Interview mit der Künstlerin Maya Fluss

© Maya Fluss
© Maya Fluss
Die Schnittstellen zwischen Tradition und Gegenwart, den Alpen und den Anden sowie Identität und Umgebung prägen die künstlerischen Arbeiten von Maya Fluss. Im Interview erzählt sie von ihren vielfältigen künstlerischen Ausdruckformen, ihrer Inspirationen und ihrer kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen.
Woher kommt dein Künstlername, Maya Fluss?
Mein biologischer Papa kommt aus Peru und meinen Spitzname Mayu habe ich mir vor Jahren mal dort gegeben, weil er in Quechua, der indigenen Sprache meiner Großmutter Fluss bedeutet. Ich mag die Bedeutung sehr: Flüsse sind ständig in Bewegung. Sie verändern sich, verbinden Orte miteinander und tragen Dinge weiter.
Gerade befinde ich mich in einem Adoptionsprozess: Mein Herzpapa, mit dem ich aufgewachsen bin, wird mich adoptieren und ich füge seinen Nachnamen zu meinem hinzu. Ich will nicht, dass Menschen nur einen meiner Nachnamen verwenden, deshalb habe ich mich für Maya Fluss als Künstlerinnamen entschieden.


Was inspiriert dich besonders?
Besonders inspirieren mich Traditionen, Konventionen und die Phänomene, die aus ihnen hervorgehen, ebenso wie die Symbole, die sich daraus entwickeln. Mich interessiert, wie diese Symbole in der Gegenwart weiterleben, übernommen, verändert oder transformiert werden und neue Bedeutungen annehmen. Meine Praxis bewegt sich dabei zwischen überlieferten gesellschaftlichen Vorstellungen und ihrer zeitgenössischen Interpretation. Mich interessiert, welche aktiven Entscheidungen wir treffen, um bestehende Konventionen und Strukturen zu transformieren.
Ich wohne derzeit nicht in Südtirol, aber eine aktuelle Aktion, die ich sehr inspirierend fand, ist Occupy Herz-Jesu-Feuer von antifaschistischen Gruppen im Kontext der Herz-Jesu-Tradition in Südtirol. In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Symbolik der Herz-Jesu-Feuer zunehmend von rechten und deutschnationalen Gruppen genutzt, um politische und identitätspolitische Botschaften sichtbar zu machen. Die Aktion Occupy Herz-Jesu-Feuer greift diese Tradition auf und gibt ihr eine neue Bedeutung. Mit einem Feuer in Form des Schriftzugs Buntes Südtirolo formulierten die beteiligten Gruppen die Idee eines Südtirols, das von Solidarität, Vielfalt und gegenseitigem Respekt geprägt ist und seine Zukunft im Miteinander statt in der Abgrenzung sucht.
Gibt es für dich einen bestimmten Prozess, durch den aus einer deiner Ideen ein Kunstwerk wird?
Ich bewege mich immer zwischen Extremen, hohen und niedrigen Höhenlagen, sowohl geografisch als auch metaphorisch. Stabilität im klassischen Sinn war selten Teil meines Weges, Wandel und Übergänge bilden die Grundlage meiner Wahrnehmung und meines Arbeitens. Mich fasziniert das gleichzeitige Existieren vieler Komponenten. Verschiedene Emotionen, Zustände und Ebenen können zeitgleich bestehen. Diese Perspektive beeinflusst auch meine künstlerische Praxis: Performance wird bei mir zur Aktivierung von Skulptur, während Skulptur aus performativen Prozessen entsteht. Körper und Raum sind dabei keine getrennten Elemente, sondern überlagern sich und beeinflussen sich gegenseitig. Ich arbeite gerne mit weiteren Ebenen wie Geruch, Klang oder Materialität, die zusätzliche Wahrnehmungsräume eröffnen. Durch die Recherche und Analyse von Symbolen, Konstellationen und Mustern versuche ich, tiefer in die Strukturen einzutauchen, die unsere Wahrnehmung und unser Zusammenleben prägen. Auch Werkzeuge interessieren mich als Erweiterungen des Körpers: Sie verlängern Bewegungen, speichern Gesten, übersetzen sie in Material und tragen sie über die Zeit hinweg weiter.


Wie zeigt sich deine Auseinandersetzung mit Sexualität und Gender in deiner Arbeit?
Ich beende bald meine Ausbildung in Sexualpädagogik und habe mich parallel zunehmend mit Pleasure Activism beschäftigt, einem von Adrienne Maree Brown geprägten Ansatz, der beschreibt, wie wir unsere emotionalen und erotischen Wünsche nutzen können, um uns gegen Unterdrückung zu organisieren. Der Zugang zu Wissen über Sexualität, Lust und Körper sollte kein Privileg sein. In Italien wurde kürzlich ein Gesetz verabschiedet, das Sexualpädagogik und relationale Bildung in Grundschulen verbietet und sie in Mittel- und Oberschulen von der Zustimmung der Eltern abhängig macht. Die neofaschistische Regierung begründet dies unter anderem mit dem Kampf gegen eine angebliche Gender-Ideologie. Das ist ein großer Rückschritt für ein Land, in dem geschlechtsspezifische Gewalt und Femizide strukturell verankert sind. Deshalb interessieren mich Wege, solche Themen sowohl innerhalb als auch außerhalb des Kunstkontexts anzusprechen. Mich interessiert, wie wir andere Formen von Wissen und Beziehungen entwickeln können, jenseits patriarchaler Vorstellungen. Ich möchte andere Geschichten erzählen als jene, die ich selbst gelernt habe, und die Inhalte meiner Ausbildung in Sexualpädagogik zunehmend in meine künstlerische Praxis einfließen lassen.
Wie würdest du das Verhältnis zwischen dir, deiner Kunst und deinem Umfeld beschreiben?
Es kommt ganz auf das jeweilige Projekt an, je nachdem, was es gerade braucht, wird das Projekt auch zu einer Tür, um mit Menschen über bestimmte Themen ins Gespräch zu kommen. In einem Rechercheprojekt zum Beispiel, an dem ich seit einigen Jahren arbeite, sammle ich historische Materialien und Erzählungen zu Störschneiderinnen, die bis in die 1970er-Jahre als wandernde Handwerkerinnen in Südtirol tätig waren. Sie wanderten von Hof zu Hof und schneiderten im Austausch gegen Bett, Brot, Geld oder andere Formen des Tauschs. Da es nur wenig archiviertes Material zu ihnen gibt, basiert die Recherche vor allem auf Interviews mit den Verwandten der Störschneider:innen sowie mit Zeitzeug:innen, die sich noch an ihre Besuche auf den Höfen erinnern. Gerade diese persönlichen Begegnungen und Gespräche sind zu einem zentralen Bestandteil der Arbeit geworden und prägen das Projekt ebenso wie das gesammelte Material selbst. Dabei entwickle ich ein Objekt, das gleichzeitig als Story Gatherer und Storyteller funktionieren soll, also sowohl als Recherche-Tool als auch als erzählendes Objekt.
Erst kürzlich warst du durch den Südtiroler Künstlerbund bei NUCLEO Gent in Belgien. Worum geht es in diesem Projekt?
Für diese Residency wollte ich etwas Neues ausprobieren. Aktuell beschäftige ich mich mit Gesten im alpinen Raum und mit der Frage, wie Beziehungen und Interaktionen zwischen Menschen und Berg dargestellt werden können. Im Zentrum dieser Arbeit steht das (Nicht-)Pflücken bestimmter Alpenblumen und eine Geste, die ich manchmal in den Bergen beobachtet habe: Um eine alleinstehende Blume werden Steine kreisförmig ausgelegt, um auf sie aufmerksam zu machen und sie symbolisch zu schützen. Der Stein – ein Material, aus dem die ersten erhaltenen Werkzeuge und Waffen der Menschheit gefertigt wurden – wird dabei zu einem Kommunikationswerkzeug. Er vermittelt der nächsten Person, die durch diese Landschaft wandert, eine Geste der Fürsorge. Für dieses Projekt habe ich mit einem Game Developer zusammengearbeitet. Videospiele funktionieren über Regelsysteme: Objekte besitzen klar definierte Eigenschaften, Umgebungen sind als interaktive Räume lesbar, und Bewegungen sind auf bestimmte Handlungen und Interaktionen ausgelegt. Aus dieser Zusammenarbeit entstand eine Videoinstallation, in der ich verschiedene Elemente aus der Video-Game-Umgebung herausgelöst und in den Ausstellungsraum übertragen habe.


Wo siehst du dich und deine Kunst in den nächsten Jahren?
Derzeit vernetze ich mich verstärkt mit Künstler:innen, die an den Schnittstellen von Kunst, Pleasure Activism und Sexualpädagogik arbeiten. Besonders die Begegnungen mit Annie Sprinkle und Beth Stephens haben mich darin bestärkt, diese Verbindungen weiterzuverfolgen und meine kollektiven Projektvorhaben zu vertiefen. Außerdem steht das Performance-Stipendium Live Works 2027 bei Centrale Fies an. Insgesamt freue ich mich darauf, unterschiedliche Interessensfelder wie Sexualpädagogik, Alpine Storytelling und mediale Formate, die ich derzeit erforsche, miteinander zu verbinden. Es fühlt sich an, als würde ich gerade an einem Lexikon arbeiten, aus dem sich nach und nach eine eigene Sprache entwickeln kann.
Maya Fluss ist eine Künstlerin, Designerin und Sexualpädagogin aus den Alpen (Italien) und den Anden (Peru). Ihre Ausbildung absolvierte sie in der Design Academy in Eindhoven. In ihre künstlerischen Arbeit befasst sie sich mit Intimität und ökologischen Beziehungen aus einer öko-queer-feministischen Perspektive und untersucht dabei, wie Körper, Identitäten und Umgebungen durch Gesten der Macht und Fürsorge geprägt werden.