab ihnen die Möglichkeit, männliche Macht in der katholischen Kirche bildmächtig zu thematisieren. © Franziska Gilli
Im Namen der Väter, der Priester und des Heiligen Penises: „Bello ciao“, erschienen im Raetia Verlag, versammelt unterschiedlichste Bilder von Männlichkeit aus Italien. Ein Gespräch mit der Autorin Barbara Bachmann übers Schreiben, über Vertrauen – und ja, auch über Männer. Das Buch wird am Montag, 21. September 2026 um 19:00 im Waaghaus in Bozen und am Dienstag, 22. September um 19:00 im Stadttheater Sterzing vorgestellt.
Barbara, gemeinsam mit Franziska Gilli hast du mit „Bello ciao. Italiens Männlichkeit im Wandel“ vor Kurzem ein Buch über das Männerbild in Italien veröffentlicht. Ihr habt dafür u. a. die umstrittene „Festa degli Uomini“ in Monteprato besucht, aber auch ein schwules Paar begleitet, das per Leihmutterschaft Eltern wurde. Welches Männerbild war es euch wichtig, zu zeigen? Und: Wie geht es den Männern in Italien?
Viele Männer und auch unsere Vorstellung von Männlichkeit sind derzeit im Umbruch. Nicht umsonst haben wir den „Wandel“ in den Untertitel gepackt. Dabei geht die Entwicklung – nicht nur in Italien, im Grunde weltweit – gerade in unterschiedliche Richtungen, nach vorne, aber auch zurück. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit wollten wir Männlichkeit in ihrer Vielfalt zeigen. Dabei sind wir unter anderem auf eine „stille Revolution“ gestoßen. Dazu gehören Männer, die sich regelmäßig treffen, um offen über ihre Gefühle und Ängste zu sprechen, ohne Scham teilen sie miteinander Gedanken über das, was sie bewegt. Oder Väter, die nicht nur helfen wollen, sondern echte Gleichberechtigung anstreben. Kurzum: Männer, die traditionelle Männlichkeit hinterfragen, auch wenn sie noch in der Minderheit sind.
Wenn wir auf die Schlagzeilen blicken, dann steht die toxische Männlichkeit im Zentrum – Stichwort: Andrew Tate, Stichwort: Manosphere, Stichwort: Femizid – inwiefern haben euch diese Schlagzeilen begleitet?
Natürlich sind wir in der Recherche immer wieder darauf gestoßen, aber wir wollten den toxischen Auswüchsen von Männlichkeit bewusst keinen Raum geben oder Gewalt gar sinnlos reproduzieren. Männliche Gewalt an Frauen thematisieren wir beispielsweise über einen Beitrag zu Anti-Gewalt-Trainings. Dort trafen wir auf Männer, die ihre Taten reflektieren – manchmal freiwillig, aber oft auch, weil sie gerichtlich dazu gezwungen wurden.




2021 habt ihr mit „Hure oder Heilige“ bereits auf das Frauenbild in Italien geblickt: Inwiefern haben diese Erfahrungen die Arbeit an „Bello Ciao“ beeinflusst? Wie hängen die Bücher vielleicht auch zusammen?
Das Frauen- und Männerbild bedingen sich in enger Wechselwirkung, es gibt das eine nicht ohne das andere – und auch über den italienischen Mann halten sich bestimmte Klischees beharrlich. Nach Veröffentlichung unseres ersten Buches hatten wir daher immer wieder das Gefühl, dass noch etwas fehlt und wir uns auch gerne mit der „anderen Seite“ beschäftigen möchten. In „Bello ciao“ haben wir einzelne Formate aus dem ersten Buch wieder aufgenommen, etwa die Kurz-Interviews, diesmal mit Frauen, oder Ich-Protokolle, wo nun Männer über ihre Vorstellung von Geschlecht, über ihre Wünsche, Träume, Sehnsüchte und Ängste erzählen.
Welche Reaktionen auf „Hure oder Heilige“ waren am eindrücklichsten?
Mir sind vor allem die vielen Diskussionen mit dem Publikum, etwa bei Buchvorstellungen, in Erinnerung geblieben und die Erfahrung, dass unsere Recherche immer wieder Gespräche angeregt hat. Wir wünschen uns, dass auch unser zweites Buch das Bedürfnis nach Austausch weckt. Es ist schön, wenn Geschichten nachdenklich machen, wenn sie überraschen oder sich Leser*innen vielleicht selbst hinterfragen. Besonders schön ist es, wenn das auch den Protagonist*innen aus dem Buch so geht.

Wie kamt ihr zu euren Protagonist*innen fürs neue Buch? Wie lief die Auswahl?
Zunächst haben wir uns stichwortartig überlegt, welche Themenbereiche unbedingt ins Buch müssen, dazu gehörte für uns Vaterschaft ebenso wie männliche Gewalt oder eben der Fußball. In einem nächsten Schritt haben wir konkretere Ideen gesammelt und überlegt, wie wir sie am besten erzählen können. Beim Fußballthema interessierte uns anfangs die Nachwuchsmannschaft eines Proficlubs. Letztlich fanden wir den Amateurbereich aber viel spannender. Weil er viel eher die Realität Millionen italienischer Männer widerspiegelt, weil wir die Protagonisten länger und näher begleiten konnten. Das, worum es uns ging, konnten wir auch so herausarbeiten, unter anderem die dem Fußball ganz eigene Körperlichkeit zwischen den Männern. Diese Familie, die nur aus Männern besteht, aber auch der Leistungsdruck dahinter.
Welche Ideen mussten verworfen werden?
Manche Ideen fallen weg, weil sie letztlich nicht mehr in das Gesamtkonzept passen. Und manchmal erhält man trotz hartnäckiger Nachfrage doch eine Absage. Franziska wollte beispielsweise eine Priesterweihe fotografisch begleiten, was ihr nirgendwo gestattet wurde. Der Tod von Papst Franziskus gab ihr mit dessen Trauerfeierlichkeiten dann eine eigentlich noch treffendere Möglichkeit die männliche Macht in der katholischen Kirche zu thematisieren. Dass man Ideen auch wieder verwirft und im Lauf der Recherche neue entstehen, ist ein natürlicher Prozess im Laufe so eines Projekts. Manchmal sind wir auch vor Ort relativ spontan auf spannende Protagonisten gestoßen. Solche Begegnungen bleiben besonders hängen.
In einer Welt, in der die Menschen den Medien zunehmend skeptisch gegenübertreten, wird für dich als Journalistin schwieriger Geschichten zu finden, Vertrauen aufzubauen?
Es wird jedenfalls nicht einfacher, Menschen zu finden, die offen sprechen wollen – und können. Um das dafür notwendige Vertrauen zu gewinnen, ist es wichtig, viel Zeit mitzubringen und ein ehrliches Interesse am Gegenüber. Ganz generell versuche ich mich vor Ort immer überraschen zu lassen und den Menschen möglichst unvoreingenommen zu begegnen.
2024 hast du den sehr berührenden Text „Ein Leben so kurz“ veröffentlicht, worin es um deine Erfahrungen als Mutter eines Sternenkindes geht – ein Wechsel in die Ich-Perspektive. Wie blickst du heute auf diesen auch sehr persönlichen Text?
Ich hatte den Text zunächst für mich geschrieben, als Teil des Heilungsprozesses. Erst in einem zweiten Schritt und im Austausch mit meinem engsten Kreis wurde mir klar, dass ich den Text veröffentlichen sollte. Ich schreibe selten Texte in der Ich-Form. In diesem Fall aber hatte ich das Gefühl, über meine eigene Erfahrung hinaus etwas vermitteln zu können. Oft versuche ich, mit meinen Geschichten das Große im Kleinen zu erzählen, also anhand eines Einzelbeispiels komplexe Themen darzustellen. Ich empfinde es als Glück, nur über das schreiben zu können, was mich wirklich interessiert.
Barbara Bachmann ist freie Journalistin und lebt in Südtirol. Ihre Texte erschienen bereits im SZ-Magazin, bei Spiegel Online oder Reportagen. Sie berichtete schon über Seniorinnen auf Capri, die „Abfallmetropole“ Neapel oder eine junge Generation an Nordkoreaner*innen, die in den Süden geflüchtet ist. Sie erhielt für ihre Arbeit u. a. den Claus-Gatterer-Preis 2024. „Hure oder Heilige. Frau sein in Italien“ erschien wie „Bello Ciao. Italiens Männerbild im Wandel“ in Zusammenarbeit mit Franziska Gilli bei Edition Raetia.