Was es im Mai und Juni beim Foto Forum Festival und beim ANALOGUE Photo.Festival zu sehen und zu tun gibt

Cockaigne Hydroponic Greenhouse USA, 2023, © Gregor Sailer
Fotografie ist ein Paradox: Sie hält Augenblicke fest und macht zugleich sichtbar, dass sie bereits Vergangenheit sind. In ihr spiegelt sich der Wunsch, die Zeit anzuhalten und das Vergängliche zu bewahren, bevor es verschwindet. Was einst als technisches Experiment mit Licht, Chemie und viel Geduld begann, ist heute zu einer universellen, nicht mehr wegzudenkenden Sprache geworden, die auch ohne Übersetzung verstanden wird. Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum noch nie so viele Bilder produziert wurden wie heute. Mit der Digitalisierung hat sich das einst so geduldige Medium Fotografie radikal beschleunigt. Bilder entstehen und verschwinden in endlosen Bildströmen, werden geteilt, bewertet, gelöscht und wieder vergessen. Gerade in dieser Masse gewinnt die bewusste fotografische Praxis neue Bedeutung. Langsame Prozesse, analoge Techniken und konzeptuelle Ansätze setzen dem schnellen Konsum eine andere Form des Sehens entgegen: ein genaueres, aufmerksameres Hinschauen. Was wir jedoch zu sehen bekommen, hängt immer auch von persönlichen Entscheidungen ab. Von denen, die bestimmen, was sichtbar werden darf und was außerhalb des Bildrandes bleiben soll. So sind Fotografien oft weniger exakte Abbilder der Realität als vielmehr Vorschläge, wie man diese sehen könnte.
Zwischen Mai und Juni finden in Südtirol – genauer gesagt in Bozen und Bruneck und darüber hinaus – gleich zwei Festivals statt, die sich mit dieser Kunstform beschäftigen. Wir werfen einen Blick darauf:
Das Foto Forum Festival schaut vom 10. Mai bis zum 27. Juni 2026 zurück in die Geschichte der Fotografie. Anlass ist ein besonderes Jubiläum: Vor 200 Jahren entstand im französischen Le Gras mit dem Bild „Blick aus dem Fenster” des Erfinders Joseph Nicéphore Niépce die erste dauerhaft fixierte Aufnahme. Ein historischer Moment, der bis heute als Geburststunde der Fotografie gilt. In den Mittelpunkt des Festivals stellt das Team rund um Quirin Prünster und Sabine Gamper, Präsident und Vize-Präsidentin von Foto Forum, die technische und künstlerische Entwicklung der Fotografie, widmet sich gleichzeitig aber auch ihrer engen Verbindung zur Gesellschaft. Im Programm finden sich Ausstellungen, Workshops, Talks und Buchvorstellungen. Hier meine Favourites:
Der preisgekrönte Tiroler Fotograf Gregor Sailer – soeben mit dem Paul-Flora-Preis geehrt – ist am 16. Juni um 18:00 im Foto Forum zu Gast und gibt im Talk mit dem etwas sperrigen Titel Fotografie im Spannungsfeld zwischen Forschung und künstlerischer Praxis Auskunft über sein fotografisches Werk, das künstlerisches Schaffen an den Randzonen menschlicher Zivilisation mit wissenschaftlicher Forschung und investigativer Praxis verbindet. Sailers Arbeiten entstehen dort, wo menschliche Eingriffe auf extreme oder abgelegene Landschaften treffen, und verbinden künstlerische Fotografie mit Recherche, Beobachtung und investigativen Methoden. Im Fokus stehen dabei die Umgestaltung von Natur- und Stadträumen sowie die politischen und ökonomischen Interessen, die sich in Architektur und Infrastruktur einschreiben. Moderiert wird der Talk in deutscher Sprache von Sabine Gamper.

Am 19. Mai um 18:00 findet im Foto Forum der Buch Launch Made Ground des kollaborativen Duos Shona Kitchen und Aly Ogasian statt. Die Publikation, erschienen bei Krisispublishing, zeigt ortsspezifische Arbeiten der beiden Künstlerinnen, enstanden auf der sogenannten „Grey Island“, einer künstlich geschaffenen Landschaft, die sich das Kennedy Space Center der NASA mit dem Merritt Island National Wildlife Refuge teilt. In diesem Spannungsraum zwischen technologischer Infrastruktur und geschützter Natur entfaltet sich eine vielschichtige Erzählung über menschengemachte Umwelten. Das Projekt richtet den Blick auf eine Landschaft, die vollständig von menschlichen Eingriffen geprägt ist und in der sich sehr unterschiedliche Nutzungs- und Bedeutungsebenen überlagern. Die Arbeiten bewegen sich zwischen Beobachtung, Irritation und leiser Zuversicht. Sie fragen danach, wie sich Leben in künstlich geformten Landschaften behauptet und welche langfristigen Spuren menschliche Visionen in der Umwelt hinterlassen. Der Abend wird von Elisabeth Tauber, Dekanin an der FUB, in englischer Sprache moderiert.
Mit dem ANALOGUE Photo.Festival startet vom 3. bis 14. Juni 2026 in Bruneck und darüber hinaus erstmals eine Biennale, die sich vollständig der analogen Fotografie widmet. Das Festival läuft dieses Jahr unter dem Motto „Beyond the Instant“ und versammelt 15 lokale und internationale Künstler:innen, die die analoge Fotografie ins Zentrum ihrer Arbeit stellen. Ausstellungen, Workshops, Photowalks und weitere ortsspezifische Formate fügen sich zu einem vielschichtigen Programm, das zwischen künstlerischer Praxis, Reflexion und Austausch oszilliert. Meine Highlights:
Am 5. Juni 2026 um 19:00 eröffnet im Friseursalon Kamm&Schere von Walli Stecher die Ausstellung mit Werken des verstorbenen Meraner Künstlers Christian Martinelli. Als autodidaktischer Fotograf hat er Reportagen auf der ganzen Welt realisiert. Bekannt wurde er mit der Erfindung von Cube, einem würfelförmigen Gerät zur Herstellung von Großformatfotografien in höchster Qualität. Seine fotografischen Arbeiten waren oft über mehrere Jahre angelegte Projekte, bei denen er immer wieder dieselben Menschen fotografierte, wodurch langfristige Porträtreihen entstanden.
In einem zweitägigen, zweiteiligen Workshop mit den Titeln Analog Sehen und Das Handwerk in der BASIS Vinschgau Venosta am 11. und 12. Juni 2026 geht es um das Erlernen und den bewussten Umgang mit deiner analogen Kamera, einschließlich eines Photowalks sowie der Entwicklung eigener Filme und der Anfertigung klassischer Schwarz-Weiß-Abzüge in der Dunkelkammer. Anmeldung erwünscht.
Und noch etwas gemeinsames ... In einer Zusammenarbeit der beiden Festivals finden am 5. und am 9. Juni 2026 im Foto Forum der Talk Un’immagine è prova di cosa? mit Simona Pezzano und der Buch-Launch Immagini infestate. Ecologie tossiche della fotografia mit Sara Benaglia statt. Beide Veranstaltungen sind in italienischer Sprache und werden von Stefano Riba moderiert.
Das genaue Programm beider Festivals findet ihr hier und hier. Schaut, was euch sonst noch inspiriert und bleibt neugierig!

