Elias Jocher über die Schnittstelle zwischen Technologie und Handwerk

Morph Module, Elias Jocher, 2025, SMACH Biennale, © Gustav Willeit
Zu den zahlreichen ortsspezifischen Kunstwerken, die bei der SMACH-Biennale im Gadertal 2025 ausgestellt wurden, zählt auch das Morph Module von Elias Jocher, Jahrgang 2001, aus Brixen. Der Titel der Skulptur trägt einen Hauch Science-Fiction in sich: Sie könnte durchaus ein Gruß aus der Zukunft sein. Andererseits lässt sich in der kalkartigen Farbe der futuristischen Form ein klarer Bezug zu dem Dolomitengestein erkennen, das die Kulisse für das Kunstwerk bildet. Die Figur scheint zwischen der grauen Urzeit und einer fantastischen Zukunft zu schweben.
Wie viele Arbeiten des Künstlers verbindet sie Elemente, die vermeintlich im Gegensatz zueinander stehen und das Gesamtergebnis etwas befremdlich erscheinen lassen. Je näher man sich allerdings mit seinen Kunstwerken auseinandersetzt, desto klarer wird, dass die Grenzen zwischen bekannt und unbekannt, zwischen konkret und virtuell, zwischen Natur und Technologie oft nicht ganz so deutlich sind, wie wir es vielleicht glauben.

Es wird spannend sein, zu verfolgen, welche neuen Sichtweisen die Arbeiten des Künstlers noch eröffnen werden. Dank eines Aufenthaltsstipendiums an der Cité internationale des Arts in Paris, das durch die Stiftung Südtiroler Sparkasse und den Südtiroler Künstler:innenbund ermöglicht wurde, wird Elias Jocher ab August 2026 drei Monate lang in Paris leben und dort seine künstlerische Arbeit weiterentwickeln. Im folgenden Gespräch gibt er uns einen Einblick in die Überlegungen und Erfahrungen, die seiner Arbeit zugrunde liegen.
Du bist als interdisziplinärer Künstler tätig. Hat dich die Verbindung verschiedener künstlerischer Disziplinen schon immer interessiert?
Ich habe schon lange ein intensives Interesse für Kunst und habe als Kind gerne verschiedene kreative Dinge ausprobiert und mit meiner Familie Ausstellungen besucht. Meine Oberschulausbildung im Bereich der Druckgrafik hat dann zusätzlich ein starkes Interesse für Technologie und digitale Gestaltungsmethoden bei mir geweckt. Dadurch habe ich damit begonnen, meine damaligen Zeichnungen und Ideen anhand verschiedener Medien zu betrachten und zu verändern. Ich wollte mich niemals auf eine einzige Arbeitsmethode festlegen und war schon immer daran interessiert, wie sich verschiedene künstlerische Bereiche miteinander verbinden – und wie sich die Grenzen zwischen Kategorien auflösen lassen.



Wie beeinflusste deine Ausbildung in der Transmedialen Kunst deine künstlerische Arbeit?
In meiner Studienzeit hatte ich die Möglichkeit, meine Interessen näher zu erforschen und mich auszutesten. In den Werkstätten der Universität habe ich unterschiedliche Arbeitsweisen erprobt und mich mit verschiedensten Materialien auseinandergesetzt. Meine Professor:innen haben mich auf diesem Weg begleitet und mir Möglichkeiten geboten, meine Arbeiten bei ersten Ausstellungen zu zeigen. Neben dem Studium habe ich im Bereich Art Handling und Ausstellungstechnik gearbeitet und konnte mir auf diese Weise viel wertvolles Wissen und einen Blick hinter die Kulissen der Kunstwelt ermöglichen. Darüber hinaus lernte ich zu verstehen, welche inhaltlichen Ebenen in meiner Arbeit präsent sind, und konnte mit der Zeit meine eigene Formensprache festigen.
Gibt es bestimmte Materialien, mit denen du besonders gern arbeitest?
Zurzeit arbeite ich intensiv mit Metallen. Wir leben in einer Zeit, in der Metalle oft mit Künstlichkeit assoziiert werden. Ich sehe sie jedoch als Elemente, die zutiefst mit natürlichen Prozessen verbunden sind. Metalle sind gewissermaßen das Blut der Berge, da sie aus den Erzadern der Erdkruste gewonnen werden. Es gerät leicht in Vergessenheit, dass wir heute täglich mit mehr unterschiedlichen Metallen in Berührung kommen als je zuvor in der Menschheitsgeschichte. Sie bilden die physische Grundlage für Technologie und damit trägt jeder Mensch mit einem Smartphone auch eine Vielzahl von Metallen bei sich. Darüber hinaus besitzen Metalle jeweils spezifische und einzigartige Eigenschaften: Sie verändern sich unter Temperatur und Druck, erzeugen Schwingungen und Klänge, beeinflussen Hormone, sind leitfähig und reagieren auf Magnetfelder und andere biologische Systeme. In diesem Sinne sind sie keine passive oder tote Materie, sondern lebendige Bestandteile unserer Umwelt. Für mich ist das Metall ein Material der Transformation und ich arbeite mit verschiedenen Guss- und Verarbeitungstechniken, um meine Werke entstehen zu lassen.

Welche Rolle spielen Landschaften in deiner künstlerischen Arbeit?
Ich versuche durch meine Skulpturen und Objekte fragmentarische Einblicke in erzählte Welten und Denkräume zu eröffnen. Dabei gehe ich davon aus, dass die Art und Weise, wie wir Realität konstruieren und unsere Umwelt wahrnehmen, in einer engen Verbindung zur Narration steht, und damit auch zur imaginativen Landschaft. Ich hatte schon immer ein Fable für Science-Fiction und Fantasy-Literatur und tauchte gerne mit allen Sinnen in Erzählwelten ein. Das Aufwachsen in Südtirols alpiner Bergregion hat meine Wahrnehmung von Landschaft zusätzlich stark beeinflusst. Landschaft und Raum sind für mich zentrale Bezugspunkte, die mir als Grundlage dienen, um meine Arbeiten zu konzipieren und umzusetzen. Sobald ein Werk ausgestellt wird, kommt der Akt der Platzierung als weitere Ebene hinzu: Das Werk wird im jeweiligen Raum neu verortet und tritt in einen Dialog mit ihrer Umgebung.
Deine Skulpturen stellen oft Gesichter und Körperteile dar, die groteske Züge annehmen. Wie entstand dein Interesse für diese Darstellungsweise und welche Möglichkeiten eröffnet sie für deine künstlerische Recherche?
Ich arbeite stets an einer Schnittstelle zwischen Technologie und Handwerk und begreife meine Arbeiten in diesem Sinne als Hybride. Es sind Objekte, die aus einem Zwischenzustand hervorkommen. Mich interessiert es, Grenzen aufzulösen und binären Denkmustern entgegenzuwirken. Aus dieser Haltung heraus bin ich zur Groteske gelangt. Ursprünglich bezeichnet sie eine Ornamentform aus der römischen Antike, in der Mensch, Tier, Pflanze und Objekt zu verschmolzenen Kompositionen zusammengeführt wurden. Solche hybriden, ungewöhnlichen oder monströsen Darstellungsformen tauchen historisch immer wieder auf, im europäischen Raum beispielsweise in der Kathedralplastik des Mittelalters oder auch in anderen Disziplinen wie Literatur und Theater. Das Groteske ist für mich einerseits ein Denkmodell für Ambivalenz und andererseits ein Motiv, welches unser postfaktisches Zeitalter versinnbildlicht und die Subjektivität der menschlichen Realitätswahrnehmung greifbarer macht.


Was hast du durch deine künstlerische Tätigkeit über die Grenzen zwischen Technologie und Natur herausgefunden?
Ich denke, dass unsere Wahrnehmung von Technologie stark von der angenommenen Trennung zwischen Natur und Künstlichkeit geprägt ist. Technologie und Natur sind keine Gegensätze, sie sind durch die schöpferischen Eigenschaften des Menschen eng miteinander verwoben. Der Mensch stellt seit jeher Werkzeuge her, um neue Wege zu erschließen. Dies begann bereits vor 1,8 Millionen Jahren beim Faustkeil und hat sich schrittweise weiterentwickelt. Es ist wichtig, unsere gegenwärtige Welt der Technologie und Daten aus einer solchen Perspektive zu betrachten und anzuerkennen, welche materiellen Realitäten dahinter liegen und wie sie unsere Erde beeinflussen. Denn jede technologische Entwicklung basiert auf natürlichen Ressourcen und greift in ökologische Zusammenhänge ein. Eine Frage, die mich dabei kontinuierlich begleitet ist: Gibt es überhaupt etwas, das nicht natürlich ist? Ist nicht alles, was wir hervorbringen, aus natürlicher Materie entstanden? Und sind nicht selbst komplexe technische und chemische Prozesse an die naturgegebenen Eigenschaften unseres Planeten gebunden? Ist es angesichts dessen nicht kontraproduktiv, alles in Natürlich oder Künstlich zu unterteilen?


