Contemporary Culture in the Alps
Contemporary Culture in the Alps
Since 2010, the online magazine on contemporary culture in South Tyrol and beyond in the Alpine environment.

Sign up for our weekly newsletter to get amazing mountain stories about mountain people, mountain views, mountain things and mountain ideas direct in your inbox!

Facebook/Instagram/Youtube
© 2026 FRANZLAB
Design,People + Views

„Ich bin vernarrt in Stühle“

Im Gespräch mit dem Meraner Designer Alexander Gufler

10.06.2026
Verena Spechtenhauser
„Ich bin vernarrt in Stühle“

Designer Alexander Gufler, ©Martin Václavík

Designer Alexander Gufler, ©Martin Václavík

Alexander Gufler (Meran, 1979) zählt zu den erfolgreichsten Südtiroler Designern seiner Generation. Mit dem Merano Chair – aktuell auch im Rahmen der Ausstellung Scisciorè zu sehen – hat er für die tschechische Möbelmanufaktur TON einen Stuhl entworfen, der heute weltweit in Hotels, Restaurants und Privathäusern zu finden ist. Tatsächlich gilt er als einer der erfolgreichsten und meistkopierten Holzstühle der vergangenen Jahre. Guflers Arbeiten wurden mit zahlreichen internationalen Designpreisen ausgezeichnet; von 2020 bis 2023 war er zudem Kreativdirektor von TON. Heute lebt und arbeitet der gelernte Goldschmied und studierte Industriedesigner zwischen Wien und Meran. Trotz seiner Erfolge spricht Gufler erstaunlich selten über Auszeichnungen oder Karriere. Viel lieber redet er über Holz, Produktionsprozesse und Proportionen. Design ist für ihn keine Frage von Trends oder Selbstdarstellung, sondern des Verständnisses für Material und Handwerk. Vielleicht ist das auch der Grund, warum er sich in der Designszene nie ganz zuhause gefühlt hat. Statt auf Networking und Sichtbarkeit setzt er auf Erfahrung, handwerkliches Wissen und Bauchgefühl.

Wir haben mit ihm über seinen Weg vom Goldschmied zum Designer, die Faszination für Stühle, die Entstehung des Merano Chairs und seine Zeit als Kreativdirektor bei TON gesprochen.

La Zitta, Alexander Gufler x TON, 2023, @ Martin Václavík

Alexander, wie bist du zum Design gekommen?
Eigentlich tatsächlich über Umwege. Ich habe als Goldschmied im Betrieb meines Vaters begonnen und später in Pforzheim meinen Meister gemacht. Dort gibt es an der Hochschule Pforzheim eine renommierte Fakultät für Gestaltung, wodurch ich erstmals intensiver mit Design in Berührung gekommen bin. In dieser Zeit wurde mir schnell klar, dass mich nicht nur Schmuck interessiert. Parallel dazu habe ich begonnen, alte Stühle vom Sperrmüll zu sammeln und aufzubereiten. So ist mein Interesse für Möbel entstanden. Erst danach habe ich Industriedesign in Wien studiert. Während des Studiums hatte ich die Chance, beim einem der Assistenten meines Professors zu arbeiten. Er ist gelernter Tischler und hat mir den Umgang mit Holz sowie das praktische Verständnis für Material und Konstruktion nähergebracht. Das war eine prägende Zeit für mich und hat meinen Zugang zum Design stark beeinflusst.

Was hat dich am Industriedesign besonders gereizt?
Mich hat von Anfang an interessiert, wie aus einer Idee ein Produkt wird. Nicht nur der Entwurf selbst, sondern der gesamte Prozess dahinter. – Wie entwickelt man etwas gemeinsam mit einem Unternehmen? Wie bringt man ein Produkt in die Serienfertigung? Welche technischen, wirtschaftlichen und handwerklichen Faktoren spielen dabei eine Rolle? – Ein guter Entwurf muss nicht nur gut aussehen, sondern auch produzierbar sein. Deshalb ist es wichtig, die Materialien und die Maschinen zu verstehen. Auf dem Computer kann man vieles zeichnen, aber Holz bleibt ein organisches Material. Es hat Faserrichtungen, arbeitet und verhält sich nicht immer so, wie man es am Bildschirm plant. Ich glaube, eine wichtige Aufgabe von Designer:innen ist es, zwischen Idee und Produktion zu vermitteln. Genau dieses Zusammenspiel hat mich immer fasziniert.

In deiner Projektliste finden sich auffallend viele Stühle. Was macht dieses Möbelstück für dich so spannend?
Unter Designer:innen gilt der Stuhl als die Königsklasse. Für mich ist er vor allem ein schönes Objekt, eine Skulptur, die man benutzen kann. Er begleitet uns durch den Alltag, ist ständig präsent und erfüllt gleichzeitig eine ganz konkrete Funktion. Außerdem hat ein Stuhl eine Größe, die man noch gut überschauen kann. Man kann ihn selbst bauen, testen und verstehen. Mich hat dieses Thema irgendwann einfach gepackt. Wenn ich irgendwo hinkomme, schaue ich oft zuerst auf die Stühle. Interessanterweise wollten meine Professoren an der Universität genau das verhindern. Sie haben mir immer geraten, die Finger von Stühlen zu lassen. Man verdiene damit kein Geld, hieß es, und es sei das Schwierigste, was man als Designer machen könne. Niemand wolle mit jungen Designer:innen Stühle entwickeln. Genau das hat bei mir einen Schalter umgelegt. Je mehr mir davon abgeraten wurde, desto mehr wollte ich es machen. Und daraus entstand schließlich der Aran Chair.

Aran Chair, Alexander Gufler x Aodh, 2016, @ Peter Marbury

Der Aran Chair war deine Abschlussarbeit an der Universität. Was bedeutete dieser Entwurf für dich?
Der Aran Chair war mein erster ernsthafter Stuhlentwurf. Rückblickend war er wahrscheinlich zu kompliziert. Damals hatte ich noch nicht die Erfahrung, die ich heute habe, und bin gleich mit einer technisch anspruchsvollen Konstruktion gestartet. Trotzdem war der Entwurf extrem wichtig für mich. Ich habe dabei viel über Konstruktion, Fertigung und Produktionsprozesse gelernt. Man merkt relativ schnell, welche Ideen in der Realität funktionieren und welche nicht. Bis heute ist der Aran Chair nie in Serie gegangen, weil er relativ aufwendig zu produzieren ist. Aber genau diese Erfahrung hat mich geprägt. Danach wollte ich mir beweisen, dass ich auch das Gegenteil kann: einen Stuhl entwerfen, der einfach, klar und effizient produziert werden kann. Aus diesem Gedanken heraus entstand später der Merano Armchair.

Jener Stuhl, der zu deinem internationalen Durchbruch wurde ...
Genau! Der Merano Armchair war das komplette Gegenteil. Statt einer komplexen Konstruktion ging es darum, mit möglichst wenigen Elementen auszukommen. Im Grunde bestand der Entwurf aus vier geraden Holzleisten und zwei Sperrholzschalen. Die spannende Frage war: Wie verbindet man diese Teile so einfach und elegant wie möglich? Den ersten Prototyp habe ich damals im Büro jenes Designers gebaut, bei dem ich neben dem Studium gearbeitet habe. Kurz darauf erzählte mir jemand vom D3 Contest, einem Nachwuchswettbewerb auf der Internationalen Möbelmesse IMM Cologne in Köln. Also habe ich den Stuhl eingereicht und wurde tatsächlich ausgewählt. Dort wurde die tschechische Möbelmanufaktur TON auf den Entwurf aufmerksam. Sie kamen auf mich zu und sagten, sie hätten Interesse, den Stuhl zu produzieren. Ich hatte eineinhalb Stunden Zeit, um über ihr Angebot nachzudenken. Danach bin ich nach Tschechien gefahren, habe mir die Produktionsstätte angesehen und mich aus dem Bauch heraus für die Zusammenarbeit entschieden. Rückblickend war das eine der wichtigsten Entscheidungen meiner beruflichen Laufbahn.

About the authorVerena SpechtenhauserWer bin ich und wenn ja, wie viele? Auf jeden Fall endlich Historikerin und immer noch wahnsinnige Bücherliebhaberin. [...] More
Mit dem Merano Armchair begann eine Zusammenarbeit, die bis heute andauert. Hast du damals geahnt, dass daraus einmal die Merano-Serie entstehen würde?
Nein, überhaupt nicht. Der Merano Armchair war ursprünglich als einzelnes Produkt gedacht. Von einer ganzen Serie war damals keine Rede. Ich verbringe auf Messen gerne viel Zeit am Stand und spreche mit Kund:innen. Relativ schnell hat sich gezeigt, dass der Stuhl sehr gut angenommen wird. Dadurch sind nach und nach neue Ideen entstanden. Zwei Jahre später kam der Merano Side Chair dazu, danach der Barhocker. So ist die Serie Schritt für Schritt gewachsen. Das Schöne an der Zusammenarbeit mit TON war, dass wir uns gegenseitig vertraut haben. Es gibt viele Firmen, die mit externen Produzenten arbeiten. TON produziert selbst und verfügt über ein enormes Know-how. Dadurch konnten wir Entwicklungen direkt vor Ort begleiten und gemeinsam weiterdenken. Die Firma ist riesig. Zu meiner Zeit arbeiteten dort über tausend Menschen. Das Werk in Bystřice pod Hostýnem wirkt fast wie eine kleine Stadt. Es gibt historische Backsteingebäude, eine lange Tradition und eine unglaubliche Erfahrung im Umgang mit Holz. Als ich die Produktion zum ersten Mal gesehen habe, war sofort klar, dass das keine gewöhnliche Möbelfirma ist. Rückblickend war die Zusammenarbeit ein perfekter Match. Es haben schon viele Designer:innen für TON gearbeitet, aber irgendwie hat es zwischen uns einfach funktioniert. Über die Jahre kam immer wieder ein neues Projekt dazu – und so ist die Merano-Familie ganz organisch gewachsen.
Merano Armchair, Alexander Gufler x TON, 2010, @ Lukáš Pelech

Der Stuhl trägt den Namen deiner Heimatstadt. Was bedeutet es für dich, dass ein Entwurf mit dem Namen „Merano“ heute auf der ganzen Welt verkauft wird?
Das ist schon etwas Besonderes. Der Stuhl steht heute tatsächlich auf der ganzen Welt – in Hotels, Restaurants und Privathäusern von Australien über Los Angeles bis nach Marokko. Manchmal bekomme ich Fotos geschickt oder entdecke ihn zufällig irgendwo. Das freut mich natürlich. Interessanterweise ist der Merano Chair ausgerechnet in Meran selbst gar nicht so präsent. Das liegt vor allem daran, dass TON lange Zeit kaum auf dem italienischen Markt vertreten war. Ich selbst habe das auch nie besonders forciert. Generell bin ich eher zurückhaltend. Ich habe keine Social-Media-Kanäle, mache kaum Öffentlichkeitsarbeit und bin niemand, der sich gerne in den Vordergrund stellt. Mir liegt die Arbeit selbst mehr als die Inszenierung darum. Natürlich freue ich mich, wenn ein Entwurf erfolgreich ist. Aber am Ende interessiert mich vor allem, ob ein Produkt gut funktioniert und ob die Menschen es gerne benutzen. Alles andere ist für mich zweitrangig.

Was ist dir bei einem Entwurf besonders wichtig?
Ich mag einfache Dinge mit einem kleinen Twist. Mich interessieren keine komplizierten Lösungen. Je einfacher etwas wirkt, desto schwieriger ist es oft, dorthin zu kommen. Ein ganz wichtiger Punkt sind für mich die Proportionen. Ich glaube, dass Menschen intuitiv spüren, wenn etwas stimmig ist. Gute Proportionen erzeugen ein Gefühl von Harmonie, ohne dass man genau sagen kann, warum. Deshalb arbeite ich oft sehr lange an einem Entwurf. Ich arbeite oft lange an den Details, passe Proportionen an und prüfe immer wieder, ob das Gesamtbild stimmig ist. Irgendwann kommt der Moment, in dem mein Bauchgefühl sagt: Jetzt passt es. Außerdem mag ich Materialien, die ehrlich sind. Ich arbeite am liebsten mit Holz und habe eine große Vorliebe für Monomaterialien. Es interessiert mich weniger, möglichst viele Materialien miteinander zu kombinieren. Mich reizt eher die Frage, wie weit man mit einem Material kommen kann, wenn man es wirklich versteht.

2020 wurdest du Kreativdirektor von TON. Wie kam es dazu und warum hast du die Rolle nach wenigen Jahren wieder abgegeben?
Das ist aus unserer Zusammenarbeit heraus entstanden. TON hat mich gefragt, ob ich die kreative Leitung übernehmen möchte. Durch die enge Zusammenarbeit über viele Jahre war ich ohnehin regelmäßig vor Ort und stark in die Prozesse eingebunden. Irgendwann kam dann dieses Angebot. Ich habe den Job angenommen, allerdings unter der Bedingung, dass wir auch ein komplettes Rebranding machen – also neues Logo, neue Website, die gesamte visuelle Identität. Das war ein sehr intensiver Prozess und am Anfang auch extrem spannend. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, wie groß der Aufwand und die Verantwortung wirklich sind. Ein so umfassender Veränderungsprozess zieht sehr viel Energie. Als das Rebranding abgeschlossen war, habe ich für mich entschieden, diese Rolle wieder abzugeben. Ich bin jemand, der gerne gestaltet und entwickelt, aber weniger in der dauerhaften Steuerung einer Marke arbeitet. Mir ist die unmittelbare Arbeit am Objekt näher als die langfristige Managementebene.

Merano Serie, Alexander Gufler x TON, 2010-2014, @ TON/Alexander Gufler

Vor kurzem hast du deinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt teilweise wieder nach Südtirol verlegt. Was hat diese Entscheidung für dich bedeutet?
Das war eine sehr persönliche Entscheidung. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich wieder näher an meine Wurzeln möchte. Südtirol ist für mich ein Ort, an dem ich gut arbeiten kann – ruhiger, konzentrierter, weniger Ablenkung. Ich habe gemerkt, dass ich keinen klassischen Studio- oder Bürorahmen brauche. Ich arbeite heute viel allein, oft von zu Hause aus oder in kleinen Werkstätten. Das passt besser zu mir. Gute Ideen kommen mir oft beim Wandern. Wenn ich unterwegs bin und Abstand vom Bildschirm habe, kommen die Gedanken ganz von selbst. Wichtig ist mir aber vor allem das Prototyping. Ich baue viel selbst, probiere Dinge aus und lerne direkt am Objekt. Das hilft mir enorm, weil man Probleme früh erkennt und Lösungen unmittelbar testen kann. Diese Nähe zum Machen ist für mich zentral geblieben.

Woran arbeitest du aktuell? Gibt es neue Projekte?
Zuletzt ist mit All’essenza ein neuer Stuhl für TON entstanden, den wir auch beim Salone del Mobile vorgestellt haben. Für mich ist dieser Stuhl eine Art Verbindungspunkt zwischen zwei Entwürfen, die meine Arbeit für das Unternehmen stark geprägt haben: dem eher geometrischen und präzisen Merano Chair und dem weicheren, organischeren La Zitta. All’essenza reduziert die Konstruktion auf das Wesentliche und zeigt noch einmal sehr deutlich, was mich an Stühlen interessiert: Proportionen, Einfachheit und die Frage, wie viel man mit möglichst wenigen Elementen erreichen kann. Darüber hinaus arbeite ich an kleineren Serien und neuen Stuhlentwürfen. Außerdem interessieren mich Objekte wie Kerzenständer oder Leuchten. Aktuell beschäftige ich mich beispielsweise mit Ideen für 3D-gedruckte Lampen. An Ideen fehlt es mir selten. Die spannende Frage ist, welche davon am Ende tatsächlich den Weg in die Werkstatt finden.

All’essenza, Alexander Gufler x TON, 2026, @ Martin Václavík
SHARE
//

Tags

design, designer, Alexander Gufler, Ton, Merano Chair, La Zitta, Aran Chair , All’essenza
ARCHIVE